Werner Kurth: «Spitex-Versorgung in der Region Zofingen auf Irrwegen?»

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it der Ankündigung einer Grossfusion der sechs Spitex-Organisationen in der Region Zofingen soll die ambulante Versorgung der älteren Menschen in der Region in Zukunft am besten gelöst sein. Ein effizientes, zentral gesteuertes Management soll für eine professionellere Pflegedienstleistung sorgen. Wenn man die Medienberichte verfolgt, ist scheinbar alles klar und es macht auf den ersten Blick Sinn. Bald sollen sich die Stimmberechtigten der betroffenen Gemeinden entscheiden und auch die Auflösung der Spitexvereine ist nur noch eine Formsache, denn eigentlich entscheiden die Gemeinden als Auftraggeber und Defizitträger. Es ist Zeit, dass man die Vorschläge genauer prüft, denn wenn die Fusion beschlossen ist, gibt es kein Zurück mehr. Die bisherigen Informationen sind sehr einseitig und wichtige Punkte werden übergangen. Von Anfang an wurde leider nur eine Fusion ins Auge gefasst. Grossorganisation bringt nicht das Familiäre und Persönliche Das eigentliche Problem «eine bezahlbare ambulante und stationäre Versorgung sicherzustellen» mit Einbezug von vernetzten und günstigeren Angeboten wollte man offensichtlich gar nicht prü- fen. Dies ist nicht nur schade, sondern unverantwortlich. Als ehemaliger Vorsitzender der Steuergruppe Pflegegesetz M von Zofingen Regio, Vorstandsmitglied in der Spitex, im Seniorenzentrum und bei den Alterswohnungen sowie als langjähriges Behördenmitglied in Strengelbach habe ich vertiefte Sachkenntnisse in der ambulanten und stationären Versorgung. Wegen der grossen Tragweite der anstehenden Entscheidungen sehe ich mich veranlasst, mich öffentlich zu der geplanten Fusion zu äussern. Warum?

■ Dass ambulante Versorgung vor stationärer Heimlösung kommt, wurde vor Jahren definiert. Inzwischen weiss man aber, dass eine ganzheitliche Betrachtung für die betroffenen Menschen mehr bringt. Das Argument, Altersheime würden als Konkurrenten der Spitex Kunden wegnehmen, ist Mumpitz. Ich habe noch niemanden erlebt, der freiwillig in ein Heim geht. Man muss für die Menschen die bestmögliche Lösung suchen. Vor allem müssen wir günstigere Lösungen suchen und dies geht nur über eine Art betreutes Wohnen für tiefe Pflegestufen.

■ Eine Grossorganisation mit einem Einzugsgebiet von mehr als 60000 Einwohnern bringt den Betagten nicht das Familiäre und Persönliche. Im Gegenteil: Management mit einem Fachverwaltungsrat und einer Geschäftsleitung mit sechs Stützpunkten und zentraler Einsatzplanung führen erfahrungsgemäss zu mehr Administration und weniger Zeit für die Kunden. Sicher können im administrativen Bereich durch eine Zusammenlegung etwas Kosten gespart werden. Die Einsparungen werden aber durch Mehrausgaben im Management, längeren Entscheidungswegen und einem komplexen Gebilde mehr als nur zunichtegemacht.

■ Professionalisierung führt zu mehr Angeboten, die möglicherweise gar nicht angeboten werden müssen. Neue Dienstleistungen werden gerne angenommen und sie müssen auch verkauft werden. Es muss ja rentieren. Man versucht, Kosten pro Leistungsstunde – Angabe 7,5 % – zu senken, beachtet aber nicht, dass mehr Leistungen automatisch zu mehr Kosten insgesamt führen, und zwar für alle: Klienten, Krankenkassen und Gemeinden. Dies belegen die Erfahrungen in den hoch gelobten Regionen wie Brugg und Fricktal. Den Gemeinden entstanden nach der Fusion mehrheitlich massive Mehrkosten, welche nie aufgezeigt wurden. Die Behauptung, dass mehr Spitexleistungen zu weniger Restkosten bei den Altersheimen führen, widerlegen die Zahlen deutlich. Nicht erwähnt wird auch, dass die Pflegestufen 1 und 2 zu keinen Restkosten für die Gemeinden führen. Spitexdefizite schlagen aber bei den Gemeinden voll durch. Rund die Hälfte der Spitexkosten tragen bekanntlich die Gemeinden. In der Verrechenbarkeit der anfallenden Kosten gab es bisher recht grosse Unterschiede. Man kann es also besser oder schlechter machen. Wenn nur noch eine Organisation da ist, gibt es im besten Fall noch Mittelmass. Der nötige Wettbewerb wird ausgeschaltet.

