«Das Schiessen ist eine der vier Stützen des Landes»

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Hereingetreten: OK-Präsident Hans Ulrich Mathys freut sich auf möglichst viele Schützinnen und Schützen, die etwa in Kölliken am Aargauer Kantonalschützenfest teilnehmen. (Bild: Michael Wyss)

An den drei kommenden Wochenenden findet in der Region das 30. Kantonale Schützenfest statt. In Aarburg, Brittnau, Kölliken, Muhen, Reitnau, Staffelbach und Zofingen werden um die 7000 Schützinnen und Schützen im Einsatz stehen. Der OK-Präsident dieses Grossanlasses, Hans Ulrich Mathys, nimmt Stellung zum Fest und zum Sportschiessen allgemein. 

Wie viele Waffen besitzen Sie?
Ich besitze keine Waffe und habe auch nie eine besessen. Ich war dienstuntauglich.

Trotzdem die viel diskutierte Frage: Sollte die Waffe zwingend im Zeughaus deponiert werden?
Das ist tatsächlich eine Frage, die die Schützen sehr beschäftigt. Ich bin der Auffassung «nein», die Waffe gehört zum Mann und nicht ins Zeughaus. Das ist, wie wenn sie einem Sportler die Turnschuhe wegnehmen und irgendwo deponieren. Die Waffe gehört zum Mann, wie es eh und je gewesen ist.

Was halten Sie vom verschärften EU-Waffenrecht, das die Gemüter erhitzt?
Diese Frage musste ja kommen. Ich bin natürlich komplett gegen ein verschärftes Waffenrecht, wie es die EU will. Und ich bin auch der Meinung, wir müssen uns zur Wehr setzen und schauen, dass es für uns eine Ausnahmeregelung gibt, weil unsere Waffe und unser Schiesswesen etwas historisch, geschichtlich Bedingtes ist. Wir dürfen uns von der EU nicht reinreden lassen. Wir müssen das Waffenrecht, wie wir es heute haben, so beibehalten und auf keinen Fall verschärfen.

Noch ist nichts beschlossen worden.
Richtig, es wird erst ein bisschen geschossen von Brüssel und der EU. Sie haben natürlich die liberale Schweiz mit diesem Waffenrecht im Visier. Dem dürfen wir aber nicht zustimmen, auch wenn es einmal in die entscheidende Phase geht. Ich bin auch der Meinung, dass ein verschärftes Waffenrecht im Nationalrat und im Ständerat keine Chance haben wird. Dann müssen wir sehen, was wir mit Ausnahmebestimmungen machen können, nicht, dass das ganze Kartenhaus noch zusammenfällt.

Die Zahlen der Schützenvereine und deren Mitglieder werden kleiner. Woran liegt das?
Das ist eine allgemeine Erscheinung, das hat nichts mit den Schützen zu tun. Bei Turnvereinen, Jodlerklubs oder Musikvereinen stellt man das genau Gleiche fest. Dieser Gruppenzwang oder Druck, zu einem Verein gehen zu müssen, ist je länger je weniger vorhanden. Wir im Aargau konnten in der letzten Zeit eher stagnieren – auf jeden Fall ist es nicht rapide zurückgegangen. Es ist eine Wohlstandserscheinung. Die Menschen haben so viele andere Möglichkeiten, heute gehen sie biken oder mit dem Hund spazieren, aber wollen sich ja nicht einem Zwang unterwerfen. Der Individualismus wird heute so gross geschrieben, dass man sagt: «Ich brauche das nicht unbedingt.»

Der Schweizerische Schützenverband zählte im Jahr 2016 133 000 Mitglieder, wovon 10 380 aus dem Aargau kamen. Lizenzierte Schützen waren es landesweit 60 000 (im Aargau 5100) und damit 10 000 weniger als noch 2009. Auch die Zahl der Schützenvereine ist in den letzten sieben Jahren von 3200 auf 2650 gesunken, im Kanton von 273 auf 235.

Ist das Sportschiessen überhaupt noch zeitgemäss?
Wenn man eine Waffe hat, wird das heute oftmals mit Töten und Krieg in Verbindung gebracht. Wir haben das auch gemerkt bei den Warnern des Kantonalschützenfestes. Wir haben Schüler als Warner und es gab einige wenige Eltern, die – fast ein wenig pazifistisch – gesagt haben, mein Kind muss nicht noch an einen Ort, an dem es «chlöpft» und «tätscht», wir haben genug Krieg auf der Welt. Doch Schiessen, Jodeln, Musik und Schwingen sind die vier Stützen unseres Landes. Über Jahrhunderte ist das gewachsen. Das Schiessen hat seine Berechtigung wie das Schwingen und Jodeln. Es ist durchaus zeitgemäss, man muss aber natürlich neue Formen anbieten. Früher ist es in einem Schützenhaus zu- und hergegangen wie auf einem Gefechtsplatz, heute muss man eine etwas lockerere Art und Weise anbieten. Man muss das Gesellschaftliche mehr in den Vordergrund stellen und sich weniger aufs Ballern konzentrieren.

