Wirtschaftsprofessor warnt vor künstlich inszenierten Wettbewerben

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Mathias Binswanger (Foto: Chris Iseli/AZ)

Gemäss dem 55-jährigen Mathias Binswanger* schafft diese Produktion zwar Arbeitsplätze, hat aber fatale Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft: Sinn wird durch Unsinn verdrängt, Qualität durch Quantität. In Zofingen zeigt der Ökonom am Dienstag, 24. Oktober auf, weshalb auch die Politik der Messbarkeitsillusion unterliegt und weshalb Vertrauen besser als Kontrolle ist.

Herr Binswanger, Ihrer Meinung nach herrscht viel zu viel Wettbewerb. Weshalb sehen Sie als Ökonom darin nicht den Motor für eine erfolgreiche Wirtschaft?

Ich kritisiere den künstlich inszenierten Wettbewerb ausserhalb des Marktes. Politiker und Behörden glauben, die Effizienz des Marktes könne so überallhin gezaubert werden. Dies funktioniert aber nur dort, wo es einen funktionierenden Markt gibt. Also, wo ein Preissystem dafür sorgt, dass sich das Angebot den Bedürfnissen der Nachfrage anpasst. Künstliche Wettbewerbsmechanismen ausserhalb des Marktes sorgen hingegen grundsätzlich für Fehlanreize, wie es im Gesundheitswesen, in der Bildung oder Wissenschaft der Fall ist.

Was ist die Folge?

Die Produktion von unerwünschtem, unnötigem Unsinn. In der Wissenschaft als Beispiel herrscht eine Publikationsmanie, weil die Wissenschaftler, Institute und Universitäten an der Anzahl ihrer Publikationen in wissenschaftlichen Zeitschriften gemessen werden. Der beste Wissenschaftler ist dann der, der am meisten publiziert hat. Dieser Wettbewerb ist absurd, weil nicht die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit zählt, sondern die Quantität. Weil die meisten dieser Publikationen weder innerhalb noch ausserhalb der Wissenschaft gelesen werden, spielt deren Inhalt keine Rolle. Das ist ein Beispiel für die Produktion von Unsinn, der auch für die Motivation der Wissenschaftler verheerend ist, da auf diese Weise oft die Freude an der Arbeit verloren geht. Immer mehr Menschen müssen ohne Freude und unter Dauerstress Dinge erschaffen, die niemand benötigt.

Sie sind auch in der Forschung tätig. Rührt Ihre Kritik daher, weil Sie selber unter diesem Druck leiden?

Es war der Ursprung, weshalb ich mich damit als Erstes beschäftigt habe. Am Anfang meiner wissenschaftlichen Karriere habe auch ich an diesem Publikationswettlauf teilgenommen. Doch ich habe mich irgendwann davon verabschiedet, Artikel zu verfassen, die mich und auch sonst niemanden interessieren, nur um beim Publikationsranking gut abzuschneiden. Bei meinen Nachforschungen stellte ich bald fest, dass diese Wettbewerbseuphorie unter anderem auch im Bildungs- und Gesundheitswesen aufgekommen ist.

Was ist der grösste Unsinn, der bislang produziert wurde?

Ein offensichtliches Beispiel gibt es in der Geschichte. Im vietnamesischen Hanoi gab es während der Zeit der französischen Kolonialisierung eine Rattenplage. Der zuständige Beamte versuchte bei der Bekämpfung der Ratten die Bevölkerung zu gewinnen, indem es für jedes tote Tier eine Prämie gab. Die Folge war, dass die Bewohner von Hanoi begannen, Ratten zu züchten, um möglichst viele Tiere abliefern zu können. Das löste nicht das Problem, sondern verschärfte die Plage. Dieses Beispiel lässt sich beispielsweise auf das heutige Gesundheitssystem übertragen. Wir leben in einem System, in dem es sich für Ärzte lohnt, ständig neue Krankheiten zu entdecken, weil die Prävention dieser Leiden und deren Heilung mit immer kostenintensiveren Medikamenten und Massnahmen bezahlt werden. Natürlich verbessert der Fortschritt die medizinische Versorgung, aber es treibt auch die Kostenspirale an.

Da schreit es doch gerade im Gesundheitswesen nach Veränderungen und der Schaffung von Anreizen und Wettbewerb.

Das ist grossenteils eine Illusion. Durch den Wettbewerb steigt lediglich der Druck, mehr Gewinn zu machen, indem man die Systeme zu den eigenen Gunsten ausnutzt. Ein gutes Beispiel sind Fallpauschalen – sie geben Anreize lukrative Fälle zu generieren. Die Patienten werden zu einer Art Portfolio, das es zu optimieren gilt, um das Ergebnis zu verbessern. Auch wenn es Ärzte bestreiten, lukrative Operationen nehmen zu und die Kosten steigen.