■ Die Gemeinden sollen sich an einer neuen Aktiengesellschaft beteiligen. Dabei wird unterdrückt, dass neben dem Aktienkapital auch Betriebskapital und evtl. sogar Investitionen finanziert werden müssen. Jedenfalls geht die bisherige Defizitwirtschaft weiter. Die Gemeinden tragen weiterhin munter das anfallende Defizit. Eigentümer und Auftraggeber sind identisch. Da wird man sich wohl nicht wehtun. Ein reiner Blindflug, was Kosten für die Gemeinden anbelangt.

■ Es heisst, dass die bisherigen 6 Stützpunkte bestehen bleiben und sich für das Personal nicht viel ändere. Aus wirtschaftlichen Gründen ist es aber absehbar, dass die Stützpunkte bald einmal reduziert werden. Der Verwaltungsrat wird dereinst entscheiden und eine Rücksichtnahme auf lokale Gegebenheiten sind nicht zu erwarten. Das Spitexpersonal steht scheinbar voll hinter der Fusion. Rückfragen bei Einzelpersonen zeigen, dass das Spitexpersonal sehr mager informiert ist. Es ändert sich eben viel für das Personal und damit auch für die zu pflegenden Personen.

Gibt es eine Alternative zu der vorgeschlagenen Regionalisierung? In der Schweiz wird über die Alterspflege diskutiert und man sucht nach kostengünstigeren Strukturen. Ein Trend geht ganz klar in Richtung dezentraler Versorgung, also zum sozialen Beziehungsraum. Die Gemeinden sind für die Altersversorgung zuständig und sollten Ihre Bedürfnisse neu definieren und dann mit Leistungsanbietern Leistungsverträge abschliessen. So entsteht mindestens ein gewisser Wettbewerb, was im Interesse der Betagten und der kommenden Generation liegt.

Grossfussion mit programmierten Konflikten
Am Beispiel vom Spitexstützpunkt Strengelbach kann belegt werden, dass es eine bessere Alternative zu einer Grossfusion gibt. Die ambulante Pflege kann als separater Dienstzweig im Seniorenzentrum mit stationären Dienstleistungen kostengünstig eingebettet werden. Gerade im Verbund mit betreutem Wohnen in bereits vorhandenen Alterswohnungen mit abgestuften Angeboten nach Bedarf können die Bedürfnisse der Zukunft besser und vor allem günstiger angeboten werden. Dies entspricht weitgehend dem Curaviva-Modell 2030. Auch der Lindenpark in Oftringen bietet als Privatspitex ambulante und stationäre Leistungen im Verbund mit Wohnen im Alter in verschiedenen Formen an. Die Stimmberechtigten von Oftringen müssen vermutlich auch noch Fragen klären. Währenddem sich die Gemeinderäte von Brittnau und Vordemwald mit dem vom Seniorenzentrum Hardmatt abgegebenen Angebot gar nicht erst befassen wollen, hat sich der Gemeinderat Strengelbach doch durchgerungen und will dem Regionalisierungsmodell eine Alternative gegenüberstellen. Dieses Modell sieht klare Kosten für die Gemeinden vor und das Defizitrisiko wird vom Anbieter getragen, und dies für vier Jahre. Über Anpassungen werden nach drei Jahren Erfahrung verhandelt. Es wäre natürlich optimaler, wenn auch die Gemeinden Brittnau und Vordemwald im Boot bleiben würden. Denn auch für die Steuerzahler in Brittnau und Vordemwald sollte die Kostenungewissheit mit der Regionalisierung zu denken geben. Ist man einmal bei der Grossfusion dabei, ist ein Zurück nur noch mit grossen Kostenfolgen möglich. Auch lohnt sich ein Vergleich mit den bisherigen Kosten mit den nach der Fusion zu erwartenden Kosten. Von Einsparungen ist nichts in Sicht! Es dürfte sich lohnen, Fragen zu stellen und eigene Überlegungen anzustellen. Eine Neuausrichtung ohne Kostenbremse ist gerade für die nächste Generation ein schwerer Ballast. Wie wollen wir steigende Krankenkassenprämien und massiv steigende Betriebsdefizite verhindern, wenn wir alles so weiterlaufen lassen? Ich bin nicht generell gegen eine Fusion, für kleine Organisationen ist dies zwingend nötig. Eine solche Grossfusion mit programmierten Interessenkonflikten lehne ich aber ab. Alternative Lösungen müssen zwingend geprüft werden. Es steht viel auf dem Spiel.

Werner Kurth sass von 1998 bis 2013 im Gemeinderat von Strengelbach, davon acht Jahre als Ammann.

Ihr Eintrag wird nach einer Überprüfung online gestellt.

Aarburg

Fabienne Gerber
schrieb am 01.11.2017 11:18
Sehr guter Artikel. Und genau diese Problematik hat der Gemeinderat Aarburg erkannt. Hier gilt es ein Lob auszusprechen für diese Weitsicht und genaue Analyse.
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