Mittwoch, 26. April 2017

Zofingen

3 bis 5°C

Und plötzlich ist alles anders


Roman Schild musste bereits im Alter von 29 Jahren von der NLB-Eishockey-Bühne abtreten. Eine während eines Spiels im November 2011 erlittene Gehirnerschütterung hat beim Oltner eine langjährige Leidenszeit ausgelöst.

BILDER
Roman Schild (rechts) hat in seiner Karriere einige harte Zweikämpfe (wie hier gegen Arnaud Jaquet) ausgetragen. (Bild: ae)

Roman Schild ist beim EHC Olten nicht der einzige, der wegen Gehirnerschütterungen die Schlittschuhe an den Nagel hängen musste. Christian Haldimann und Pascal Krebs erlitten vor zweieinhalb Jahren dasselbe Schicksal und kämpfen heute noch mit den Folgen. «Mir geht es nicht schlecht, aber die Symptome sind noch immer spürbar», sagt Haldimann, bei dem fünf Gehirnerschütterungen diagnostiziert wurden. Er könne seinen Alltag bestreiten, aber längst nicht so wie früher. «Wenn ich viel am Computer arbeite oder unter Stress stehe, habe ich am Abend Kopfweh, Spannungen im Auge oder nachts Migräneanfälle», sagt der ehemalige Verteidiger, «sind die Reize am Tag zu hoch, kommt Übelkeit hinzu.» Ähnlich sieht es bei Pascal Krebs aus, dessen Gleichgewichtsorgan nicht mehr funktioniert. «Dank eineinhalb Jahren in der Reha konnte ich das kompensieren, aber es fühlt sich nicht so an wie zuvor», sagt Krebs. Wenn er Auto oder Ski fahre, sei ihm schnell schwindlig und schlecht. «Mein Körper gibt den Rhythmus vor», sagt der einstige Stürmer, der erst seit sechs Monaten wieder arbeiten kann. Es gehe vorwärts, «aber die Chancen auf eine vollständige Genesung sind gleich null». Er und seine Leidensgenossen bestreiten zudem einen einsamen Weg. «Ich muss mich stets rechtfertigen», so Krebs, «hingegen wird jemand mit einem Kreuzbandriss als armer Kerl bezeichnet, obschon er nach wenigen Monaten wieder einsatzfähig ist.» (Pka)

 

Von September bis Januar war es ganz schlimm», erzählt Roman Schild mit einigen Monaten Abstand, «ich war pro Tag 15 Stunden am Schlafen und konnte nur zwei, drei Stunden etwas erledigen.» Auch deshalb entschied sich der 29-jährige Oltner dazu, sechs Wochen ins Ausland zu verschwinden. «Ich habe mich selbst aus dem Verkehr ziehen müssen», so Roman Schild, «für einen Sportler ist es kaum zu ertragen, wenn er zusehen muss, wie die Teamkollegen in den Playoffs kämpfen und er selbst sogar vom Zuschauen überfordert ist.» Mittlerweile gehe es ihm ein wenig besser, «aber zwischendurch war ich in ein tiefes Loch gefallen, musste psychologische Hilfe und Medikamente in Anspruch nehmen. Zuletzt habe ich aber eine positive Entwicklung durchgemacht und ich konnte die Medikamente glücklicherweise wieder absetzen.»

Rückblende: Es war im November 2011, als Roman Schild nach einem «normalen» Check erstmals mit Beschwerden zu kämpfen hatte. Was im ersten Moment wenig beunruhigend schien, zog einen Rattenschwanz nach sich. Immer wieder versuchte der gelernte Mediamatiker mit Berufsmatur die Rückkehr aufs Eisfeld, so wie früher wurde es aber nie mehr. «Seit dem Unfall bin ich mehr am Leiden als etwas anderes», sagt Roman Schild. Konzentrationsschwierigkeiten und weitere körperliche Beeinträchtigungen haben es dem Stürmer verunmöglicht, pro Saison mehr als 15, 20 Partien zu absolvieren. «Sobald die Intensität höher wurde oder ich einen Schlag – und zwar nicht einmal unbedingt gegen den Kopf – kassiert habe, hatte ich enorme Probleme. Es wurde nur noch zu einem Abnützungskampf. Für einen Vollblutsportler, der schon von klein an auf Leistung getrimmt wurde, ist so etwas kaum zu akzeptieren.»

