«Ein Mensch allein bewirkt nichts»

 

Vor 60 Jahren gründete der heute 88-jährige Heinz Senn (senior) seine eigene Werkstatt. Aus dieser ist ein Unternehmen mit rund 260 Mitarbeitenden geworden. Ein Erfolg, der auf das Wesen des Firmengründers und sein Team zurückzuführen ist.

Am Firmensitz in Oftringen: Heinz Senn humpelt ein wenig. Das Gehen scheint den 88-Jährigen anzustrengen. Und doch holt mich der Seniorchef persönlich in der Empfangshalle ab. «Herr Furrer, schön Sie kennenzulernen.» Er führt mich in sein Büro, grüsst auf dem Weg einige Angestellte mit Namen, lächelt ihnen zu. Klein ist der Grossunternehmer im Alter geworden. Doch diese respekteinflössende, umsichtige, empathische und zielstrebige Aura umgibt ihn nach wie vor. Wohl will er im Gespräch den Ton mitbestimmen. Sein Gegenüber nimmt er aber jederzeit ernst. Selbst wenn ihm Sohn Beat manchmal helfen muss, den roten Faden nicht zu verlieren. Heinz Senn – ein waschechter Patron.

Apropos waschecht. Herr Senn: vom «Nobody» zum Grossunternehmer und Firmenpatron. Ich bin beeindruckt von dieser – sagen wir mal – Tellerwäscherkarriere.

Heinz Senn: Danke, aber der Begriff Tellerwäscher passt mir nicht. Ich habe Schlosser gelernt und die Meisterprüfung gemacht. Was jedoch stimmt: Ich komme aus einfachen Verhältnissen. Während des Krieges habe ich ab der 5. Klasse bei einem befreundeten Bauern auf dem Hof gearbeitet. Lohn hatte ich keinen, aber Kost und Logis. Die Familie war sehr gut zu mir, das war wie ein zweites Zuhause für mich. Im Krieg damals hatte meine Familie Essensmarken. Die Bauern nicht. Die konnten dafür einfach eine Sau metzgen (lacht). Es gab keine Rationierung.

Mussten Sie dort arbeiten?

Ich wollte! Ich war kein Verdingbub. Zum Bauern in Küngoldingen ging ich ursprünglich wegen der Pferde. Die habe ich auf dem Hof vor allem auch versorgt. Und so kam ich zu dieser Leidenschaft, dem Reiten. Meine heutige Frau und ich haben in Lostorf eine Pferdezucht mit Ausbildungsstall und eine Hundezucht aufgebaut. Eva gehörte jahrelang zum schweizerischen Dressurkader. Ich habe sie oft begleitet. Ein Höhepunkt waren die Olympischen Spiele 96 in Atlanta.

Haben Sie Ihre heutige Frau auch über die Tiere kennen gelernt?

Sozusagen: Auf dem Engelberg bei Olten, wo ich im Winter immer reiten ging, hatte es viel Schnee. Eines Tages kam eine Reiterin im Wald auf mich zu und meinte, ob ich der sei, der immer die Loipe kaputt galoppiere. Da habe ich ihr entgegnet, ich sei nicht auf, sondern neben der Loipe geritten. Das war unsere allererste Begegnung.

War es Ihr Elternhaus, das sie geprägt und zu einem derart tüchtigen und durchsetzungsfähigen Menschen gemacht hat?

Das kam von mir selber. Ich habe schon als zirka 12-Jähriger gewusst, was ich will. Ich hatte schon früh klare Ziele: ein Haus, ein Auto, ein Geschäft.

Die Senn AG ist trotz Wachstum ein Familienbetrieb geblieben. Wollten Sie nie einen Geschäftsführer einsetzen und/oder verkaufen?

Dadurch, dass auch die Familie gewachsen ist und die Jungen auch Interesse an der Mitarbeit zeigten, war das nie ein Thema. Ich möchte lieber noch auf meine Hobbys zu sprechen kommen. Eines ist die Jagd, seit fast 50 Jahren bin ich Mitglied der Jagdgesellschaft Aarburg-Oftringen-Rothrist und führte immer einen Vorstehhund. Fast 60 Jahre bin ich geritten. Meine Ferien habe ich jeweils auch genossen.

Trotz aller Arbeit. Wie denn?

Ich habe mir nebst zahlreichen Geschäftsreisen oft grössere Ferien geleistet. Mit der Concorde bin ich zweimal um die Welt geflogen. Und weil ich quasi ein halber Bauer bin, habe ich in Kanada eine 780 Hektaren grosse Farm gekauft. Dadurch reiste ich viermal pro Jahr nach Kanada. Ich habe mich dort ausserdem an der Förderung von Öl und Gas beteiligt.

