Mittwoch, 20. September 2017

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Hallwilersee ist wegen Flut der Badegäste am Limit


An heissen Tagen sind am Hallwilersee alle 3000 Parkplätze in Meisterschwanden und Beinwil am See belegt. Am Limit sind auch die Badeplätze in Seengen. Und es kommen jedes Jahr noch mehr Besucher. Gemeinden, Polizei und die HallwilerseeRanger schlagen Alarm: So kann es nicht weitergehen.

BILDER
Die rund 2000 Parkplätze in Meisterschwanden – im Bild das Strandbad Seerose – füllen sich im Hochsommer rasch. An einigen Wochenenden müssen Badegäste mit Autos abgewiesen werden. Chris Iseli

Der junge Mann sucht eine halbe Stunde lang einen Parkplatz. Dann reisst ihm der Geduldsfaden: Er lenkt seinen weissen Peugeot mit einem Rumpeln aufs Trottoir und schlendert in Badelatschen den steilen Weg hinunter zur Seenger Brestenberg-Badi. Dieser Parkplatz-Sünder ist nicht der einzige, der am ersten heissen Wochenende im Juli 2015 in Seengen wild parkiert: Alle Parkplätze beim Hallwilersee sind belegt, Autos stehen auf Trottoirs und in Quartierstrassen, ein Fiat Punto blockiert den Fussgängerstreifen beim Brestenberg-Parkplatz. Die Fussgänger mit ihren Gummibooten und Kühlboxen weichen auf die Hauptstrasse aus. Es kommt zu gefährlichen Situationen. Die Regionalpolizei Lenzburg greift deshalb ein und büsst Wildparkierer konsequent. 120 Franken extra kostet der Badetag.

Auch der Seenger Gemeinderat handelt: Am folgenden Wochenende öffnet er mithilfe einer Bauernfamilie als Notmassnahme eine Wiese als zusätzlichen Parkplatz. Das löst zwar das Problem, doch einige Badegäste sind empört: 5 Franken für einen Parkplatz seien unverschämt, reklamieren sie.

Gitter schützen Wohnquartiere
Der Fall vor zwei Jahren zeigt: An heissen Wochenenden wird es schnell eng am Hallwilersee, vor allem am Sonntag. Jüngstes Beispiel: 11. Juni 2017. An jenem Sonntag waren um 13.30 Uhr bei über 30 Grad alle rund 1000 Parkplätze beim Strandbad Beinwil am See besetzt. «Wir haben über Radio Argovia vermeldet, dass nicht noch mehr Badegäste mit Autos nach Böju kommen sollen», sagt Martin Burger, Leiter der Verkehrsgruppe der Gemeinde. «Wir handhaben dies seit 2016 so, der Druck lässt dann spürbar nach.»

Um 14 Uhr schliessen musste Meisterschwanden: Bei den Strandbädern Tennwil und Seerose sowie im Delphin reihten sich Auto an Auto, genauso bei den Reserve-Parkplätzen beim Sportplatz und in der Tiefgarage des Dorfzentrums. Das sind insgesamt über 2000 Parkplätze. Alle besetzt. «Unser Verkehrs- und Sicherheitsdienst musste weitere Badegäste mit Autos konsequent abweisen», sagt Gemeindepräsident Ueli Haller. «Die Einfahrtsstrassen in Wohnquartiere wie das Seefeld wurD den ausserdem mit Gittern abgesperrt, damit nicht wild parkiert wird.» Hier gab es in den vergangenen Jahren Probleme: Wer keinen Parkplatz fand, parkierte in den Quartieren, manchmal im Fahrverbot vor der Garage von Anwohnern. «Heute haben wir das Problem mit unserem Verkehrs- und Sicherheitsdienst im Griff», so Ueli Haller. Kritisch werde es noch an zwei bis drei heissen Sonntagen im Jahr.

Entspannt hat sich seit 2015 die Lage in Seengen: Mit der Sanierung des Brestenberg-Parkplatzes stehen nun mehr Parkplätze zur Verfügung. Ob diese künftig ausreichen, ist jedoch unklar: «Der Druck auf den See nimmt zu», sagt Dieter Gugelmann, im Seenger Gemeinderat zuständig für den Verkehr. «Wenn es so weitergeht, braucht es neue Lösungen.» Ähnlich tönt es aus Meisterschwanden: «Es kommen jeden Sommer viel mehr Leute an den See», sagt Ueli Haller, gleichzeitig Geschäftsführer der Schifffahrtsgesellschaft Hallwilersee. «Irgendwann ist die Grenze erreicht.»

