Müffeln ist schlimmer als Schnüffeln

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Fluch und Segen ist sie für mich. Meine Nase. Nicht optisch. Klar, da liesse sich sicher die leichte Schräge korrigieren. Aber darum geht es nicht. Vielmehr ist es mein Geruchssinn, der mir mal Freund, mal Feind ist. Eine Schnüfflerin bin ich seit jeher. Bei meinen ersten Bastelversuchen waren es nicht die Schere und das bunte Papier, was mich begeisterte, sondern der Duft des Klebstifts. Nach Marzipan roch er. Kehrte ich von der Schule heim, wusste ich schon im Treppenhaus, ob Lasagne, Kartoffelstock, Braten und Sauce oder Bami Goreng auf mich wartete. Mein «Lieblingsduft» war aber Benzin. An der Tankstelle stieg ich stets aus, wenn mein Vater Treibstoff nachfüllte. Verletzte ich mich am Finger, wollte ich ein Pflaster – weil ich dessen Klebrückstände später mit Wundbenzin entfernen durfte. In meiner Lehre als Schaufensterdekorationsgestalterin waren Acrylfarbe und Nitroverdünner meine liebsten Arbeitsmittel.

Zur süchtigen Schnüfflerin bin ich zum Glück nicht geworden. Solchen begegnete ich in Barcelona. Benebelt von den flüchtigen Gasen, taumelten sie durch die Gassen. Furchtbar. Vor allem, weil jenes Schnüffeln schnell die Riechzellen zerstört. Welche Katastrophe wäre es, keinen Geruchssinn mehr zu haben. Ich denke es immer dann, wenn ich verschnupft bin und nur spüre, aber nicht rieche, wie ich mit Pfefferminzöl inhaliere.

Eine ausgesprochen feine Nase zu haben, stinkt mir aber manchmal gewaltig. Im Sommer im Tram. Bei Spitalbesuchen. Wenn Raucher meine Katze gestreichelt haben. Wenn ich mit dem Velo hinter dem Müllabfuhrwagen herfahre. Wenn jemand – inklusive mir – Knoblauch gegessen hat. Im Lift eines Altersheims. Beeindruckt bin ich zuweilen von meinem «Geruchsgedächtnis». Die Salbe, die meine Brandnarben am Arm als Fünfjährige gut verheilen liessen, erkannte ich am Duft sofort wieder, als sie eine Kollegin kürzlich benutzte. Sage ich meinen Kindern nach Feierabend daheim Hallo, rieche ich, ob sie nachmittags bei Grosi oder Gotti zu Besuch waren. Je nachdem, wessen Parfum sich beim Knuddeln auf ihr Gesicht und Shirt übertragen hat.

Kann ich jemanden nicht riechen, hat das wohl auch mit seiner Ausdünstung zu tun. Aber nicht nur. Und jetzt gehe ich tanken.

Bsetzistei ist die wöchentlich erscheinende Kolumne aus der Feder der Redaktorinnen und Redaktoren des Zofinger Tagblatts und der Luzerner Nachrichten.

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