Allein wohnen liegt im Trend: Trautes Heim, Glück allein

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Alleine auf dem Sofa lümmeln und selber bestimmen, was über den Fernseher flimmert: Auch immer mehr junge Menschen leben ohne Mitbewohner in den eigenen vier Wänden. PLAINPICTURE

Kochen, worauf man gerade Lust hat. Putzen, wann einem danach ist. Die Wohnung nach dem eigenen Geschmack einrichten. Alleine zu leben, ist in der Schweiz verbreitet: Jeder dritte Haushalt wird nur von einer Person geführt. Bereits seit den 1990erJahren sind die Einpersonenhaushalte die häufigste Wohnform. Ein Trend, der sich gemäss dem Bundesamt für Statistik (BFS) künftig verstärkt: Bis im Jahr 2045 soll die Zahl der Alleinlebenden um ein Drittel ansteigen – von aktuell 1,3 auf 1,7 Millionen. Trifft diese Prognose ein, sind im Jahr 2045 38 Prozent aller Haushalte lediglich von einer Person bewohnt.

Wer sind diese Menschen, die sich zwar nicht mit den Marotten eines Mitbewohners herumschlagen müssen, denen aber höchstens eine Katze um die Beine streicht, wenn sie die Wohnungstüre öffnen? Das BFS nennt als Gründe für den Anstieg der kleineren Haushalte die rückläufigen Geburtenzahlen und die höhere Lebenserwartung.

Studienautor Raymond Kohli sagt: «Die Generation der Babyboomer kommt in ein Alter, wo ihre Kinder das Elternhaus verlassen. Dies hat sowohl eine Erhöhung der Anzahl älterer Paare, die ohne Kinder in einem Haushalt leben, als auch eine Zunahme der jungen Erwachsenen, die meistens alleine leben, zur Folge.»

Letztere nutzen den Supermarkt der Möglichkeiten, der ihren Grosseltern noch versperrt war: Sie investieren mehr Zeit in ihre Ausbildung(en), reisen und bekommen nicht nur später, sondern auch weniger Kinder. Spätestens wenn die jungen Erwachsenen im Job ankommen, ziehen viele von ihnen aus den WGs aus.

Singles werden bedauert
Der zweite Grund für den Boom der Einzelhaushalte liegt am anderen Ende der Generationenkette: bei den älteren Menschen. Stirbt der Partner oder die Partnerin, führen sie in der Regel alleine den Haushalt weiter. Meist sind das Frauen, wie Kohli sagt: «Dies aufgrund der höheren Sterblichkeit der Männer sowie angesichts der Tatsache, dass die Ehemänner in der Regel älter sind als ihre Ehefrauen.»

Nicht selten trennen sich die Wege von Paaren bereits zu einem früheren Zeitpunkt. Die Scheidungsrate bewegt sich nach wie vor auf einem hohen Niveau, was zusätzlich zu neuen Single-Haushalten führt. Obwohl der Einpersonenhaushalt auch bewusst als Lebensform gewählt wird, ernten Alleinstehende nicht nur kurz vor Weihnachten immer wieder eines: Bedauern. Wer neben der Türklingel nur seinen Namen stehen hat, werde rasch mit Einsamkeit in Verbindung gebracht, sagt der Soziologe François Höpflinger. Eine Zuschreibung, die jedoch «die Realität verkenne», wie der Generationenforscher sagt.

Er warnt davor, die Haushaltsdurchmischung mit den sozialen Beziehungen gleichzusetzen. Ein Anstieg der Einpersonenhaushalte bedeute nicht eine Vereinzelung. Das habe die Forschung widerlegt. «In der Regel sind gerade allein lebende Menschen gut vernetzt und sozial eingebettet», sagt er. In der modernen Gesellschaft hätten die Menschen gelernt, auch «ausserfamiliale Beziehungen aktiv zu gestalten». Waren Frauen früher stark auf Familie und Kindererziehung konzentriert, verfügen sie heute durch ihre Ausbildung und ihren Beruf oft über vielfältige Kontakte, sagt Höpflinger.

Anders als vor ein paar Jahrzehnten lassen sich diese durch die erhöhte Mobilität und neueren Technologien wie Smartphones oder soziale Medien einfacher pflegen. Per Videogespräche gibt es Augenkontakt, auch wenn der Gesprächspartner Hunderte von Kilometern entfernt sitzt.

