Wohnen im Alter: «Die Politik steht in Verantwortung»

wohnen_im_alter_shutterstock.jpg
Die Nachfrage nach seniorengerechtem Wohnraum dürfte zunehmen. (Foto: Shutterstock)

Die Gemeinden Dagmersellen und Nebikon befassen sich aktuell mit dem Thema «Wohnen im Alter», Wikon dagegen erlitt einen Rückschlag mit dem Nein zur Spychermatte. Dozent und Projektleiter Werner Riedweg vom Institut Sozialmanagement, Sozialpolitik und Prävention der Hochschule Luzern befasst sich nicht nur in der Lehre, sondern auch in angewandten Forschungsprojekten mit der Gestaltung von kommunaler Alterspolitik.

Im Kanton Luzern greifen aktuell immer mehr Gemeinden das Thema «Wohnen im Alter» auf. Sind diese mit Blick auf die demografische Entwicklung nicht schon fast zu spät dran?

Aufgrund meiner punktuellen Einblicke in die Alterspolitik von Kommunen sehe ich, dass die Gemeinden das Thema «Wohnen im Alter» sehr wohl auf dem Radar haben. Dabei gibt es aber Unterschiede in der Gewichtung. Es gibt Kommunen, die sich auf die stationäre und ambulante Gesundheitsversorgung konzentrieren, andere orientieren sich an einer umfassenden Alterspolitik mit dem Ziel, das eigenständige Wohnen im Alter möglichst lange zu ermöglichen. Es handelt sich um sehr anspruchsvolle Planungsaufgaben für den Kanton und die Gemeinden, weil sich eine zukünftige Seniorenbevölkerung in ihren Bedürfnissen und Gewohnheiten von der heutigen Generation der Betagten unterscheiden wird und die älteren Menschen auch länger mobil und gesund bleiben werden. Sicher ist, dass der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung in den nächsten Jahren laufend steigen und die Bedürfnisse dieser Bevölkerungsgruppe für die Gemeinden weiter an Bedeutung gewinnen werden.

Die Zahlen zeigen es: Die ambulante Pflege nimmt zu, die stationäre scheint zu stagnieren. Müssen Verschiebungen in der Nachfrage von Alterswohnungen erwartet werden?

Der Kanton Luzern hat im Juni 2016 seine Pflegeheimplanung aktualisiert und sieht bis 2020 keinen Bedarf für zusätzliche Pflegebetten. Ambulante Pflegeleistungen nehmen aber laufend zu. Für das «Wohnen im Alter» kann daraus geschlossen werden, dass immer mehr ältere Menschen in ihrer angestammten Wohnung so lange wie möglich bleiben und dort bei Bedarf Pflege- und Serviceleistungen in Anspruch nehmen. Dabei handelt es sich aber nicht unbedingt um «Alterswohnungen», die eigens für die Seniorenbevölkerung gebaut wurden. Eigenheime und Mietwohnungen, in denen die älteren Menschen schon seit langer Zeit zu günstigen Konditionen wohnen, werden nicht gerne verlassen, auch wenn der Wohnraum zum Beispiel nach dem Auszug von Kindern zu gross geworden ist. Neu gebaute Wohnungen sind da meist teurer und ein Wechsel in eine kleinere «Alterswohnung» wird hinausgeschoben.

Wird dem Thema genügend Beachtung geschenkt von Seiten der Politik?

Die kantonale und kommunale Politik ist allgemein nach wie vor stark auf die Grundversorgung mit Gesundheitsdienstleistungen ausgerichtet. Auch weil hier grosse Kosten entstehen und sich für die Zukunft Fragen der Pflegefinanzierung stellen. Der Frage einer generationengerechten Wohnraumversorgung wird dagegen durch die Politik noch zu wenig Beachtung geschenkt. Die Politik steht in der Verantwortung, für alle Generationen bezahlbaren Wohnraum zu ermöglichen.

Es gibt unterschiedliche Modelle für die Realisierung solcher Projekte. Oft werden Genossenschaften gegründet. Ist das die richtige Form?

Genossenschaften können für Gemeinden geeignete Partner sein, um generationengerechtes Wohnen zu ermöglichen. Es gibt verschiedene gelungene Beispiele wie zum Beispiel das Projekt Himmelrich der allgemeinen Baugenossenschaft Luzern (abl), das auf eine Durchmischung aller Generationen ausgerichtet ist. Verbunden mit dem Projekt Vicino, das für ältere Menschen nachbarschaftliche Kontakte und Hilfestellungen sicherstellt, sind solche Projekte wohl zukunftsweisend für Wohnen im Alter im städtischen Kontext.

