Sonntag, 23. Juli 2017

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«Ich weiss, wann ich hart sein darf»


Der neue EHCO-Trainer Maurizio Mansi spricht vor dem Saisonstart über seine Erinnerungen an die Jugend, sein verpasstes NHL-Ziel, hohe Saisonziele und seinen Job bei der spanischen Eishockey-Nationalmannschaft.

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EHCO-Trainer Maurizio Mansi sieht sich als kommunikativen Headcoach: «Ich bin hart, aber immer fair.». (Bild: Bruno Kissling)

Maurizio Mansi, wissen Sie, wann Olten zuletzt in die NLA aufgestiegen ist?

Maurizio Mansi: Ich weiss, dass der Klub 1934 gegründet wurde.

Es war 1993.

Wissen Sie, es ist einfacher, abzusteigen als aufzusteigen. Der Schritt von der NLB zur NLA ist riesig. Alle wollen gewinnen – ich will auch gewinnen, aber man muss realistisch bleiben. Es muss alles stimmen in einer Organisation, dass es zu einem Aufstieg reicht.

Trotzdem heisst es in Olten immer wieder, dass ein Aufstieg längst überfällig ist.

Ja, aber Sie müssen auch sehen, dass Olten vor Jahren beinahe Bankrott ging. Über 20 Jahre nicht mehr in der Topliga zu spielen, ist eine Sache, aber wenn man beinahe Bankrott geht und viele Höhen und Tiefen erlebt hat, sehe ich das etwas differenzierter.

Wie sehen denn die offiziellen Saisonziele aus?

Wir werden in der Garderobe noch darüber sprechen.

Sie haben mit dem Team noch nie darüber gesprochen?

Sie wissen ja, welche Ziel die Organisation verfolgt?

Playoff-Final.

Ich sage den Jungs immer: Du musst jede Saison mit dem Ziel starten, Champion werden zu wollen. Du startest als Spieler keine Saison mit dem Ziel: Hey, ich will Platz 8. Unser Ziel muss primär sein, immer besser zu werden. Dann kommt der Erfolg von alleine. Am Ende werden wir sehen, ob wir das Ziel erreichen können. Wir dürfen uns nicht auf diesen Playoff-Final versteifen.

Aber es ist schwierig, das Saisonziel aus den Köpfen zu bringen – vor allem hier in Olten, wo die Erwartungen so gross sind.

Es bringt nichts, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Wir müssen uns auf heute fokussieren und Schritt für Schritt vorwärtskommen. Wenn wir uns immer und immer wieder in Erinnerung rufen, wir müssten den Playoff-Final erreichen, vielleicht sogar während den Spielen daran denken, dann werden wir es definitiv nicht schaffen.

Sie sind nun seit einigen Wochen im Amt. Wie gefällt es Ihnen in Olten?

Ich bin sehr glücklich hier. Die Leute, die ich schon kennenlernen durfte, sind alle sehr freundlich. Und bei der Arbeit macht es viel Spass, das Team arbeitet sehr professionell. Um ehrlich zu sein, war ich noch nicht oft im Stadtzentrum – die Zeit verging zu schnell. Ich wohne in Obergösgen und hoffe, dass ich während der Saison öfter dazu kommen werde, die Region zu entdecken.

Haben Sie Olten vor Ihrer Unterschrift schon gekannt?

Ich war in den letzten drei Jahren zu Scouting-Zwecken ein paar Mal hier. Ich sah unter anderem Spiele in Zürich, Bern, Rapperswil, Olten – ich kenne das Schweizer Eishockey gut. Für meinen Job ist es wichtig, viele Spiele zu sehen.

Was war Ihr erster Eindruck des Teams, als Sie hier ankamen?

Ein sehr guter. Die Schweizer sind ja bekannt für ihr schnelles Spiel, sind läuferisch stark und technisch versiert. Das habe ich schon im ersten Training bemerkt. Ich bin beeindruckt von den Spielern, ich habe ihnen viele neue Übungen gezeigt, die sie sofort umgesetzt haben.

Sind Sie zufrieden mit der Vorbereitung?

Mit dem Einsatz des Teams und unserem Lernprozess von Tag 1 bis heute bin ich zufrieden, mit den Resultaten weniger. Auf der anderen Seite muss man berücksichtigen, dass wir fast nur gegen oberklassige, stärkere Teams gespielt haben. In vielen Spielen haben wir sehr gute Drittel abgeliefert, nun müssen wir dies über 60 Minuten zeigen. Die Vorbereitung war eine Bereicherung.

