Unglücklich verliebt

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Melek Sarikurt

Er wusste ganz genau, wie er mein Herz erobert. Von Weitem beobachtete er mich, verfolgte jeden Schritt und Tritt, den ich tat. Es war morgens um 5 Uhr. Meine Haare waren zerzaust, ich war dick eingepackt mit Strickmantel und Wollschal, zog mit Mühe und Not meinen schweren und vollgestopften türkisfarbenen Koffer hinter mir her – und von den kraterhaften Augenringen wage ich gar nicht erst zu sprechen. Aber das alles war ihm egal. Irgendetwas an mir hatte es ihm angetan. Auch ich hatte ihn entdeckt, tat aber so, als sähe ich ihn nicht. Es war dunkel, die Strassen fast menschenleer.

Dann plötzlich gab er sich einen Ruck und schlenderte in einem äusserst coolen Gang zu mir herüber. Er ignorierte die paar Menschen um mich herum, die ebenfalls auf den Bus warteten, und stellte sich selbstbewusst direkt vor mich hin. Dann blickte er mir – ohne eine Wort – tief in die Augen. Ich musste lächeln, wendete mich kurz ab. Nein, das durfte nicht sein. «Ich kann dir nicht das geben, was du von mir erwartest», sagte ich ihm. Meine Ferien waren zu Ende, ich war auf dem Weg zurück in die Schweiz. Eine Fernbeziehung kam nicht infrage, wir hätten uns aus den Augen verloren.

Ich versuchte ihn wegzuschicken, aber er wollte nicht hören, er blieb. Er setzte sich auf den Boden. Sanft berührte er mich am Knie, erst einmal, dann, als ich seine Berührung ignorierte, ein zweites Mal. Ich blickte nochmals zu ihm und wusste: es war zu spät. Ich hatte mich verliebt. Dabei kannte ich nicht einmal seinen Namen.

Wie hätte ich denn auch widerstehen können? Dieser treue Blick, diese dichten Haare. Am liebsten hätte ich ihn gleich in die Arme genommen und ganz fest gedrückt. Ja, ich wollte ihn auf der Stelle mit in die Schweiz nehmen. Aber ich wusste, das ging nicht. Eine tiefe Trauer überkam mich. So wollte ich mich nicht verabschieden. Ich griff in meine Tasche nach meinem Znüni, das ich mir für den Weg parat gemachte hatte, und wir assen es zusammen. Ich strich ihm sanft über den Kopf, verabschiedete mich und stieg ein. Er schaute dem Bus lange nach.

Hätte ich ihn mitnehmen können in diesem Moment, ich hätte es wirklich getan.

Genannt hätte ich ihn Bobby, diesen herzallerliebsten Strassenhund, der im Sturm mein Herz erobert hat.

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