Wird der Einbettung von altersgerechten Wohnüberbauungen bei der kommunalen Planung wie Dorfzentren genügend Beachtung geschenkt?

Generationengerechte Orts- und Raumplanung ist für Gemeinden sicher anspruchsvoll, aber im Hinblick auf die Zukunft unverzichtbar. Wie bleiben Dorfkerne belebt? Wie ist eine Versorgung mit den nötigsten Konsumgütern im Quartier oder im Dorf gewährleistet? Diese Fragen gehen über die Planung von Alterswohnungen hinaus. Die Bedürfnisse der älteren Menschen sind bei kommunaler Planung sicher zu berücksichtigen. In Zukunft wird aber ein ganzheitlicher Zugang, der sowohl die Bedürfnisse der verschiedenen Generationen als auch die der unterschiedlichen sozialen Schichten mitberücksichtigt, wichtig. Eine gute Durchmischung der Generationen und der sozialen Schichten fördert gesellschaftlichen Zusammenhalt und belebt die Dorfzentren und Quartiere.

Altersgerechte Wohnungen im privaten Immobiliensektor sind oft neu und damit nicht die günstigsten. Ist es Sache der öffentlichen Hand, hier für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, beispielsweise mit zinsgünstigen Darlehen wie im Kanton Zürich?

Eine kürzlich veröffentliche Studie des Instituts für Finanzdienstleistungen der Hochschule Luzern – Wirtschaft zeigt auf, dass für Pensionierte bezahlbares Wohnen an erster Stelle steht. Dies besonders auch für die steigende Anzahl von Personen, die alleine Leben. Diesem Bedürfnis wird durch eine rein marktwirtschaftlich ausgerichtete Wohnbaupolitik nicht entsprochen. Die öffentliche Hand muss hier korrigierend eingreifen. Denkbar sind, neben der Förderung des sozialen Wohnungsbaus, der wieder an Bedeutung gewinnt, oder den von ihnen erwähnten Darlehen, Auflagen an Investoren, eine bestimmte Zahl von erschwinglichen Kleinwohnungen in ihren Projekten einzuplanen.

Die Hochschule Luzern hat an einem Projekt für altersgerechte Quartiere in Luzern mitgearbeitet. Welche Erkenntnisse haben Sie daraus gewonnen?

Das Projekt wurde von Kolleginnen und Kollegen des Instituts für Soziokulturelle Entwicklung bearbeitet. Dabei wurde deutlich sichtbar, dass jedes Quartier und in diesem Sinne jeder kommunale Sozialraum für sich betrachtet werden muss. Der jeweilige Bevölkerungs- und Generationenmix, aber auch die bauliche Situation, die Verkehrserschliessung eines Quartiers und so weiter müssen bei einer Quartierentwicklung berücksichtigt werden.

Und konkret?

Im Teilprojekt Wesemlin-Dreilinden arbeiteten thematische Arbeitsgruppen unterstützt an der Entwicklung zu einem altersgerechten Quartier. In den Teilprojekten Tribschen-Langensand und Littau ist die Situation in den Quartieren durch Begehungen und Quartierforschung analysiert worden. Mittels Interviews mit Schlüsselpersonen wurde im vierten Teilprojekt in Erfahrung gebracht, wie der Dialog mit benachteiligten Gruppen gesucht werden kann und deren Bedürfnisse in den Prozess eingebracht werden können. Die Erfahrungen und Ergebnisse aus den Projekten sollen in die zukünftige Alterspolitik der Stadt Luzern einfliessen.

Ihr Eintrag wird nach einer Überprüfung online gestellt.
Keine Kommentare vorhanden
Heute auf zofingertagblatt.ch
Frage des Tages
Marktplatz
regiostellen.ch
michel interior ag
bodenleger | parkettleger, Mitarbeiter, obergerlafingen
Kaiser Industrie Automation AG
Elektroplaner/ -zeichner CAD, 4702 Oensingen, Mitarbeiter, Oensingen
Alphüsli AG
Marktfahrer/Verkäufer, 4538 Oberbipp, Mitarbeiter, Oberbipp
Hasenfratz + Strebel Architekten AG
Bauleiter/-in, 4900 Langenthal, Mitarbeiter, Langenthal
Seniorenheim
Nachtwache HF, Mitarbeiter, Horriwil
Hotel Ambassador
Aide de patron, Mitarbeiter,
regioimmo.ch
Abo-Service

Normal-Abo (e-Paper/Digital inkl.)

Schnupper-Abo / Probe-Abo

Digital-Abo

Leserangebote
Partner