Hatten Sie zu Beginn eine bestimmte Idee, die Sie implementieren wollten?

Ich will, dass die Spieler Verantwortung übernehmen und ich will, dass sie mit mir sprechen und ihre Meinung mitteilen. Ich versuche auch, nicht ein Arschloch zu sein, das ist nicht produktiv und hilft niemandem. Aber ich will eine klare Linie haben: Wenn man aus Fehlern nicht lernt, wird es Konsequenzen haben.

Und die wären?

Der Spieler wird nicht spielen, solange er es nicht kapiert. Mein Job ist es, ihm meine Linie und mein Spielsystem beizubringen. Ich bin verantwortlich, dass alle das System verstehen und umsetzen. Und wenn es einer nicht versteht, dann liegt es an mir, ihm es beizubringen, bis er schliesslich bereit ist, dieses System zu spielen.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Ich bin sehr kommunikativ und ich bin hart, aber immer fair. Ich lege viel Wert auf Disziplin und dass das Team stets zu hundert Prozent präsent ist. Meine Botschaft ist: Du darfst bei mir Fehler machen, das ist kein Problem, aber lerne daraus und mach ihn kein zweites Mal. Ich vermittle deshalb viel Verantwortung.

Und wer übernimmt vor allem Verantwortung?

Alle müssen Verantwortung übernehmen. Wir stimmten in der Kabine über das Captainamt ab. Daraus ergab sich auch eine Führungsgruppe, die mit der Zeit immer grösser werden wird. Es ist wichtig, dass sich diese Gruppe in der Kabine um das Team kümmert. Ich will nicht in die Garderobe gehen müssen und sagen, dass sie heute faul sind und sie nicht kämpfen. Solche Sachen wird die Führungsgruppe übernehmen müssen.

Stefan Hürlimann bleibt aber Captain?

Ja, er wurde vom Team wiedergewählt. Die Assistenten sind Reto Kobach, Marco Truttmann, Cédric Schneuwly und Philipp Wüst – die letzteren beiden für die Auswärtsspiele, die ersteren für die Heimspiele. Das ist jedoch eine Momentaufnahme. Marc Grieder ist ein weiterer Kandidat. Sie alle sind meine rechte Hand. Wenn ich in die Garderobe muss und wütend bin, dann bedeutet das auch, dass diese Jungs ihre Arbeit nicht erledigt haben.

Wie wichtig ist der psychologische Teil beim Coachen?

Sehr wichtig. Du bist der Chef von 25 Spielern, die nicht alle denselben Charakter tragen. Man muss wissen, bei welchen Spielern man zu welchem Zeitpunkt hart durchgreifen kann. 

Schweizer Spieler haben den Ruf, dass sie dünnhäutig sind.

Ich habe ein gutes Gefühl, mit welchen Spielern ich härter sein darf und welche überempfindlich sind.

Gibt es denn viele sensible Spieler im Kader?

Nicht mehr empfindliche als sonst wo, aber wir haben einige, die sehr sensibel sind. Dann musst du das im Umgang mit diesem Spieler berücksichtigen.

Wie kam die Verpflichtung von Ihnen zustande? Sie waren eine kleine Überraschung.

Ich weiss. Die Eishockeywelt ist überschaubar. Ich kenne Köbi aus Zeiten in Deutschland. Dann bekam ich das Vorstellungsgespräch. Ich weiss nicht, ob ich schlussendlich ihr Wunschkandidat war. Vielleicht waren all die grossen Namen wie Bengt-Ake Gustafsson, Sean Simpson oder Ralph Krueger ein Thema und alle sagten ab (lacht). Nein im Ernst: Ich bin froh und glücklich, dass sie sich für die Person entschieden haben und nicht für einen Mann mit Status. Es ist schön zu wissen, dass es Manager gibt, die sich für diejenige Person entscheiden, von der sie überzeugt sind, dass sie die Mannschaft am besten führen kann.

Hätten Sie Ihr Geld darauf gewettet, dass Sie den Job bekommen?

Nach dem Interview, ja. Ich hatte ein positives Gefühl nach dem Vorstellungsgespräch.

Sie hatten nie das Gefühl, eine Zweitlösung zu sein?

