Urs Zemp: In der Spitex-Diskussion werden Äpfel mit Birnen verglichen

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Mit mageren und zum Teil mit nicht haltbaren Informationen wollen uns der Gemeinderat und der Regionalverband zofingenregio die Zusammenlegung in eine regionale Spitex schmackhaft machen. Die Spitex Rothrist ist gut aufgestellt, weist gute Kennzahlen auf und ist gemessen an der wirtschaftlichen und qualitativen Leistung mit an der Spitze in der Region Zofingen. Erfahrungen zeigten auf, dass Spitexfusionen in dieser Grössenordnung immer zu höheren Kosten geführt haben. Weitere Fragen sind: Was kostet die Regionalisierung? Müssen teure Infrastrukturen und Büroräume zugemietet und angeschafft werden? Es wurde uns kein Finanzplan vorgelegt, was das Ganze kostet und welche Kosteneinsparungen und Synergien sich für Rothrist daraus ergeben. Auch wird mit falschen Zahlen operiert. So rechnet uns Karin Berglas, Gemeinderätin in Vordemwald und Mitglied von zofingenregio (ZT vom 7. November), vor, dass der Bewohner in einem Heim 91 093 Franken und für die Spitexbetreuung lediglich 4344 Franken pro Jahr bezahlen muss. Da vergleicht Karin Berglas Äpfel mit Birnen. Ein Heimaufenthalt beinhaltet Kost und Logis sowie die Pflege- und Betreuungskosten. Bei den Spitexkosten hat Frau Berglas die Wohn- und Haushaltkosten sowie die Pflegestufe und die Restkosten für die Gemeinde nicht mit eingerechnet. Der Bewohner wird nur medizinisch versorgt, aber nicht betreut. Zu bemerken ist, dass der Aufenthalt im Luegenacher in einem 27 Quadratmeter grossen Einzelzimmer nur 65 189 Franken (5432 Franken/Monat) kostet.

Die Fakten:
1. Die Fusionsbefürworter versprechen uns um 7,5 Prozent tiefere Fallkosten. Woher diese Annahmen kommen, wird nicht mit Zahlen begründet. Mit der Zusammenlegung der örtlichen Spitexorganisationen Frick und Brugg konnten keine Kosten reduziert werden, sondern es wurden Mehrkosten verursacht, die im Laufe der Zeit auf hohem Niveau etwas gesenkt werden. Die Spitex Rothrist wird in den nächsten Jahren durch die stark steigenden Fallzahlen enorm wachsen. Die Praxis zeigt auf, dass sich Organisationen in dieser Grössenordnung viel effizienter und den gegebenen Umständen schneller und bedarfsgerechter anpassen und dadurch Kosten einsparen können.

2. Wie eine dezentrale Organisationsstruktur in dieser Grössenordnung wirtschaftlich und effizient geführt werden soll, wie es sich die Befürworter vorstellen, ist mir schleierhaft. Da sitzen teure Bürokraten in einer Zentrale, also weit weg vom Geschehen, und müssen die Aussenstationen führen und steuern. Da sind die Konflikte vorprogrammiert.

3. 37 Prozent aller Pflegeheimbewohner seien heute in der Pflegestufe 0 bis 3 eingestuft, seien also nur leicht pflegebedürftig. Diese Leistungen könnten ambulant durch die Spitex erbracht werden, so die Argumentation der Befürworter. Die Praxis zeigt ein anderes Bild. Bewohner in der Pflegestufe 0 bis 3 sind Personen, die sich in den meisten Fällen in unserer Gesellschaft nicht mehr zurechtfinden, vereinsamt sind, sich mangelhaft ernähren, was zu gesundheitlichen Problemen führt, ihre Medikamente nicht oder nur mangelhaft einnehmen oder an Demenz erkrankt sind. Bei diesen Fällen ist die Spitex überfordert, da der Betreuungsaufwand bei diesen Personen viel zu gross und wirtschaftlich nicht mehr vertretbar ist. Zum heutigen Zeitpunkt sind diese Personen in einem Pflegeheim besser und kostengünstiger aufgehoben. Die Gemeinde muss in diesen Pflegestufen praktisch keine Restkosten bezahlen (Stufe 0 bis 2 keine, Stufe 3 4.20 Franken pro Tag). Somit ist es eine Illusion, dass mit den heutigen Wohnstrukturen Pflegebetten und Kosten eingespart werden können.