Explosionsartige Zunahme
Der Hallwilersee ist im Sommer am Limit, an einigen Tagen ist der Ansturm zu gross. Das sagt auch Markus Basler, Bereichsleiter Verkehr bei der Regionalpolizei Lenzburg. «Wir haben die Situation im Griff, stossen im Hochsommer aber an Grenzen.» Schon im nächsten Jahr könne die Lagebeurteilung jedoch völlig anders ausfallen. «Die Zahl der Badegäste nimmt jedes Jahr massiv, ja fast explosionsartig zu.»

Markus Basler weiss, wovon er spricht: Er ist in Beinwil am See aufgewachsen, vor 30 Jahren stiess er zur heutigen Regionalpolizei Lenzburg. Hier koordiniert Basler die verschiedenen Organisationen, die am See für Ordnung sorgen. Und das sind einige: Die Hallwilersee-Gemeinden liegen im Gebiet der Regionalpolizeien Lenzburg und aargauSüd (Beinwil am See und Birrwil) sowie der Luzerner Kantonspolizei in Hitzkirch (Mosen und Aesch). Die Polizeikorps arbeiten kantonsübergreifend zusammen.

An hektischen Tagen verstärken Polizisten die Hallwilersee-Ranger, die von Gesetzes wegen nicht büssen dürfen. Das Team von Chef-Ranger Bruno Fürst setzt seit sieben Jahren die Hausordnung am See durch und informiert Besucher über die Flora und Fauna. Auch die Ranger äussern sich zunehmend kritisch: Pflanzen und Tiere würden unter dem Ansturm leiden. «Vor allem die Stand-up-Paddler schaden der Natur», erklärt Chef-Ranger Bruno Fürst (siehe Text rechts).

Im Auftrag der Gemeinden sind private Sicherheitsdienste im Einsatz. Die Angestellten regeln den Verkehr und führen Sicherheitspatrouillen am Seeufer sowie an neuralgischen Punkten in den Dörfern durch. Involviert sind auch die Gemeinden selbst: Deren Mitarbeiter entsorgen jedes Wochenende tonnenweise Abfall am See.

All diese Fäden laufen bei Markus Basler zusammen. Das war nicht immer so: Vor der Zusammenlegung der Regionalpolizeien Lenzburg und Seetal 2015 gab es keine Koordination. Die Repol Seetal war personell zu klein für die Aufgabe. Polizei, Ranger, Gemeinden und Sicherheitsdienste arbeiteten mehr neben- als miteinander. «Ohne gemeinsame Einsatzplanung könnten wir heute die Herausforderungen am See nicht meistern», sagt Basler.

Einheimische meiden den See
Grund für den Ansturm ist nicht allein die rasant wachsende Bevölkerung in der Region Lenzburg. Das Einzugsgebiet des Hallwilersees reicht weit über den Kanton Aargau hinaus: Die Badegäste reisen aus den Kantonen Zürich, Solothurn und sogar Baselland ins Seetal. Bei der Badi in Beinwil am See sieht man laut Martin Burger von der örtlichen Verkehrsgruppe auch deutsche Autonummern. Der Hallwilersee ist im Gegensatz zu anderen Seen kaum verbaut, fast überall zugänglich und deshalb attraktiv. Spricht man am Seeuferweg Badegäste aus anderen Kantonen an, sagen diese: «Wir haben keinen naturnahen See bei uns.» Deutsche Badegäste erzählen: «Wir gehen nicht mehr an den Titisee. Dieser ist überlaufen, hier ist es viel schöner und der Anfahrtsweg ähnlich lang.»

Zu diesen Badegästen gesellen sich viele Gäste von Hotels und Restaurants rund um den See, Passagiere der Schifffahrtsgesellschaft, Besucher vom Schloss Hallwyl – und natürlich die Bevölkerung der Seeanstösser-Gemeinden. So wird es im Sommer schnell eng am See. Markus Basler von der Regionalpolizei Lenzburg rechnet vor: Sind allein in Meisterschwanden und Seengen alle rund 2500 verfügbaren Parkplätze besetzt, ergibt dies geschätzt rund 10000 Personen, die sich in diesen beiden Gemeinden am Hallwilersee erholen möchten – inklusive Fussgängern, Velofahrern und Besuchern, die mit dem öffentlichen Verkehr anreisen. Nochmals so viele Besucher dürften sich über die andere Seeseite verteilen, vor allem in Beinwil am See. Auch auf Luzerner Kantonsgebiet nimmt die Zahl der Badegäste am Hallwilersee zu, vor allem in Aesch.

An solchen Tagen ist es dann oft nicht mehr schön und erholsam am Hallwilersee. «Viele Beinwiler gehen dann nicht mehr an den See», sagt Martin Burger, der selbst in der Gemeinde wohnt. Das hört man etwa aus Meisterschwanden: Dort liegt manch Einheimischer an einem heissen Wochenende lieber auf dem Balkon als in der überfüllten Badi.

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