«Rotary-Ausschluss? Das müsste schon fast Richtung Mord und Totschlag gehen»

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Gianni Cantelmi war erst Wirtschaftsinformatiker, bevor er Zahnmedizin studierte. Seit 2005 hat der 51-Jährige in Zofingen eine eigene Praxis. (Foto: Mark Wyss)

Herr Cantelmi, der Rotary Club Zofingen wurde in diesem Jahr 50 Jahre alt. Was bedeutet es für Sie, im Jubiläumsjahr Präsident des Clubs zu sein?

Das ist für mich zunächst einmal eine grosse Ehre. Allerdings muss ich auch gestehen, dass es kein einfacher Job ist. Es ist ja nicht so, dass ich pensioniert bin und mich zu 100 Prozent für dieses Amt einsetzen kann. Der Präsident wechselt im Turnus von einem Jahr, fast jeder von uns kommt also einmal dran. Wir alle sind ja auch mit einem Geschäft verbunden, und man muss versuchen, Beruf und Clubpräsidium irgendwie unter einen Hut zu bringen. Das stellt mich manchmal schon vor eine rechte Herausforderung.

Im Rotary Club gilt, dass man über alle Anlässe 50 Prozent der Zeit anwesend sein muss. Als Präsident beträgt die Präsenzzeit wohl 100 Prozent.

Genau. Das bedeutet, dass ich mich in diesem Jahr weniger meinem Hobby, dem Musikmachen, widmen kann.

Was würden Sie schätzen? Ein zusätzlicher 20-Prozent-Job?

20 Prozent sind vielleicht ein bisschen viel (überlegt länger). Ja, doch, in diese Richtung geht es schon. Ungefähr ein Arbeitstag pro Woche, das kommt hin.

Wie wird man Präsident?

Man wird mehr oder weniger bestimmt. Es gibt eine Liste mit einer Fünf-Jahres-Planung, für die der jeweilige Präsident zuständig ist. Ich werde also dieses Jahr jemanden suchen, der das Amt in fünf Jahren antreten kann. Im Rotary-Club sagt man nicht nein, wenn man fürs Präsidium angefragt wird, macht man das. An der Jahresversammlung erfolgt schliesslich die Wahl.

Und als Bewerber braucht man einen Götti, der einem für den Club vorschlägt, richtig?

Genau. Geht ein Vorschlag ein, wird dies der 3-köpfigen Aufnahmekommission mitgeteilt. Wenn diese den Vorschlag für gut befindet, wird der Kandidat oder die Kandidatin zu einem Gespräch eingeladen. Wenn die Kommission zur Auffassung gelangt, der Kandidat oder die Kandidatin passt, gibt sie eine Empfehlung ab. Schliesslich entscheidet der Vorstand, ob er einer Aufnahme zustimmen will. Stimmt der Vorstand der Aufnahme zu, wird das den Mitgliedern mitgeteilt. Ab diesem Zeitpunkt läuft eine 30-tägige Frist, in der Einsprachen möglich sind.

Hat der Club schon Bewerber abgelehnt?

Ja, wenn diese den Clubanforderungen nicht entsprachen, z. B. Alter oder Beruf. Im Rotary sind pro Berufsgattung je ein Mitglied vertreten.

Was passiert mit Mitgliedern, die die 50-Prozent-Präsenzquote nicht erreichen?

Wir gehen die Liste mit den «schwarzen Schafen» an den Vorstandssitzungen durch. Bei einigen Mitgliedern ist aber von vornherein klar, dass sie die Quote nicht erreichen, weil sie einfach zu stark eingebunden sind, die Nationalräte Thomas Burgherr und Ueli Giezendanner zum Beispiel. Da machen wir Ausnahmen; das gilt auch für gewisse Ärzte, die sehr stark engagiert sind und deshalb die Quote nicht erreichen können.

Es kommt also nicht zu Ausschlüssen?

