Sonntag, 20. August 2017

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Ohne Bart, Cap und Brille wie Cro ohne Pandamaske


Die Lindenbühne gehörte am späten Samstagnachmittag ganz klar Mark Forster. Wir haben ein Interview sowie den Konzertbericht vom sympathischen Pfälzer.

BILDER
Mark Forster am Heitere Open Air. (Foto: adi)

Welches war die spektakulärste Kulisse, vor der Sie schon aufgetreten sind?

Mark Forster: Meinen ersten Auftritt hatte ich auf dem Couchtisch meiner Oma. Sie erzählt heute noch davon, wie ich ihre Schampusflasche als Mikrofonersatz verwendet habe. In den letzten Jahren hatte ich das Glück, auf vielen noch grossartigeren Bühnen auftreten zu dürfen. An Silvester habe ich am Brandenburger Tor in Berlin vor einer Million Menschen gespielt. Wobei es keinen sichtbaren Unterschied zu einem Konzert vor 50‘000 Leuten mehr gibt.

Was nehmen Sie auf der Bühne überhaupt von Ihrem Publikum wahr?

Jedes Menschenmeer hat seinen eigenen Charakter. Es gibt den schüchternen Typ, mit dem ich besonders einfühlsam umgehen muss, oder den Rabauken, der sogar mich mitreisst. Ist das nicht spannend?

Welche Eindrücke haben Sie in der Schweiz gesammelt?

Ich erinnere mich an ein Konzert mit meinem ersten Album an einem Festival in Luzern. Wir waren schon nachmittags an der Reihe und auf der Bühne nur zu dritt, weil ich mir noch nicht mehr Musiker leisten konnte. Das Publikum behandelte uns sehr nett, obwohl es kaum eine Ahnung hatte, wer wir waren und was wir da sollten. Damals haben wir auch in einem kleinen Laden in Zürich gespielt. Es kamen nur 50 Leute, aber es war trotzdem ein toller Abend.

Haben Sie nie Durststrecken erlebt?

Natürlich gab es Auftritte, zu denen weniger Leute kamen als erhofft, aber die beste Story verdanken wir unserer Plattenfirma. Als sie uns mitteilte, dass wir mit dem Debütalbum am berühmten Open Air St. Gallen spielen können, freuten wir uns riesig. Am Ende waren aber Mikrofon und Gitarre im Pressezelt aufgestellt  ... Und als wir loslegten, stürzten die Journalisten alle nach draussen, da die Foo Fighters gerade auf der Hauptbühne zu spielen begannen. Ich glaube, das war der erniedrigendste Augenblick meines Lebens!

Wie gross haben Sie sich gefühlt, als «Wir sind gross» fertig war?

Ich habe dieses Lied geschrieben, um das Gemeinschaftsgefühl zu feiern, das mich mit den Menschen verbindet, die mich als kleine Tour-Familie seit den Anfängen durch alle Hochs und Tiefs begleitet haben. Da ich den Eindruck hatte, dass es mir gelungen war, fühlte ich mich auf jeden Fall mindestens zwei Zentimeter grösser als vorher!

Wie wurde daraus eine Fussball-EM-Hymne?

Die Plattenfirma fand das Lied toll und hat es dem ZDF vorgeschlagen. Nachdem der Sender bei der WM-Berichterstattung 2014 bereits «Au Revoir» eingesetzt hatte, war ich überrascht, dass ich schon wieder zum Zug kam und in Frankreich sogar mit Experten wie Oli Kahn und Oli Welke über die Spiele diskutieren durfte.

Mit «Chöre» ist Ihnen schon wieder so ein Ohrwurm gelungen. Wie wurde er zum Titelsong von «Willkommen bei den Hartmanns»?

Simon Verhoeven, der den schlauen und unterhaltsamen Film über eine gutbürgerliche Münchner Familie, deren Leben ganz schön durcheinandergewirbelt wird, als sie einen Flüchtling aufnimmt, gemacht hat, fragte mich an, nachdem er mein Album gehört hatte.

Wie passt das Lied zur Handlung?

Es drückt ein Aufbruchs- und Versöhnungsgefühl aus. Ich habe den Text für einen Kumpel geschrieben, der sich immer schlecht fühlt und klein macht. Um ihn aufzumuntern, wollte ich für ihn grosse Bläser, konkrete Streicher und den besten Gospelchor der Welt. Also habe ich gegoogelt und kam so auf die Harlem Gospel Singers.

Und wie bekommt man sie als Mark Forster aus Kaiserslautern?

Ich habe ihnen eine E-Mail geschrieben und ein paar Wochen später war ich in Manhattan in einem Studio, in dem sonst Jay-Z aufnimmt. Die Gospel Singers kamen aber mit der U-Bahn aus Harlem und wir durften drei oder vier Tage mit ihnen aufnehmen.

Wie hat die Zusammenarbeit funktioniert?

Wir waren sehr gut vorbereitet und händigten dem Chor sofort die Noten aus, doch die Gospel Singers meinten: «Packt die Noten weg, die könnten wir eh gar nicht lesen. Erklärt uns lieber, worum es in dem Song geht, und singt uns die Melodie vor.» Alles andere haben sie aus dem Bauch heraus ergänzt. Ich habe daraus wahnsinnig viel gelernt.

Wofür steht der Titel «TAPE»?

Ich bin noch nicht mit einem CD-Brenner oder MP3-Player aufgewachsen, sondern mit einem Kassettenrekorder. Ich hatte eine Anlage von Saba, mit der ich meine Lieblingssongs direkt aufnehmen konnte, wenn sie im Radio liefen. Ich wollte ein Album machen, das die Wärme und Vielseitigkeit meiner alten Radiotapes besitzt.

Welche Beziehung haben Sie zu den Baseballmützen, die ein Markenzeichen von Ihnen sind?

Eine sehr innige! Ich trage eine Baseballmütze, weil meine Haare immer dünner und grauer werden. (lacht) Ausserdem ist es praktisch, dass ich fürs Styling weniger Zeit aufwenden muss. Inzwischen hat mein Look einen Vorteil, den ich ursprünglich nicht auf dem Schirm hatte: Wenn ich Cap und Brille absetze und den Bart etwas kürze, kann ich so unerkannt durch die Strassen spazieren wie Cro, wenn dieser ohne Maske unterwegs ist. (lacht)

Interview: Reinhold Hönle

Den Konzertbericht sowie eine Galerie zum Heitere-Auftritt findet Ihr auf regiolive.ch.

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