Hände weg vom Cc-Knopf!

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Chefredaktor Philippe Pfister.

Vor ein paar Tagen habe ich den Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann zum Interview getroffen. Der sympathische Querdenker referiert am 16. Januar in Zofingen. Im Gegensatz zu manchen Wirtschaftsführern und Politikern sieht er die Herausforderungen durch die Digitalisierung betont gelassen: Der Hype sei erstaunlich, weil wir ja schon längst damit konfrontiert seien und recht gut zurande kämen. Grund zur Beunruhigung gebe es nicht, er glaube auch nicht, dass es zu Massenarbeitslosigkeit komme, weil Roboter Menschen ersetzten. Und dann macht Straumann auf einen Aspekt aufmerksam, von dem tatsächlich kaum jemand spricht: Er erlebe Digitalisierung oft nicht als kreativ, sondern extrem einengend. «Sie ermöglicht auch Bürokratisierung, und zwar in einem Masse, wie wir das noch nie gesehen haben.»

Als Beispiel nennt der Wirtschaftshistoriker das Punktewesen im universitären Bologna-System. Weil alles genau festgelegt und aneinander angepasst sein müsse und weil unzählige Schnittstellen bestünden, sei die Verwaltungsarbeit explodiert.

Dass Straumann recht hat, weiss fast jeder und jede mit einem Job, der in den letzten Jahren von der Digitalisierung eingeholt wurde - und welche Job wurde das nicht? Dokumentationen, Tabellen und Statistiken müssen gefüttert werden, einfach weil die Daten es hergeben – was die Daten genau bedeuten und was man sinnigerweise damit anfangen könne, wird zu wenig hinterfragt.

Besonders «wachstumsschädigend» (Straumann) ist der exzessive Gebrauch – oder besser: Missbrauch –  des Cc-Knopfs in Email-Programmen. Der halbe Betrieb wird mit abendfüllenenden Dialogen bombardiert – wirklich involviert sind indes nur zwei Leute. Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verplempern Stunden, um Mails in Romanlänge zu verfassen – wo doch der Griff zum Telefon schneller, effizienter und zielführender wäre.

Die Digitalisierung wird noch so manches auf den Kopf stellen, keine Frage; deren Folgen zu unterschätzen könnte sich als verheerend erweisen. Das heisst aber nicht, dass eine ordentliche Dosis Skepsis, ja sogar Verweigerung am richtigen Ort und zum richtigen Zeitpunkt falsch wären.

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