Ich bin nicht stolz, Schweizer zu sein

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Michael Wyss

Seit meinem dritten Lebenstag wohne ich in Zofingen. Im Spital in Langenthal auf die Welt gekommen, in die Thutstadt «übersiedelt», hier hängen geblieben und mittlerweile sogar Ortsbürger. Zuweilen werde ich dafür belächelt, so etwas passt in der Zeit der Globalisierung nicht mehr ins gängige Bild. Aber ich lebe gern hier, kenne mich aus und kenne vor allem die Menschen und ihre Eigenheiten.

Trotzdem bin ich keineswegs stolz darauf, Zofinger oder Schweizer zu sein. Weshalb, werden sich die «wahren» Eidgenossen fragen. Die Antwort ist sehr einfach: Wie kann ich auf etwas stolz sein, für das ich überhaupt nichts kann? Denn die Definition verrät: «Stolz ist die Freude, die der Gewissheit entspringt, etwas Besonderes, Anerkennenswertes oder Zukunftsträchtiges geleistet zu haben.»

Ich bin wirklich froh darüber, an einem so schönen, sauberen und vor allem friedfertigen Ort leben zu dürfen. Ich bin mir des unglaublichen Privilegs bewusst – jeden Tag aufs Neue. Ich bin dankbar dafür, dass meine Kinder hier aufwachsen dürfen und nicht in einem Kriegsgebiet um ihr Leben fürchten oder in der Dritten Welt Hunger leiden müssen. Aber stolz darauf bin ich nicht. Ebenso wenig, wie darauf, dass ich ein Mann bin, dass ich 1,83 m gross bin, dass ich weisser Hautfarbe bin, dass ich strahlend blaue Augen habe oder dass ich 43 Jahre alt bin – und immer noch wie 30 aussehe. Denn es sind alles Zufälligkeiten, die ohne mein Zutun so sind, wie sie sind.

Das wiederum bedeutet aber nicht, dass nicht auch ich hie und da dieses spezielle Gefühl empfinde. Ich bin stolz auf die Mitglieder meiner Familie, vor allem, weil sie all meine Macken zu akzeptieren versuchen. Ich bin stolz darauf, wenn mir Fremde zu meinen gut erzogenen Kindern gratulieren. Ich bin stolz auf das Engagement meines kleinen Sportredaktionsteams. Ich bin stolz darauf, dass ich mich seit vielen Jahren jede Woche zweimal ins Fitnesscenter quäle, obwohl man es mir nicht ansieht und es ganz viele Dinge gibt, die ich deutlich lieber mache. Ich bin stolz darauf, dass ich mich immer wieder zusammenreissen kann und keine Gewalt anwende, wenn mir böse Menschen begegnen. Ich bin stolz darauf, wenn mir ab und zu ein schönes Foto gelingt – und nicht zuletzt, wenn ich wieder eine vernünftige Kolumne aus der Feder «geschüttelt» habe.

Ihr Eintrag wird nach einer Überprüfung online gestellt.

Eine Frage des Standpunktes

Nikos Traianou
schrieb am 21.12.2017 16:29
Der Artikel geht meines Erachtens grundsätzlich in Ordnung. Anderseits darf man aber ruhig auch auf folgende Punkte in der Schweiz stolz sein: z. Beisp. die zahlreichen Partizipationsmöglichkeiten in der Politik und in der Gesellschaft eines jeden Einzelnen; der foederative Aufbau der Schweiz; die Diversität in einer eigenständigen Kultur sowie die wirtschaftliche Prosperität der Schweiz unter Beachtung einer nicht falsch definierten "Toleranz".

Es ist ganz einfach

Michael Wyss
schrieb am 21.12.2017 13:47
Liebe Vrene
Tut mir leid, wenn meine Gedanken nicht bei Dir angekommen sind. Es geht einzig und allein darum, dass ich jeden Tag mit Aussagen wie "Ich bin stolz, ein Schweizer zu sein" konfrontiert werde. Ich wollte damit nur klar stellen, dass das reines Glück ist und nichts mit Stolz zu tun hat.

Und was willst du uns damit sagen?

Verena
schrieb am 21.12.2017 10:30
Klar, stolz sein kann man nur auf etwas, was man erreicht hat. Wie im Wiki auch steht, steht Stolz für: Emotion der Selbstzufriedenheit, also kannst du ja gar nicht stolz auf deine Grösse, Hautfarbe, vermeintlich jugendliches Aussehen etc. sein, wenn du dir diese Eigenschaften nicht selber erarbeitet hast, alles andere wäre überheblich und ein sich mit fremden Federn schütteln. Schön ist, dass auch du etwas erreicht hast, worauf du stolz sein kannst, Gratulation.

Nichtsdesto Trotz, sehe - zumindest ich - aus deiner selbsdeklariert vernünftigen- und aus der Feder geschüttelten Kolumne nicht, was du der Umwelt mit deinen Gedanken wirklich sagen willst, sprich: willst du deinen Stolz manifestieren, oder anderen sagen, dass sie auf gar nichts stolz sein sollen, oder ist dir einfach nichts geistreicheres für deine Kolumne in den Sinn gekommen?

Gruess

Vrene
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