Dazu ein Fallbeispiel: Der Klient ist in der Pflegstufe 3 und muss am Tag zweimal medizinisch versorgt werden. Für die Gemeinde fallen folgende Restkosten an: Im Pflegheim muss die Gemeinde 4.20 Franken pro Tag (1533 Franken/Jahr) Restkosten bezahlen. Bei der Spitex werden die Behandlungskosten von der Krankenkasse übernommen. Der Anfahrtsweg zum Klienten wird von der Kasse nicht übernommen und fällt als Restkosten an. Rechnet man mit einem Anfahrtsweg von gesamthaft 30 Minuten und mit einem moderaten Stundensatz von 40 Franken, ergeben sich Restkosten von 20 Franken pro Tag (7300 Franken/Jahr). Dies entspricht im Pflegeheim etwa der Pflegestufe 5. Würde die Spitex die 37 Prozent Pflegefälle übernehmen, würden die Restkosten der Spitex überproportional steigen, die von der Gemeinde bezahlt werden muss. Die Taxordnung der Spitex muss aus meiner Sicht deshalb dringend überarbeitet werden.

4. Für dieses Klientel müssen neue Wohn- und Betreuungsformen geschaffen werden. Dem Pflegezentrum Luegenacher könnte der Auftrag erteilt werden, die Wohnform «Betreuung» konzeptionell zu prüfen. Oberhalb vom Pflegezentrum hat die Gemeinde Landreserven, die sie zu annehmbaren Konditionen dem Pflegezentrum zur Verfü- gung stellen könnte. Für die Umsetzung und den Bau wäre das Pflegzentrum zuständig. Für die Gemeinde würden nur minimale Kosten entstehen. In diesen Wohnungen könnten Bewohner in den Pflegestufen 0 bis 3 betreut werden. Für diese Art von Betreuung wird auch kein hoch qualifiziertes Pflegepersonal benötigt. Im Weiteren muss sich der Regionalverband konzeptionelle Gedanken machen bezüglich eines Angebots «Betreuung zu Hause». Man muss sich aber im Klaren sein, dass eine 1:1-Betreuung nicht kostengünstiger sein wird als in einem Pflegeheim. Die Krankenkassen bezahlen keinen Beitrag für die Betreuung. Der Klient muss diese Dienstleistung, wie es im Pflegeheim auch der Fall ist, aus dem eigenen Geldbeutel bezahlen. Der Vorteil ist: Es werden keine Pflegebetten benötigt und der Bewohner kann so lange wie möglich zu Hause bleiben. Ein Nebeneffekt wäre, dass die Betreuungspersonen niederschwellige Pflegeleistungen wie Duschen, Körperpflege, Blutdruck messen, Kleider- und Stützstrümpfe anziehen usw. ausführen könnten. Dies bedingt aber, dass die Pflegekompetenzen neu geregelt werden müssen. All diese Massnahmen würden die Spitex entlasten und den zukünftig höheren Bettenbedarf der Pflegeheime massiv reduzieren. Die Spitex wäre dann nur noch für die medizinische Versorgung zuständig.

5. Dass die Kinder-, Onkologie-, Psychiatrie- und Palliativspitex regional gesteuert werden muss, ist auf Grund der regionalen geringen Fallzahlen logisch. Diese spezialisierte Spitex könnte zum Beispiel dem Pflegezentrum Spital Zofingen zugeordnet werden, wo zum Teil die Spezialisten, das Fachwissen und die Infrastruktur bereits vorhanden sind.

6. Der Kanton erteilt der Spitex immer wieder neue Leistungsaufträge und Vorschriften, ohne gross darzulegen, wie diese in der Praxis umgesetzt werden sollen. In diesem Bereich muss die Spitex entschlackt werden, ansonsten laufen die Kosten davon. Die Leittragenden sind die Pflegepersonen und die Gemeinden, die dies zu berappen haben. Wie reagiert zofingenregio auf diesen Missstand? Es muss nicht alles noch mehr professionalisiert werden.

Fazit:
→ Dass eine Regionalisierung die Spitex Rothrist entlasten würde, ist unbestritten, aber zu welchem Preis?
→  Bei einer Regionalisierung aller Spitexen entfällt der Wettbewerb.
→Dass sich kleinere Organisationen (Brittnau, Strengelbach, Vordemwald) aus wirtschaftlichen Gründen zusammenschliessen, macht Sinn.
→Ich bin überzeugt, dass sich die Alterspflege in den nächsten Jahren durch die demografische Entwicklung stark verändern wird und muss. Vor der Fusion braucht es zuerst ein Konzept. Man will ja nicht die «Katze im Sack» kaufen.
→Die Regionalisierung der Spitex würde für Rothrist enorm höhere Kosten verursachen. Wenn die Fusion beschlossen wird, gibt es kein Zurück mehr und Rothrist muss die Mehrkosten einfach schlucken. Auf Grund des heutigen Kenntnisstandes ist eine Regionalisierung abzulehnen.

Zur Person: Urs Zemp war von 2000 bis 2015 Leiter des Pflegzentrums Luegenacher in Rothrist und acht Jahre Mitglied des Verbandes der aargauischen Pflegeinstitutionen.

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