Nein, das müsste schon fast Richtung Mord und Totschlag gehen (lacht). Es gibt Rotarier, die Mühe haben, ihre Präsenzquote im eigenen Club zu erfüllen. Deshalb besuchen sie Club-Anlässe in anderen Städten oder im Ausland, wenn sie beruflich oder privat unterwegs sind.

Sie haben jetzt 73 Mitglieder, 71 Männer und nur 2 Frauen. Meidet der Rotary-Club die Frauen oder meiden die Frauen den Rotary-Club?

Im Rotary Club Zofingen wurden jahrelang keine Frauen aufgenommen. Die erste Frau wurde aufgenommen, weil sie schon Mitglied in einem anderen Club war. Gemäss unseren internationalen Richtlinien ist es verboten, keine Frauen aufzunehmen. Kürzlich haben wir die zweite Frau aufgenommen. Eines meiner Ziele in meinem Amtsjahr besteht darin, die Frauenquote nochmals zu erhöhen. Jeder Präsident versucht, dem Club in seinem Amtsjahr seinen Stempel aufzudrücken – den Frauenanteil nochmals zu erhöhen ist eines meiner Ziele.

Gibt es denn viele Bewerberinnen?

Nein, es ist gar nicht so einfach, geeignete Frauen zu finden, die mitmachen wollen. Zudem sind in Zofingen viele Frauen in der Vereinigung Business Professional Women organisiert. Ich bin überzeugt: Wenn wir geeignete Frauen finden, sollten wir sie anfragen und aufnehmen.

Das passt ja auch zum Jahresmotto Ihres Distriktspräsidenten, der die rotarische Vielfalt ausgerufen hat.

Ja, richtig. Auch Künstler sind übrigens nicht so leicht zu überzeugen, bei uns mitzumachen; Ich würde es sehr begrüssen, wenn Personen mit einem künstlerisch-kulturellen Hintergrund in den Club eintreten würden. Eine gemischte Gesellschaft bringt den interessantesten Austausch.

Der Rotary Club hat das Image einer elitären Vereinigung, in der vor allem Geschäftskontakte gepflegt werden, alles andere ist eher nebensächlich.

Dagegen wehre ich mich, weil es einfach nicht stimmt. Der tiefe Sinn der Rotary-Clubs besteht zunächst darin, Freundschaften zu pflegen. Wir treffen uns wöchentlich über Mittag, halten aber nicht einfach Plauder-Lunches ab, sondern solche, bei denen wir Vorträge organisieren. Die Palette ist breit: Von den Literaturtagen Zofingen bis hin zur Bienenzucht sind alle möglichen Themen dabei. Zudem sind die sozialen Projekte zentral.

Zum Beispiel?

Rotary International versucht, die Polio, die Kinderlähmung, auszurotten. Da sind alle Rotary Clubs gefordert mitzumachen. Das Spezielle daran ist, dass Bill Gates – ebenfalls ein Rotarier – den gesammelten Betrag aus seiner Schatulle verdoppelt. Das Projekt ist übrigens erfolgreich, wir sind nahe daran, das Ziel der Ausrottung der Kinderlähmung zu erreichen.

Was machen Sie für die Region?

Ich kann Ihnen Zahlen nennen. Wir haben in den letzten beiden Jahren je 50’000 Franken ausgegeben – zusätzlich zum Polio-Projekt und zum Projekt, ROKJ, das die Integration von sozial oder wirtschaftlich benachteiligten Kindern und Jugendlichen unterstützt.

Auch für Kinder in der Region Zofingen?

Ja, wir waren einer der ersten Schweizer Clubs, die sich für das ROKJ-Projekt engagierten. Wir helfen Kindern, deren Eltern einfach die finanziellen Möglichkeiten fehlen, ihr Kind zu fördern – das kann eine Musikausbildung sein oder eine Fördermassnahme im Sportbereich. Zudem sollte jeder Präsident ein bestimmtes Projekt vorschlagen und verfolgen. Der letztjährige Präsident beispielsweise hat ein Projekt zur Renovierung von Feuerstellen in der Region aufgegleist. Ich bin noch auf der Suche nach einem geeigneten Projekt und habe dazu ein paar Vorschläge auf dem Tisch. Auch der Jugendaustausch ist ein sehr wichtiges Rotarier-Projekt. Jugendliche im Alter von 16 bis 18 Jahren können ein Jahr in einem anderen Land verbringen und sind in einer Rotary-Familie gut aufgehoben.

