Sonntag, 20. August 2017

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Mit dem Turban gegen ein Tabu


Caroline Felber stellt Turbane für Menschen her, die auf Haarersatzprodukte angewiesen sind.

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Caroline Felber zieht ein Stoffmuster aus der Schublade. Vor zweieinhalb Jahren ist sie mit ihrem Hutladen von der Moosstrasse an die Stiftstrasse direkt neben der Hofkirche in Luzern umgezogen. RONNIE ZUMBÜHL

Caroline Felber nippt an ihrem Cappuccino, die Haare hat sie zu einem Zopf zusammengeflochten. Es ist 9 Uhr, sie sitzt in einem Café vis-a-vis ihres Hutladens, der in einer Stunde öffnet. Darin stapeln sich rund 500 Hüte auf Regalen und Turbane sitzen auf den Köpfen von Schaufensterpuppen. Die Menschen trügen wieder mehr Hüte, sagt sie. Seit die Modistin von der Moosstrasse hierher an die Stiftstrasse neben der Hofkirche gezogen ist, gehen ihre Hüte auf den Köpfen von Touristen auch vermehrt ins Ausland.

Dass sie von der Stadt Luzern im Rahmen der Kreativwirtschaft mit 5000 Franken gefördert wird, wie diese vor rund einem Monat bekannt gab, hat aber einen anderen Grund. Er heisst Caroban, ist eine Wortschöpfung aus Caroline und Turban und ist ein Haarersatzprodukt für Menschen, die beispielsweise wegen Chemotherapie auf solche angewiesen sind. «Er bietet Sicherheit», sagt Caroline Felber und hält das Turbanmodell mit einem fixen Kopfteil hoch, «da er nicht verrutscht». Wenn Caroline Felber vom Projekt Caroban erzählt, spricht sie auch von der kulturellen Bedeutung des weiblichen Kopfhaars; und vom Tabu, wenn Frauen keines mehr haben. «Eine Frau mit Glatze wirkt in unserer Gesellschaft befremdlich.» Bei Männern sei das normal, weshalb kaum männliche Patienten ihren Laden betreten. Haare zu verlieren, sei ein Stück weit auch die eigene Identität loszulassen. Das Selbstbild möchte Caroline Felber mit ihren unterschiedlichen Modellen erhalten, einen Ersatz für die Haare bieten und somit einen Beitrag zum offenen Umgang mit der Tatsache des Haarverlustes leisten. Die Modelle gibt’s in verschiedenen Grössen, Mustern und Farben. Zudem kann der Caroban auf unterschiedliche Arten getragen werden.

«Sieht wie gebastelt aus»
Den Ausschlag für den Caroban gab eine Therapiepatientin, die vor ungefähr 15 Jahren den Hutladen, damals noch an der Moosstrasse, betrat. Sie hatte genug davon, nur Perücken zu tragen, wollte zumindest Abwechslung. Eine Art kommunes Kopftuch, das auch Cabrio-Fahrerinnen tragen, war damals die Lösung. Von da an entwickelte Caroline Felber die Idee weiter und konnte mithilfe von Patientinnen den Caroban stetig optimieren. Die Idee ist keineswegs neu. Vielfach böten ehemals Betroffene selbst gemachte Tücher, Mützen und Turbane als Übergangslösungen an. Bei all diesen Produkten fehlten aber die Erfahrung und das Fachwissen rund um Kopfbedeckungen. «Vieles sieht wie gebastelt aus», sagt Caroline Felber. Sie habe das Knowhow, sagt die 52-Jährige, die seit über dreissig Jahren Kopfbedeckungen herstellt. Vor acht Jahren hat sie das Modell beim Eidgenössischen Institut für Geistiges Eigentum im Schweizer Designerregister eintragen lassen. Mittlerweile gibt es noch das Modell Caroban light – ein leichteres Modell.

Caroban in vierzig Spitälern
Mit der finanziellen Unterstützung der Stadt Luzern will Caroline Felber das Projekt Caroban nun weiter vorantreiben, unter anderem mit einer Website. Ziel sei es, schweizweit potenzielle Kundinnen zu erreichen. Zurzeit wird der Caroban in rund vierzig Spitälern und Krebsligen in sogenannten Basic-Boxen zur Anprobe verteilt. Die betroffenen Patientinnen werden vom Fachpersonal schon in einer frühen Krankheitsphase über die verschiedenen Kopfbedeckungen und möglichen Haarersatzprodukte informiert. Das spürt auch Caroline Felber. Es gibt Tage, da kämen bis zu vier Kundinnen in ihren Laden, die auf Haarersatzprodukte angewiesen sind. «Von Haarverlust betroffene Frauen haben als Kundinnen immer Vorrang», sagt Caroline Felber. Innert einem oder zwei Tagen kann ihr Team anschliessend den Caroban realisieren. Mittlerweile ist es 10 Uhr, der Cappuccino ist leer getrunken. Caroline Felber überquert die Stiftstrasse und betritt ihren Hutladen.

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