Wie entscheidend ist dieses oft negative Image, das beispielsweise durch mit der Armee- oder Sportwaffe verübte Verbrechen entstanden ist?
Vor allem die Medien bauschen das auf. Wenn irgendwo ein Mord mit einer Armeewaffe passiert, geht das «Gschtürm» wieder los und es wird alles infrage gestellt. Man kann nie alle Eventualitäten ausschliessen. Denkt man so, müsste man auch Autorennen verbieten – und selbst Velofahren ist gefährlich. Jeder Todesfall, der passiert, ist einer zu viel, aber die Anzahl ist zu vernachlässigen. Deshalb muss man nicht das ganze Schiesswesen unter Quarantäne stellen.

Wie kann man dem entgegenwirken und den Schiesssport für den Nachwuchs wieder attraktiver machen?
Wir führen an allen drei Wochenenden das Volksschiessen im Festzentrum im BZ Zofingen durch, bei dem wir keine Waffen mehr haben, die knallen, sondern lasergesteuert sind. Währenddem man herumläuft, kann man schiessen und sich im Zielen üben. Das ist eine der Formen, die längerfristig kommen müssen. Gerade für die Jungen ist im Zeitalter der Elektronik ein lasergesteuertes Schiessen die Zukunft – und wird noch an Bedeutung gewinnen. Es ist wichtig, Formen zu finden, zu denen man besser stehen kann, als wenn man noch 36 Stück Munition neben dem Warnertisch hat.

Geht dabei nicht etwas das Traditionelle verloren?
Klar, aber wenn das Schiessen überleben soll, müssen wir etwas anbieten, das zeitgemäss ist. Weshalb machen wir so ein laserunterstütztes Volksschiessen? Weil wir finden, es ist eine gute Ergänzung.

Welche Chancen bringt das Aargauer Kantonalschützenfest den Schützenvereinen der Region?
Den Schützen bringt es viel, verschiedene Stände sind mit viel Geld wieder aktiviert oder modernisiert worden. In Muhen konnten wir sogar eine neue Anlage in Betrieb nehmen. Das sind Gelegenheiten, bei denen man probiert, das Schiessen auf einem hohen Stand zu halten oder noch besser zu werden. Es ist auch wichtig, dass man sich mit der Bevölkerung gut stellt. Der einzelne Einwohner, der sonst nicht so viel mit Schiessen zu tun hat und dem vielleicht sogar das Knallen auf die Nerven geht, hat danach eventuell auch wieder ein bisschen mehr Verständnis. Ich sehe es immer wieder, wenn ich mit dem Kantonalschützenfest-Auto rumfahre. Viele sagen: «Ich habe gar nicht gewusst, dass das Kantonalschützenfest stattfindet.» Es ist nicht so, dass man, wenn man mit dem Auto vorfährt oder vom Fest spricht, alle sagen: «So ein Blödsinn.» So etwas Traditionelles hat je länger je mehr wieder einen höheren Stellenwert. Unsere Schiessplätze sind auch für die Bevölkerung wichtig, die sich wieder mehr damit identifiziert und dort auch einmal eine Bratwurst essen oder ein Bier trinken geht.

Was war und ist die grösste Herausforderung des OKs?
Die grösste Herausforderung war sicher das Finanzielle. Das Budget beträgt 1,9 Millionen Franken, das Sponsoring beläuft sich auf rund eine halbe Million. Eine halbe Million von Sponsoren zu erhalten, ist – ausgenommen beim Schwingen – ziemlich ambitioniert. Wider Erwarten hatten wir diesbezüglich aber keine Probleme. Auch wenn es nicht ganz einfach war, bereits im Jahr 2013 mit der Geldbeschaffung anzufangen, hatten wir niemanden, der uns gar nichts gab. Man hat uns überall mit offenen Armen empfangen. Um den Schützen einen reichhaltigen Gabentempel bieten zu können, ist es wichtig, dass die Kasse stimmt. Insgesamt sind wir absolut auf Kurs, von uns aus könnte es losgehen.

Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit das Aargauer Kantonalschützenfest ein Erfolg wird?
Das Wetter ist ein wichtiger Faktor. Es darf nicht den ganzen Tag regnen, es darf nicht zu warm sein, es darf nicht zu kalt sein. Wenn diese Komponenten stimmen, dann wird es ein gutes Fest mit vielen Leuten geben. Wir haben vor allem Schützinnen und Schützen, wenn sich aber noch der eine oder andere Nichtschütze ins Schützenhaus verirrt, ist es umso besser.