Wie wichtig war es für Sie, die Welt zu bereisen und zu entdecken?

Sehr wichtig. Damit ich offen wurde und erkannte, dass ein Mensch allein überhaupt niemand ist und nichts bewirkt. Wenn man in New York umfällt, hilft einem keiner auf die Beine. Sieht man diese Relationen, erkennt man, dass man sich selber nicht zu wichtig nehmen darf.

Um sich selbst machen Sie nie ein grosses Aufheben.

Ich bin immer auf dem Boden geblieben und habe nie etwas durchdrücken wollen, was weder Hand noch Fuss hat. Ich bin Realist geblieben.

Wie haben Sie sich Ihren Erfolg erarbeitet? Haben Sie ein Rezept?

Es gab zu den Anfangszeiten weniger Konkurrenz. Ich habe aber auch sieben Tage die Woche gearbeitet. Der Erfolg kam durch Fleiss, Durchhaltevermögen, das «Die-Arbeit-fertig-Machen». Natürlich hatte auch ich meine Tiefs, wo ich sagte: «Am liebsten möchte ich weg in den Urwald.» Das ging aber nicht. Wenn man selbstständig ist, klopft einem niemand auf die Schulter. Man muss durchhalten.

Sie hatten vor 60 Jahren den richtigen Riecher und brachten Schaufenster und Türen aus Aluminium in die Region.

Nach meiner Lehre arbeitete ich in Basel und Bern und lernte, mit Aluminium umzugehen. Auf dem Land kannte man das weniger. Wenn in Zofingen jemand ein Schaufenster brauchte, musste er Material und Techniker aus Basel oder Bern kommen lassen. Deshalb hatte ich in der Region Oftringen mit den Schaufensteranlagen grossen Erfolg. In der ganzen Schweiz habe ich später diese Anlagen gefertigt, bis ins Wallis und ins Bündnerland.

Mit Ihnen sind heute drei Generationen im Unternehmen vertreten. Mussten Sie Ihre Söhne dazu drängen, Ihr Werk weiterzuführen?

Eigentlich nicht. Das beginnt schon am Mittagstisch: Hätte ich jeden Tag über die Firma geflucht, würden später die Kinder nichts damit zu tun haben wollen. Ich aber hatte immer Freude an der Arbeit und konnte drei der Buben begeistern. Alle haben die Lehre bei mir gemacht. Heinz und Beat sind Ingenieur geworden, Jörg hat den Bachelor. Brigitte und Philipp sind nicht im Geschäft tätig. Eines habe ich meinen Kindern immer gesagt: Von einer guten Ausbildung, auch wenn sie hart ist, kann man ein Leben lang profitieren.

Sie besitzen den weltweit grössten Hydraulikpneukran. Gekauft, um Windkraftanlagen aufzustellen.

Beat Senn: Wir haben den Kran letztes Jahr verkauft, weil Windkraftwerke überall mit Einsprachen blockiert und teilweise «gebodigt» wurden.

Heinz Senn: Wir hoffen nun aber, dass mit dem neuen Energiegesetz die Einsprachen beschränkt werden. Wenn es dann erneut losgeht, können wir uns überlegen, wieder mit einem neuen Kran weiterzumachen. Wir haben sogar schon einen im Auge.

Den Erfolg Ihrer Firma verdanken Sie auch Ihren Angestellten. Diese sind Ihnen sehr wichtig, wie man immer wieder hört. Sie haben eine familiäre Firmenkultur. Wieso?

Heinz Senn: Ich bin ein Friedensstifter. Es gibt manchmal schon Reibereien, aber ich schaue immer, dass man das auf eine gute Art regeln kann.

Beat Senn: Mein Vater hat es gesagt: Ein Mensch allein könnte das nicht alles schaffen. Wir als Firmenchefs können Möglichkeiten und Kapital zur Verfügung stellen – umsetzen müssen es aber letztlich die Mitarbeiter. Dass alles gut rauskommt, erreicht man nur mit einem motivierten zufriedenen Team. Mein Vater hat früh erkannt: Geht man mit den Leuten menschlich und fair um, herrscht ein gutes Betriebsklima, was schlussendlich der Firma guttut.

Kommen wir auf den Stahlbau zu sprechen. Der Infrastruktur- und Brückenbau wird stets wichtiger . . .

Eines der ersten grossen Objekte war die Arch-Brücke vor 20 Jahren. Es folgten der Steg beim Kraftwerk Ruppoldingen, die Eisenbahnbrücke in Olten/Trimbach und weitere Projekte in Winterthur, Felsenau, Biel und beim Bahnhof Bern und einige mehr.

