Das Jahr, in dem wir über die Wahrheit nachzudenken begannen

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Chefredaktor Philippe Pfister.

Das Jahr 2017 wird im Rückblick als jene Zeit in die Geschichte eingehen, in der die Wahrheit unter die Räder kam. Das mag etwas pathetisch und altmodisch klingen, ich weiss. Haben wir nicht die Wahrheit erfolgreich zurückgedrängt, weil viele Perspektiven, viele Wirklichkeiten gelten sollen?

Es scheint so. Was dabei auf der Strecke geblieben ist, wurde 2017 offensichtlich.

Die Liste der Lügen des US-Präsidenten beispielsweise wird beinahe täglich länger. Die erdrückende Last der Beweise, die diese Unwahrheiten entlarven, verpufft ohne Wirkung. Es ist kein Zufall, dass dieser Präsident ein Star der in den sozialen Medien ist. Dort dringt nicht in erster Linie das stichhaltigste Argument durch, sondern die verführerischste, lauteste, emotionalste Botschaft; lange genug wiederholt erscheint möglich, was bei genauem Hinsehen kreuzfalsch wäre. Wir müssen nicht nach Amerika blicken, um zu beobachten, wie offensichtlich Halb- bis Unwahres die politische Debatte beherrscht. Wir machten solche Befunde auch vor der Haustüre.

Ist das schlimm?

Der heute 88 jährige US-Philosoph Harry Frankfurt hat die Frage 2006 in einem Essay ziemlich klar beantwortet: Eine Gesellschaft, die im Umgang mit der Faktentreue leichtfertig und «beharrlich nachlässig» ist, «wird zwangsläufig ihren Niedergang» erleben. Sie werde nicht in der Lage sein, wesentliche Leistungen zu vollbringen oder klare Ziele entwickeln. «Kulturen sind niemals gesund vorangekommen, und sie können nicht gesund vorankommen, wenn sie nicht über grosse Mengen zuverlässiger Informationen über Fakten verfügen», so Frankfurts Fazit. Kurz: Ohne den produktiven Gebrauch von Wahrheit läuft nichts.

Es ist also wirklich schlimm? Frankfurt schiebt mit Spinoza (1632–1677) ein beruhigendes Argument nach. Es lautet, verkürzt, so: Die Menschen können gar nicht anders, also die Wahrheit zu lieben – ob sie es nun wissen oder nicht. Sie können nicht umhin zu erkennen, dass die Wahrheit ein unentbehrliches Werkzeug ist, das sie befähigt, am Leben zu bleiben, sich selbst zu verstehen und erfolgreich angemessene Ziele anzustreben. Kurz: Die Wahrheit kann so schnell gar nicht aus der Welt verschwinden – auch wenn das vorübergehende so scheinen mag. Ich finde, das ist eine gute Nachricht zum Ende des Jahres.

Ich wünsche Ihnen einen wahrhaft guten Rutsch und ein erfolgreiches 2018!

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