Nein, das spielt auch keine Rolle. Jetzt liegt es an mir, mich zu beweisen und allen zu zeigen, dass ich doch nicht eine solch grosse Überraschung war.

Nach Ihrer Verpflichtung hat der EHC Olten Ihren Freund Chris Bartolone als Assistent verpflichtet.

Ich habe Chris vorgeschlagen! Es standen vier, fünf Kandidaten zur Debatte. Ich wollte jemand, der mich kennt, dem ich vertrauen kann und der loyal ist. Er versteht sich auch blendend mit jungen Spielern.

Und Sportchef Köbi Kölliker ist Ihr zweiter Assistenztrainer? Er war in den Testspielen stets auf der Bank zu sehen.

Nein, nein. Das war nur während der Vorbereitung. Wir haben darüber gesprochen. Ich habe kein Problem, wenn Köbi auf der Bank ist, aber wir haben uns darauf geeinigt, dass ich mit Chris das Team coache und er während den Saisonspielen auf der Tribüne das Spiel analysiert und uns jeweils zwei, drei gute Inputs liefert.

Das stört Sie nicht? Es gibt Trainer, die keine Inputs von aussen wünschen.

Ich weiss, wie man Hockey spielt, ich habe viel Erfahrung. Aber ich weiss nicht alles, deshalb habe ich kein Problem damit.

Man sah Köbi Kölliker mit der Taktiktafel in der Hand auf der Bank. Was war denn sein Job?

Er erfasste einzelne Statistiken, die wertvoll für mich sind.

Sind Sie ein grosser Statistik-Fan? In der NHL sind Statistiken von zentraler Bedeutung.

Für mich persönlich ist es manchmal zu viel. Du darfst als Trainer das Gefühl für das Spiel nicht verlieren. Die Statistiken helfen dir, das Team einzuschätzen und deine Schwächen zu finden, aber du darfst dich nicht darauf versteifen. Ein Skorer, der vier, fünf Spiele nicht trifft, muss nicht zwingend schlecht gespielt haben. Aber klar, Statistiken kann man nicht ausblenden. Wenn der Gegner 50 Chancen kreiert und dabei 50 Mal aufs Tor schiessen kann, bedeutet das, dass wir defensiv ungenügend arbeiten.

Sie sind in Montreal aufgewachsen. Haben Sie gute Erinnerungen an Ihre Kindheit?

Ja, sehr gute! Ich wuchs in einer italienischen Familie auf in einem wunderschönen Quartier mit einer mehrsprachigen Nachbarschaft. Wir waren nicht reich, aber auch nicht arm. Ich war das zweite Kind und bekam deshalb alles, was ich wollte, während sich mein älterer Bruder durch die harte Erziehung durchkämpfen musste (lacht). Mein Vater arbeitete auf dem Bau und meine Mutter war Hausfrau. Meine Familie hat sich für mich aufgeopfert, ihr verdanke ich alles, ich liebe sie.

Sind Ihre Eltern nach Kanada ausgewandert?

Ja, meine Eltern stammen beide aus demselben kleinen Dorf in Italien, Casacalenda bei Termoli, lernten sich aber in Montreal kennen – was für ein Zufall!

Sind Sie oft in Casacalenda?

Nein, ich war erst einmal dort. Meine Mutter besuchte mit uns ihre Heimat nach 59 Jahren wieder mal. Sie können sich vorstellen: Es war sehr emotional alle Verwandten wieder zu sehen oder kennenzulernen, es flossen viele Freudetränen.

Sind Sie mehr Italiener oder mehr Kanadier?

Ich bin stolz auf meine italienischen Wurzeln. Seit ich hier in Europa lebe und arbeite, bin ich mehr Italiener. Die europäische Kultur ist momentan mehr in mir drin, aber auch, wenn ich in Kanada bin – man verliert den Italiener nicht in sich.

Trotz italienischen Wurzeln sind Sie kein Fussball-Fan?

Wir wuchsen mit Skates auf und waren wann immer möglich draussen und spielten Eis- oder Ballhockey. Im Sommer spielten wir auch viel Baseball oder Football. Fussball war in Kanada zu dieser Zeit keine grosse Sportart. Und als kleiner Junge gab es am Samstagabend immer nur eines: Die Montreal Canadiens. Niemand brachte mich dann vom Fernseher weg.

1985 wurden Sie in der NHL gedraftet. Weshalb hat es nicht für die NHL gereicht?