Wie erfolgreich entwickelt sich dieses relativ neue Geschäftsfeld?

Dank unserer Flexibilität sehr gut. Da viele Brücken älter sind und den neuen Belastungen nicht mehr standhalten, versprechen wir uns viele Aufträge in der Zukunft. Wir besitzen das Know-how und eine perfekte Einrichtung. Jeder Betriebszweig braucht eine optimale Infrastruktur, welche dauernd dem Bedarf angepasst werden muss. Ich war in den 70er-Jahren einer der Ersten, der automatische Maschinen hatte. Das waren CNC-Maschinen mit Lochstreifen. Ein Credo war nämlich stets: Dafür sorgen, dass wir in unsere Infrastruktur reinvestieren können, denn nur so sind wir konkurrenzfähig. Wir haben keinen CEO, der zwei Millionen Lohn nimmt, welche dann dem Betrieb fehlen für notwendige teure Investitionen. Es gibt praktisch keinen Mitbewerber, der dieselbe breite Palette mit verschiedenen Profitcentern in House hat wie wir: Stahl- und Metallbau, Transport, Krane, Notstrom, Blechbearbeitung, Schlauchservice und Betonelemente. Das bedeutet auch: ein einziger Ansprechpartner für den Auftraggeber, was diesem wiederum vieles erleichtert.

Sie sprechen von einem langfristigen und vorausschauenden Denken.

Es braucht unternehmerisches Risiko und den Mut zu investieren. Und das nötige Glück, damit es auch so aufgeht, wie man sich das vorher im Bauch vorgestellt hat.

Allgemein weniger bekannt ist, dass die Senn AG auch im Eventbereich immer aktiver wird.

Das ist richtig. Da geht es um spezielle Bodenschutzplatten, die wir ursprünglich durch die Windkraftanlagen entdeckt haben. Mit diesen können wir im Eventbereich immer mehr Fuss fassen. Beispielsweise an Open Airs, die wir auch mit unseren Notstromaggregaten beliefern: das Heitere in Zofingen, das Gurten in Bern, Events aller Art in der ganzen Schweiz.

Wächst die Firma weiter?

Heinz Senn: Wir wollen nicht auf 1000 Mitarbeiter kommen. Wir möchten die heutige Übersichtlichkeit erhalten.

Beat Senn: Als Familienunternehmen kann man sich den Luxus eben leisten, langfristig zu investieren. Wir haben nicht nur die zweite Generation in der Führungsspitze. Inzwischen ist mit Nico und Daniel auch die dritte Generation involviert. Das sind gute Zeichen, dass die Firma weiterhin in der Familie bleibt.

Heinz Senn, Sie sind jetzt bald 89 Jahre alt. Zeit, die Arbeit niederzulegen. Für Sie wohl kein Thema, oder denken Sie an den Ruhestand?

Ich komme so lange zur Arbeit, wie ich kann. Und wenn ich nicht mehr klar denken kann, dann müssen es mir die Leute sagen – nur glaube ich es dann vielleicht nicht mehr (alle lachen herzlich). Eines schönen Tages wird das mit der Arbeit für mich automatisch aufhören. Ich bin mehr der Berater, allzu aktiv bringe ich mich nicht mehr ins Tagesgeschäft ein.

Wollen Sie nicht aufhören zu arbeiten, oder können Sie es nicht?

Ich will nicht. Wenn man so eine Firma aufgebaut hat, dann kann man nicht einfach zu Hause bleiben und gucken, wie die Frau staubsaugt. Das geht nicht.

Was ist als Nächstes von der Firma Senn zu erwarten?

Heinz Senn: Was mir noch vorschwebt, ist ein Neubau. Eine automatische Stahlbaufabrik.

Beat Senn: Die Technik ist langsam so weit, dass man gewisse einfachere Stahlkomponenten automatisch fertigen kann. Und wir liebäugeln damit, eine solche Fabrik zu bauen. Das funktioniert aber nur für einen Teil des Materials.

Heinz Senn: 300 Meter lang müsste diese Fabrik sein. Das benötigte Land haben wir auf unserem Grundstück vorrätig. Wann es so weit ist, hängt vom Markt ab.

Beat Senn: Wir bleiben natürlich an vielen spannenden Projekten beteiligt. Diese Dinge müssen auch wachsen, sich entwickeln. Worauf wir uns auch schon freuen, ist das 70-Jahr-Jubiläum. Und wir hoffen alle sehr, dass unser Vater auch dieses noch mit uns feiern kann.

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