Dienstag, 21. Februar 2017

Zofingen

8 bis 11°C

Kleine Fragen, grosse Freiheit


Chefredaktor Philippe Pfister über Streichelzoos, Salzstrategie und Zuckersteuer.

BILDER
Chefredaktor Philippe Pfister

Vor ein paar Tagen bin ich beim Lesen über einen Satz gestolpert, bei dem ich am Seitenrand gleich zwei Ausrufezeichen hingekritzelt habe.

Der Satz geht so: «Ich behaupte, dass die öffentliche Verwaltung in sämtlichen Ländern Europas nicht nur stärker zentralisiert ist als früher, sondern sich auch inquisitorischer um die Einzelheiten des staatlichen Lebens kümmert; allenthalben dringt sie weiter als früher in das Privatleben vor; immer mehr, immer unbedeutendere Vorgänge regelt sie auf ihre Weise, und sie breitet sich mit jedem Tage mehr aus, neben dem Einzelnen, um ihn herum und über ihm, um ihm beizustehen, ihn zu beraten und zu vergewaltigen.» Geschrieben hat den Satz der grosse französische Publizist, Politiker und Historiker Alexis de Tocqueville – vor rund 175 Jahren.

Tocqueville war damals über den Atlantik gesegelt, um die junge amerikanische Republik zu studieren. Mit brillanter Schärfe und prophetischem Blick schilderte er die Abgründe, auf die er Demokratien zusteuern sah. Sind die Prinzipien der Freiheit und Gleichheit erst einmal errungen, kümmern sich die Menschen lieber um ihre Privatgeschäfte – um die kollektiven Interessen sorgt sich ja der Staat. Der ist irgendwann so mächtig, dass sich die Menschen gar nicht mehr wehren können. Die Staatslenker setzen nun alles daran, den Bürger «zu leiten und zu beraten, ja ihn notfalls gegen seinen Willen glücklich zu machen», schreibt Tocqueville an anderer Stelle.

Den Bürger gegen seinen Willen glücklich machen? Man muss nicht allzu lange nachdenken, um schlagende Beispiele dafür zu finden, wie recht Tocqueville doch V hatte. Falls Sie wie ich irgendwo etwas Rauchbares herumliegen haben, schmettert Ihnen Papa Staat wohl gerade Schockbilder entgegen – als ob der Teufel höchstpersönlich den Tabak erfunden hätte. Schalten Sie die Nachrichten ein, begegnet Ihnen garantiert ein Bundesamt, das aufgrund einer Studie neue Vorschriften oder wenigstens eine sogenannte «Sensibilisierungskampagne» fordert – logischerweise sind dazu mehr Steuergeldern nötig. Steter Tropfen höhlt den Stein, wusste schon Tocqueville: Wenn es nach manchen Köpfen im Bundesamt für Gesundheit ginge, müssten wir schon morgen eine Steuer auf Zucker abliefern, weil wir angeblich zu viel davon futtern und uns das in Übergewicht und Diabetes treibt. «Salzstrategie» nennt das gleiche Amt den Versuch, uns bei jedem Griff nach dem Salzstreuer auf die Finger zu hauen – der Blutdruck!

Sie denken, ich übertreibe? Nein, so richtig dick kommt es erst. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) will Streichelzoos mit Kaninchen, Kleinnagern und Küken verbieten. Das seien Fluchttiere, und Fluchttieren seien Kinder, die ja gerne warme Felle streicheln, nicht zuzumuten, so die Argumentation. Nur ein Verbot von Streichelzoos könne die Tiere vor solchem Stress bewahren. Im Visier hat das BLV auch Tierausstellungen. Der Gesundheitszustand von ausgestellten Vierbeinern muss künftig zwei Mal täglich kontrolliert und für die Nachwelt überprüfbar dokumentiert werden – von dafür geeigneten Personen. Der Bauernverband bezeichnet die geplanten neuen Vorschriften als «unverhältnismässiges Bürokratiemonster». Zu Recht. Was kommt als Nächstes? Der halbjährliche Besuch eines staatlich besoldeten Veterinärs, der kontrolliert, ob meine Wohnung über einen Kratzbaum und ein ordentlich gereinigtes Klo für meine zwei Stubentiger verfügt? Man mag jetzt einwenden, Zuckersteuer und Streichelzoos seien die falschen Kulissen, über Freiheit und Demokratie nachzudenken.

Genau das möchte ich bestreiten. Und ich habe bei Tocqueville eine Stelle gefunden, die mich in meiner Überzeugung bekräftigt. Würden die Bürger nicht aufpassen, warnte der visionäre Franzose um 1840, so werde der Staat sie mit einem «Netz kleiner, verwickelter, enger und einheitlicher Regeln» bedecken. Dieses sei irgendwann so eng, dass es nicht einmal die «originellsten Geister und die stärksten Seelen zu durchdringen vermögen». Sanft sei sie, die Macht des Staates: sie breche den Willen nicht, sondern schwäche, beuge und leite ihn. Der moderne Staat tyrannisiere nicht, prophezeite Tocqueville. Aber: «Er belästigt, bedrängt, entkräftet, schwächt, verdummt und bringt jede Nation schliesslich dahin, dass sie nur noch eine Herde furchtsamer und geschäftiger Tiere ist, deren Hirte die Regierung.» Nun, nur noch eine Herde furchtsamer und geschäftiger Tiere sind wir wohl noch nicht. Aber es wäre falsch, sich dem Glauben hinzugeben, Freiheit könne man nur an den ganz grossen politischen Fragen messen.

Es sind gerade die kleinen, unscheinbaren, vermeintlich nebensächlichen Vorschriften, Einschränkungen und Regelungen, denen wir unser grösstes Misstrauen entgegenbringen sollten. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.

Alle bislang erschienenen «Zum Wochenende» finden Sie online in unserem Dossier.

Kommentare zu diesem Artikel (0)
Kommentar zu diesem Artikel schreiben
Ihr Eintrag wird nach einer Überprüfung online gestellt.





Sie befinden sich hier: 

Home / RESSORTS / Region Mobile-Website anzeigen


Verlag

Zeitungen





Copyright 2016 © Zofinger Tagblatt