Besser vernetzte Senioren
Das Gesundheitsmonitoring des Bundes zeigt jedoch, dass sich 31,6 Prozent der Menschen in der Schweiz manchmal und 4,5 Prozent sehr oft einsam fühlen. Höpflinger sagt dazu: «Gelegentliche Einsamkeitsgefühle sind häufig. Gesunken ist jedoch der Anteil der Menschen, die häufig bis immer vereinsamt sind.» Auch bei älteren Menschen habe sich das Freundschaftsnetz ausgeweitet.

Er verweist auf eine Umfrage bei Senioren im Kanton Genf und Wallis. Dabei wurden Menschen im Alter von über 80 Jahren gefragt, ob sie intime Freundschaften pflegen. Im Jahr 1979 verneinten dies 53 Prozent der Befragten; 2011 waren es nur noch 22 Prozent. Dass Menschen auch im hohen Alter neue Kontakte ausserhalb der Verwandtschaft und Nachbarschaft knüpfen, sei ein neueres Phänomen, so Höpflinger.

Prognostizierte die Forschung in den 80er-Jahren die Auflösung der Beziehungen, sei dies inzwischen überholt, sagt der Soziologe. Die Erkenntnis, dass die sozialen Beziehungen eng mit dem Wohlbefinden verknüpft sind, hat sich offenbar auch auf die Gesellschaft ausgewirkt.

Eine Absage an den Individualismus ist dies dennoch nicht. Die Wohnung als privater Rückzugsort sei «wichtiger als je zuvor», sagt Höpflinger. Mit dem gestiegenen Wohlstand scheitern Einpersonenhaushalte nicht mehr am Geld. Sowohl in jüngeren wie älteren Generationen gibt es Paare, die sich zwei Haushalte finanzieren. «Heute ist der Fünfer und das Weggli möglich: Individualisierung und soziale Beziehungen», sagt Höpflinger.

Hoher Verbrauch von Fläche
Und was sind die Folgen davon? «Ein hoher Energieverbrauch und ein unterbelegter Wohnraum, der auf Kosten von jungen Familien geht», sagt Höpflinger. Das bestätigt der ehemalige Basler Stadtentwickler Thomas Kessler. In keinem anderen Kanton leben so viele Menschen alleine wie in Basel-Stadt. 47 Prozent aller Haushalte werden dort von einer einzelnen Person geführt. Das braucht Platz. In der Schweiz beträgt die durchschnittliche Wohnfläche 45,2 Quadratmeter pro Person; in einem Einzelhaushalt jedoch 79,4 Quadratmeter.

Mit Blick auf deren prognostizierten Anstieg sagt Kessler, dass es mehr günstige und kleinere Wohnungen insbesondere für ältere Menschen brauche. Wegen tiefer Zinsen in ihrer langjährigen Mietwohnung oder dem abbezahlten Haus lohnt sich für sie der Auszug bereits aus ökonomischen Gründen oftmals nicht. Dazu kommt die emotionale Bindung an den Wohnort.

Ein Lösung wären Mischsiedlungen, damit die Menschen innerhalb ihrer Umgebung umziehen könnten, sagt Kessler. «Sonst droht weiter unnötig viel Bautätigkeit in der Peripherie und eine Wohnungsnot in den Innenstädten.» Doch der Immobilienmarkt hinke der Nachfrage hinterher.

Auch Eveline Althaus vom ETHWohnforum fordert ein Umdenken der Branche. «Bislang fokussiert sie, wenn denn, auf wohlhabende Senioren», sagt sie. Dabei würde es für Immobilienfirmen auch abseits teuren Seniorenresidenzen «interessante Geschäftsfelder» geben. «Sinnvoll sind Modelle, die mit einfachen Mitteln den Wohnalltag unterstützen», sagt Althaus.

Als Beispiel nennt sie einen erweiterten Hauswartsdienst, der Glühbirnen auswechselt, bei schweren Einkaufstaschen hilft oder nachschaut, wenn die Storen im Verlauf des Tages nicht hochgezogen werden. «Auch finanziell schlechtergestellte Menschen wünschen sich, in den eigenen vier Wänden alt zu werden», sagt Althaus.

von ANNIKA BANGERTER/AZ

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