Auf was freuen Sie sich am meisten?
Auf den offiziellen Tag am 24. Juni, das ist der gesellschaftliche Höhepunkt. Normalerweise kommen die Schützen am Morgen, trinken einen Kaffee und essen ein «Gipfeli», schiessen und dann nehmen sie vielleicht noch ein Bier, bevor sie nach Hause gehen. Es ist eher individuell und die Gesellschaften sind in sich abgeschlossen, auch wenn es sicher Gespräche über den Verein hinaus geben wird.

Weshalb findet das Aargauer Kantonalschützenfest auf drei Wochenenden verteilt statt und nicht am Stück in einer Woche?
Wenn du eine solch grosse Anzahl Schützen hast, musst du sie richtig verteilen. Einerseits müssen wir genügend Schiessplätze und Schiessstände anbieten, damit die einzelnen Vereine auswählen können, an welchem Wochenende sie kommen wollen. Wenn an einem Wochenende tausende Schützen kämen, würde der ganze Verkehr zusammenbrechen. Unter der Woche wäre zudem sehr unattraktiv.

Wie viele Schützinnen und Schützen erwarten Sie insgesamt?
Wir haben immer gesagt, wir möchten gerne 7000 Schützinnen und Schützen. Wir sind jetzt bei 6500 und erfahrungsgemäss kommen immer noch zwischen fünf und zehn Prozent dazu, die sich nicht angemeldet haben. Es sieht also so aus, dass wir das Plansoll erreichen werden.

Darunter sind auch einige Frauen. Nimmt die Anzahl Frauen im Schiesssport eigentlich zu?
Ich persönlich bin der Auffassung nicht, aber es könnte auch anders sein. Ich sehe immer die gleichen Frauen, die mit dem Gewehr rumlaufen. Es kommt natürlich auch darauf an, wie sie familiär «vorbelastet» sind.

Was ist die Faszination des Sportschiessens?
Einerseits ist es das Schiessen und der Wunsch, ein gutes Resultat zu erzielen, andererseits ist es sehr wichtig, die Kameradschaft zu pflegen. Das kann man in einem Schützenhaus sehr gut. Kameradschaft und Freundschaft ist bei den Schützen sehr wichtig.

Wie wichtig ist das Körperliche beim Schiessen?
Heute kann ja jeder schiessen, wenn er abliegen und wieder aufstehen kann. Spitzenschützen brauchen aber natürlich eine gewisse Kondition, dort ist es mit Abliegen und Augeschliessen nicht getan.

Wie beruhigt sich ein Schütze vor dem Wettkampf? Gibt es noch Schützen, die Betablocker anwenden oder Wein trinken?
Betablocker eher nicht und beim Wein ist es auch nicht zum Beruhigen, sondern eher, wenn sie schon vorher am Stammtisch gesessen sind. Die Ruhe vor dem Wettkampf ist wichtiger, vielleicht noch einmal aus dem Schützenhaus zu gehen und in den Wald zu schauen, sich selber zu finden. Arzneimittel und andere Mittelchen, um sich zu beruhigen, gibt es, meiner Ansicht nach, nicht mehr. Der Einzelne muss mit sich im Reinen sein.

Werden die Schützen besser oder schlechter im Alter?
Ich finde, die altgedienten Schützen haben eine grosse Erfahrung und sind mit Leib und Seele dabei. Bei den Jungen ist es oft so, dass nicht das gute Resultat das Wichtigste ist.

Was war Ihr grösster Erfolg als Schütze?
Das war beim Sauschiessen Holziken 2006 im Schützenhaus Kölliken. Ich hatte zuvor noch nie eine Waffe in der Hand und bin trotzdem Zweiter geworden. Ich muss allerdings zugeben, dass ich vier oder fünf Helfer um mich herum hatte, die mir immer wieder Ratschläge gaben. Am Schluss durfte ich eine Hamme nach Hause nehmen, das war für mich das Grösste. So etwas habe ich nie mehr erreicht, aber dort war ich fast ein «Wäutscheib».

Der 71-jährige Hans Ulrich Mathys aus Holziken ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder (Barbara und Stefan). Er war 45 Jahre Gemeindeschreiber von Holziken. Von 1990 bis 1999 war er für die SVP als Grossrat tätig, von 1999 bis 2007 als Nationalrat in Bern. Mathys hat im Jahr 2005 bereits dem OK des Eidgenössischen Jodlerfestes in Aarau als Präsident vorgestanden. Er ist seit Beginn Mitglied der Schützengesellschaft und mittlerweile Ehrenmitglied.

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