Gibt es eigentliche beherrschende Themen an Ihren Mittagslunches?

Ein dominantes Thema in den letzten Wochen war sicher die Abstimmung über die Altersvorsorge, wir hatten dazu auch einen Vortrag eines Gewerkschaftsmitglied, der die Mitglieder davon überzeugen wollte, warum man Ja stimmen sollte. Da gab es natürlich heftige Diskussionen. Welche Themen im Club zur Debatte kommen, hängt natürlich auch vom jeweiligen Programmchef ab.

Laut Rotarier-Selbstverständnis gibt es für Mitglieder vier Leitfragen, an denen man das Leben ausrichten soll: «Ist es wahr? Ist es fair für alle Beteiligten? Wird es Freundschaft und guten Willen fördern? Wird es dem Wohl aller Beteiligten dienen?» Sind das bloss schöne Worte oder leben und handeln Sie persönlich danach?

Wenn ich in meiner Zahnarzt-Praxis meinem Alltag nachgehe, steht für mich das Wohl des Patienten an erster Stelle. Als Mitglied der Begutachtungskommission der Schweizerischen Zahnärztegesellschaft sehe ich viele Fälle mit geschädigten Patienten. Das beschäftigt mich sehr. Ich finde es sehr wichtig, dass man diese vier Fragen vor Augen hat und dass man auch danach lebt. Eine solche rotarische Haltung wäre generell wünschenswert. Nicht nur das Geschäftsleben würde einfacher, man wäre eher für Kompromisse bereit und der Umgang wäre ehrlicher.

«Service above self» heisst das Motto der Rotarier, was man mit «selbstloses Dienen» übersetzen könnte. Das ist ein anti-egoistisches Motto. Ist der Egoismus, respektive der Kampf gegen den Egoismus, bei Ihnen tatsächlich ein Leitthema?

Hm, Sie stellen eine schwierige Frage. Sicher ist: Man sollte nicht einem Rotary-Club beitreten, wenn man nur Geschäftsinteressen verfolgt. Man sollte dort Freundschaften ohne den geschäftlichen Aspekt pflegen wollen und bereit sein, Zeit und Geld für tolle soziale Projekte zu investieren. Allerdings kann man diese Sphären nicht trennen, sie sind vernetzt und überlagern sich. Freundschaft ist ja auch, sich gegenseitig auszuhelfen. Mein Buchhalter ist ein Kollege aus dem Rotary-Club; andererseits gibt es viele Rotarier, die zu mir in die Praxis kommen. Man kann diese Praxis der gegenseitigen Unterstützung ja auch als Freundschaft sehen.

 

Zur Person

Gianni Cantelmi wurde am 4. Dezember 1965 geboren, wuchs in Bern auf und absolvierte zunächst eine kaufmännische Ausbildung. Zwischen 1990 und 1992 bildete er sich zum Wirtschaftsinformatiker weiter, darauf holte er die Eidgenössische Matura nach. 1995 nahm er an der Universität Bern das Studium der Zahnmedizin auf, das er im Jahr 2003 mit dem Doktortitel abschloss. Es folgte eine dreijährige Fachausbildung an der Klinik für Oralchirurgie und Stomatologie der Universität Bern zum Fachzahnarzt für Oralchirurgie. Seit 2005 ist Cantelmi selbstständig praktizierender Zahnarzt in Zofingen. Er ist mit Estelle Eva Lutz, von Beruf ebenfalls Zahnärztin, verheiratet und Vater eines 2-jährigen Buben.

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