Hinzu kamen Schwierigkeiten ausserhalb des Sports. «Nach der Berufsmatur hätte ich gerne weitergemacht. Ich habe im September ein Studium angefangen, um den Einstieg nach der Sportkarriere einfacher zu schaffen. Nach drei Wochen musste ich das Experiment aber beenden, weil es in meinem Zustand unmöglich war, ein anspruchsvolles Studium zu absolvieren und geistige Leistung zu bringen. Wenn du merkst, dass die Energie fehlt, um auch nur einen einzigen Tag richtig durchzustehen, sorgt das für Zukunftsängste. Mir ist etwa durch den Kopf gegangen: Du wirst es auch in der Privatwirtschaft nirgends hinbringen, wenn es so bleibt.» Und noch mehr: «Habe ich einmal im Ausgang etwas getrunken und war es auch nur wenig, habe ich es am nächsten Tag viel extremer gespürt», erzählt Schild, «so ist es gekommen, dass ich auch am Samstagabend zuhause geblieben bin und die sozialen Kontakte darunter gelitten haben.»

Es braucht weiterhin viel Geduld – und das ist normalerweise nicht die grosse Stärke eines Leistungssportlers. Doch Roman Schild hat aus der Vergangenheit gelernt und weiss heute, dass man sich manchmal mehr Zeit geben muss als erwartet. «Es ist bei mir sicher nicht ideal gelaufen», sagt Schild, «ich habe zu früh zu viel gemacht, was immer wieder für Rückschläge gesorgt hat. Weil ich in den letzten Jahren immer mehr Aufwand betreiben musste als ein gesunder Mensch, hat sich auch so etwas wie ein Leistungsburnout entwickelt.»

Beunruhigenderweise ist Roman Schild nicht der einzige Sportler, der mit Gehirnerschütterungen und deren vielfältigen Folgen zu kämpfen hat. Die Meldungen von schweren Verletzungen im Kopfbereich häufen sich in vielen Kontaktsportarten wie American Football, Boxen oder eben Eishockey. «Das Bandensystem in der Schweiz ist schlicht eine Katastrophe», erklärt Roman Schild, «zum Teil sind das Betonpflöcke. Ein weiterer Grund für die Häufung solcher Verletzungen ist sicher, dass von den Spielern immer mehr gefordert und die Regenerationszeit immer kürzer wird. Und zu guter Letzt herrscht auf dem Eis manchmal Krieg. Gefährliche Angriffe müssen in Zukunft härter sanktioniert werden. Man sollte fehlbare Akteure länger aus dem Verkehr ziehen.»

Auch Roman Schild wurde aus dem Verkehr gezogen – und zwar dauerhaft. Den Rücktritt hat er offiziell zwar nie gegeben, aber es ist klar, dass es im Leistungssport für den 29-Jährigen keine Zukunft mehr geben wird. «Das tut weh, weil Hockey meine grosse Leidenschaft ist», sagt Roman Schild, «aber ich habe gegen etwas gekämpft, gegen das ich nicht gewinnen konnte. Mein Körper hat mir gesagt, dass es nicht mehr geht.» (Michael Wyss)

Kommentare zu diesem Artikel (0)
Kommentar zu diesem Artikel schreiben
Ihr Eintrag wird nach einer Überprüfung online gestellt.





Sie befinden sich hier: 

Home / RESSORTS / EHCO Mobile-Website anzeigen


Verlag

Zeitungen





Copyright 2016 © Zofinger Tagblatt