Werden wir also kränker gemacht, als wir sind?

Ja, für die Akteure im Gesundheitswesen sind gesunde Menschen nicht sehr interessant. Niemand ist deshalb wirklich interessiert Kosten einzusparen. So werden Grenzwerte wie beispielsweise beim Cholesterinspiegel gesenkt, was nach sich zieht, dass immer mehr Menschen entsprechende Medikamente einnehmen müssen.

Wie sieht Ihr Lösungsansatz aus?

Eine Möglichkeit ist die Heraufsetzung der Franchisen. Dies bedingt, dass jeder selber mehr für seine Behandlung zahlen muss. Doch dies gefährdet das Ziel der allgemeinen Gesundheitsversorgung, denn dann gehen die Menschen nicht mehr zum Arzt. Es gilt auch zu bedenken, dass immer mehr Menschen Prämienverbilligungen erhalten. Dadurch wird der Spareffekt von höheren Franchisen teilweise wieder aufgehoben, und das Kostenbewusstsein steigt insgesamt doch nicht an. Ein allgemeingültiges Patentrezept gibt es nicht. Das zeigt die Fallpauschale – mit einer allgemeinen Massnahme ist das Gesamtproblem nicht lösbar.

Ranglisten und Pisa-Studien halten Sie für Selbstbetrug. Gibt es denn sinnvolle Messinstrumente?

Eine Art Qualitätskontrolle sowie auch eine Überprüfung von gewissen Standards macht in verschiedenen Bereichen Sinn. Darüber hinaus untermauern aber künstlich inszenierte Wettbewerbe eine Motivationsillusion, nämlich, dass der Mensch Zuckerbrot und Peitsche braucht, um Höchstleistungen zu erbringen. Darin steckt auch immer die Annahme, dass jeder noch mehr leisten könnte und die Mitarbeiter werden unter den Generalverdacht der Leistungsverweigerung gestellt. Eine Belohnungskultur kann bei monotonen und unangenehmen Arbeiten wirken, nicht aber bei kreativen Tätigkeiten.

Die Politik bedient sich aber gerne solcher Messinstrumente.

Ja, weil mit Zahlen ausgewiesen werden kann, was erreicht wurde. Auch wenn die Politiker vielleicht nicht mal selber daran glauben, sie unterliegen einem Rechtfertigungsdruck.

Vertrauen ist besser als Kontrolle.

Ganz klar, weil es glücklicher und zufriedener macht. Letztlich steigert dies die Produktivität und Qualität. Hier zeigt sich das Problem der Messbarkeitsillusion. Wenn jemand Autoscheiben einbauen muss, lässt sich messen, wie viel er in einer Stunde schafft. Bei kreativen Leistungen funktioniert das nicht, denn die Menschen, die ihre Arbeit eigentlich gerne machen, sind häufig die, die nach den messbaren Kriterien gar nicht so gut abschneiden. Die Betroffenen resignieren, kündigen oder werden vertrieben. Wenn die Freude an der Tätigkeit verdrängt wird, sinkt die Qualität rapid. Ein Wissenschaftler, ein Arzt oder auch ein Lehrer, dessen Feuer für seine Tätigkeit erloschen ist und der sie nur noch des Geldes wegen macht, ist nicht ideal. Der Messwahn macht uns unglücklich.

Ein gutes Einkommen ist demnach auch kein Glückgarant.

Tja, das sind die Tretmühlen des Glücks. Man rennt ständig einem höheren Einkommen hinterher, bleibt aber an derselben Stelle stehen. In der Schweiz haben wir einen gewissen Wohlstand, dennoch sind die Menschen im Durchschnitt nicht glücklicher oder zufriedener. Geld alleine reicht dazu nun mal nicht aus. Das Glücksgefühl im Leben hängt von Faktoren ab wie Gesundheit, Liebe, Freundschaften und ob man seine Interessen ausleben kann.

Was macht Sie glücklich?

Die Freiheit, mich mit Themen zu beschäftigen, die mich interessieren. Dass ich zeitlich relativ frei bin und nicht jeden Tag dieselben Arbeitszeiten habe. In diesem Sinn ist für mich die Wissenschaft optimal.

* Der in St. Gallen geborene Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz Olten und Privatdozent an der Uni St. Gallen. Der 55-Jährige ist Autor diverser Bücher, so des Bestsellers «Die Tretmühlen des Glücks» und «Sinnlose Wettbewerbe – Warum wir immer mehr Unsinn produzieren».

«Warum wir immer mehr Unsinn produzieren», Vortrag von Mathias Binswanger auf Einladung der Volkshochschule Region Zofingen. In der Aula des Bildungszentrums BZZ in Zofingen am Dienstag, 24. Oktober, 19.30 Uhr. Eintritt frei.

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