U2 sind nur noch ein Schatten ihrer selbst – und Symbol für den Niedergang der Rockmusik

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Die irische Band mit dem charismatischen Sänger Bono war die Rockband der 80er- und frühen 90er-Jahre. Doch seit Jahren dreht sie sich künstlerisch nur noch im Kreis. (Bild: ELVIS GONZALEZ/Key)

Eigentlich war das neue Album von U2 vor einem Jahr schon fertig. «Dann veränderte sich die Welt», sagte Sänger Bono dem «Rolling Stone». Der sendungsbewusste Ire konnte nicht anders: Er musste das fixfertige Album inhaltlich noch einmal überarbeiten und unter dem neuen Licht betrachten.

Dabei waren die «Songs of Experience» als eine Sammlung von sehr persönlichen Liedern geplant, als Fortsetzung der «Songs of Innocence» von 2014. Während der erste Teil die Adoleszenz der Band in Irland beschrieb, waren die neuen Songs als Briefe von Bono an Personen (seine Frau Ali, seine Kinder und seine Fans) sowie Plätze und Orte gedacht, die den Sänger und Texter prägten und ihm ans Herz gewachsen sind.

Durch die Revision der Lieder erhielen die «Songs of Innocence» politische Schlagseite. In «American Soul» etwa beklagt Bono den Verlust der amerikanischen Seele: «The end of a dream». Die Zusammenarbeit mit Hip-Hop-Ikone Kendrick Lamar bleibt aber ein Fremdkörper. Die zynischen Zeilen des Rappers, die die beiden Songs «Get out of Your Own Way» und «American Soul» miteinander verbinden, wirken als konstruierte Anhängsel. Kaum mehr als ein PR-Gag. Überhaupt ist der politische Erkenntnisgewinn gering. Bono bleibt bei sattsam bekannten Plattitüden hängen.

Wo ist das Adrenalin, Bono?
Aber auch musikalisch bleibt «Songs of Experience» vieles schuldig. «You’re The Best Thing About Me» ist ein zusammen geflickter Song aus Versatzstücken. Die Refrains von «The Blackout» und «American Soul» sind einfallslos, einfältig oder gar plump und die vielen «Oh, oh, ohs» erinnern an Fangesänge in Fussballstadien. Natürlich dürfen die typischen, hymnischen Refrains nicht fehlen. Schön und gut! Doch das hatten wir doch schon – und erst noch viel besser.

Noch fataler ist, dass der Musik jeglicher Druck fehlt. So etwas wie Rock-’n’- Roll-Stimmung kommt ansatzweise nur in «American Soul» auf. «Summer of Love», eigentlich ein hübscher Song, bleibt dagegen auf tiefem emotionalem Level brav. Ebenso die lendenlahme Ballade «Landlady», die ohne Höhepunkt dahinplätschert. Wo ist das Adrenalin, Bono? Wo die Wut, die Leidenschaft, das Unverfrorene und Ungehobelte des Rock ’n’ Roll? Bono mimt lieber den singenden Staatsmann. Kaum mehr als ein PR-Gag: Bono (2.v.l.) bleibt mit U2 bei sattsam bekannten Plattitüden hängen.

U2 hat ein Problem: Die Welt verändert sich, doch die Band kann nicht folgen. Am Willen fehlt es nicht. «Es ist uns schon wichtig, dass wir ein Teil der aktuellen Musikkultur sind und nicht nur eine Altherrenband», sagte Gitarrist The Edge kürzlich. Er und seine Bandkollegen versuchen seit Jahren ein neues Kapitel in ihrer Bandgeschichte zu schreiben und scheitern doch immer wieder. Stattdessen werden alte Inhalte modifiziert, ohne sie zu verbessern oder zu aktualisieren. Es genügt eben nicht, wie im Opener «Love Is All We Have Left», einen trendigen Autotune einzusetzen. Auch hippe Gäste wie Kendrick Lamar oder die Girlband Haim («Lights of Home») allein können keine Abhilfe schaffen. Wenn nicht mal angesagte Produzenten wie Danger Mouse («Songs of Innocence») oder jetzt Ryan Tedder es schaffen, U2 neue Impulse zu geben, kann etwas nicht stimmen.

Die 1976 gegründete Band erlebte in den späten 80er-Jahren mit den Alben «The Joshua Tree» (1987) und «Rattle And Hum» (1988) den künstlerischen Höhepunkt und begründete mit ihrem mächtigen, hymnischen Sound den Status als eine der populärsten Rockbands. Doch seit «Vertigo», seit nun mehr 13 Jahren, warten wir auf einen neuen Kracher. U2 dreht im Kreis.

Glaubwürdigkeitsproblem
Aber U2 hat nicht nur ein Kreativitätsproblem, auch die Glaubwürdigkeit hat Schaden genommen. Nicht erst seit der jüngsten Steuervermeidungsaffäre der Paradise Papers kann dem selbst ernannten Weltretter Bono Heuchelei vorgeworfen werden. Dort wurde nämlich aufgedeckt, dass er über eine Briefkastenfirma auf Malta und Guernsey an einem Einkaufszentrum in Litauen beteiligt ist. Das wirft abermals ein schlechtes Licht auf den politischen Aktivisten und Moralapostel, der so gerne für das Gute der Welt eintritt. Zeilen wie «Gesegnet sind die Lügner, denn die Wahrheit kann peinlich sein» oder «Ich bin ein Lügner von Beruf», die eigentlich einem anderen galten, können jetzt auch anders gelesen werden und auf den Ankläger zurückfallen.

Das wird die eingefleischten Fans nicht davon abhalten, ihre Idole zu feiern. U2 sind längst im Rock-Olymp angekommen und werden nach wie vor die grössten Stadien füllen. Wie die anderen Rock-Saurier AC/DC oder auch die Rolling Stones profitieren Bono & Co. vom Ruf längst vergangener Tage. Umso bedenklicher: U2 ist das prominenteste Symptom des Niedergangs der Rockmusik.

Was hält Musiker in einer Band, die seit Jahren an Ort tritt? Was hält Kreative davon ab, in einem neuen Umfeld neue Einflüsse zu verarbeiten? So wie es zum Beispiel Robert Plant vormacht und eine Reunion von Led Zeppelin kategorisch ausschliesst. Ist es die Angst vor Statusverlust? Machtverlust? Oder ist es einfach das Geld? Bono verhält sich jedenfalls auch hier wie ein Politiker. Er hat den Abgang verpasst.

U2: Songs Of Experience (Universal). Erscheint am 1. Dezember.

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