Es war schön, ausgerechnet von Montreal - meinem Lieblingsteam - gedraftet zu werden, aber vielleicht hätte ich eher von einem anderen Team gezogen werden müssen, um eine Chance zu erhalten. Ich habe nie bedauert, dass ich in Europa meine Karriere fortgesetzt habe. Schliesslich durfte ich unvergessliche Momente mit der Nationalmannschaft Italiens an den Olympischen Spielen erleben. Das Einzige, was ich bedauere, ist, dass ich kein einziges NHL-Spiel bestreiten durfte, ich hätte sehr gerne nur ein einziges gespielt.

Sie waren lange Zeit Assistenztrainer – nun sind Sie wieder Headcoach. Was ist Ihrer Meinung nach der Unterschied?

Die endgültigen Entscheidungen. Als Headcoach bist du derjenige, der führt. Ich wollte unbedingt wieder Headcoach sein. Mein Assistent Chris hilft mir ungemein viel mit seiner Arbeit, wir sprechen alle Details ab, aber ich will derjenige sein, der entscheidet.

Sie sind nach wie vor Assistenztrainer der spanischen Nationalmannschaft. Wie kann man sich Ihren Job dort vorstellen?

Luciano Basile, ein Freund, der mal Trainer von mir war, ist dort Headcoach. Er brauchte einen Assistenten und fragte mich an, ob ich helfen könnte. Wir treffen uns jeweils nach der Saison zu einem Trainingscamp, tragen Freundschaftsspiele aus und treten dann Ende Saison an den alljährlichen Weltmeisterschaften an. Es macht grossen Spass, ich liebe es.

Wie beurteilen Sie das Niveau?

Wir sind in der Gruppe 2a, das ist die dritthöchste Division. Wir waren schon einige Mal nahe am Aufstieg dran, aber es reicht noch nicht ganz. In Spanien haben wir das Problem, dass das Niveau in der Liga, in der nur sechs Mannschaften spielen, sehr bescheiden ist. Die Spieler haben viel Talent, aber sie haben niemanden, der dieses Talent fördern kann.

Welche Ziele verfolgen Sie denn in Spanien?

Wir wollen die spanische Hockeykultur fördern und unseren Sport dort populärer machen. Wir haben in den letzten zwei Jahren die Mentalität im spanischen Hockey verändert: Wir wollten das Nationalteam verjüngen, brachten sechs U20- sowie zwei U18-Junioren ins Team. Bislang waren es die 40-jährigen Spieler, die das Spiel bestimmten. Nun sind es die Jungen, die sehr hungrig sind.

Haben Sie schon versucht, spanische Auswanderer in Übersee zu kontaktieren? Es muss bestimmt den einen oder anderen NHL-Superstar mit spanischer Staatsbürgerschaft geben, der für Spanien spielen würde.

Wir haben daran gedacht und haben Talente gesucht. Das Problem ist nur, dass solche Projekte viel Geld kosten, das uns in Spanien nicht zur Verfügung steht. Zuerst müssen wir die Liga verstärken. Als ich hier in Olten meine Arbeit begann, hat mein Freund aus Spanien eine Nachricht geschickt mit rund zehn Namen von Spielern, die in der Schweiz spielen und spanische Staatsbürger sind. Am EHCO-Cup habe ich zusätzlich mit Marco Rosa von Krefeld gesprochen, er hat den spanischen Pass und könnte sich vorstellen, eines Tages in Spanien mitzuhelfen. Euphorisiert hat mein spanischer Freund gemeint, ich solle ihn sofort für Spanien unter Vertrag nehmen (lacht).

Verstehen Sie, dass man Sie hier in Olten auf diesen Job in Spanien reduziert?

Nein. Es ist ein Nebenjob, den ich aus Liebe zum Sport mache. Es ist eine grosse Leidenschaft von mir, das Eishockey in Spanien gemeinsam mit guten Freunden weiterzuentwickeln. Und ich komme ja nicht nur mit den Erfahrungen aus Spanien nach Olten, ich komme mit der Erfahrung aus Kanada und der deutschen Liga DEL.

Die WM der unteren Divisionen findet doch Ende März, Anfang April statt?

(schmunzelt) Ja, ich hoffe, dass ich dann nicht bei der Nationalmannschaft sein kann und wir hier in Olten den grossen Erfolg feiern. (Silvan Hartmann und Marcel Kuchta)

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