Leider nur beschränkt haltbar

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Michael Wyss

Wir haben ein sehr angespanntes Verhältnis. Ich mag ihn überhaupt nicht, habe Angst vor ihm, ich hasse ihn – und bin damit bei weitem nicht der Einzige. Das Schlimme daran ist, dass ich ihm nicht aus dem Weg gehen kann. Manchmal bringt er mich des Nachts sogar um den Schlaf. Ich könnte mich mit ihm ja irgendwie arrangieren, aber oft kommt er ganz überraschend, obwohl ich ihn nicht eingeladen habe. Rücksicht und Einfühlsamkeit sind nicht seine Stärken. Dennoch weiss ich, dass er zum Leben gehört. Schliesslich gibt es in jedem Dasein nur zwei Konstanten: Die Geburt und den Tod. Das macht uns alle einigermassen gleich, auch wenn bei weitem nicht jedem ein erfülltes und langes Leben vergönnt ist. Ich musste als junger Mann von vier Menschen Abschied nehmen, die noch keine 25 Jahre alt waren. Ich musste dann in der Kirche hören, dass alles einen Sinn hat. Nur welchen, konnte mir bis heute niemand erklären. Das ist nur ein Grund, weshalb ich mich gerne um solche Veranstaltungen drücke, egal ob sie letztlich traurig vonstattengehen oder dabei getanzt wird. Ich denke gerne an gemeinsame Zeiten zurück, aber auf meine eigene Weise. Sehen und gesehen werden, hat für mich in diesen Momenten keinen Platz.

Wieso diese trüben Gedanken? Es ist nicht der Herbst, der in den Startlöchern steht, es hat nichts mit einem bestimmten Ereignis zu tun, es sind Dinge, die mich verfolgen und in unregelmässigen Abständen auch erwischen.

Sei es ein Familienmitglied, ein Nachbar, ein Arbeitskollege oder der Hund, ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen, mich von jemandem unwiderruflich zu verabschieden – egal, wie oft ich mit ihm zu tun gehabt habe. Es ist dieses unangenehme Gefühl der Machtlosigkeit, das zu Verzweiflung führt.

Ich habe Angst vor dem, was danach kommt, weil ich nicht weiss, was kommt. Ich hoffe, ich werde noch ein paar Jahre unter den Lebenden verweilen können. Ich hoffe aber auch, dass ich mich nie mit dem Gefühl auseinandersetzen muss, dass die Sehnsucht nach dem Tod wächst, ich aber nicht mehr im Stande bin, sie zu befriedigen. Ausserdem wünsche ich mir, dass ich zumindest einen kleinen Fussabdruck auf der Erde hinterlassen werde und die Gedanken an mich nicht nur negativ geprägt sein werden.

Ich wünsche Ihnen ein möglichst langes, erfülltes Leben und dass Sie dereinst mit einem «guten» Gefühl diese Welt verlassen können. Vielleicht sehen wir uns im Paradies wieder!?

 

 

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