Sirenentest: «Urschweizerische DNA oder «Soundtrack zum Weltende»?

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Philippe Pfister und Oliver Schweizer (Archivbild)

Philippe Pfister, Chefredaktor: «Das ist schweizerische DNA»

Zwei Klänge rufen bei mir wie kaum etwas sonst das Gefühl von Heimat wach. Da ist zum einen das dumpf-laute Röhren der Schiffshörner der Dampferflotte auf dem Vierwaldstättersee. Und da ist zum anderen das furchteinflössende Heulen der Sirenen, das jährlich einmal zu Testzwecken das ganze Land beschallt. Überrascht werden wir ja davon fast nie; mit der gleichen Regelmässigkeit und Pünktlichkeit, wie sie losheulen, werden die Tests auf allen Kanälen angekündigt. Schon deshalb sind sie urschweizerisch. Los gehts auf die Minute genau. Der Test dauert so lange, wie es die zuständige Behörde – in unserem Fall die Sektionsleitung Koordination Zivilschutz im Departement Gesundheit und Soziales – angekündigt hat.
Das System versagt natürlich nie; die Übung hinterlässt einen Eindruck von perfekter helvetischer Präzision. Ausländer, die den Sirenentest zum ersten Mal hören, trauen ihren Ohren nicht; in anderen Kulturen könnte ein landesweites Sirenengeheul nur als ein Kriegssignal interpretiert werden. Letztes Jahr sprach ich mit einem indischen Freund über das alljährliche Testritual; dass so etwas in seiner Heimat planbar, geschweige denn durchführbar wäre, sei vollkommen undenkbar. In einer Zeit, in der fast alle Menschen ständig mit einem Smartphone unterwegs sind, mag ein alljährlicher Sirenentest etwas antiquiert anmuten.
Sollte sich eines Tages herausstellen, dass jährliche Tests überflüssig werden, wäre ich dafür, sie trotzdem zu veranstalten. Sie erinnern uns an das, was zentraler Bestandteil schweizerischer DNA ist: Eine gewisse Sturheit, gewiss, aber vor allem Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Präzision. Und sie erinnern mich an etwas, worüber man oft zu leicht hinweggeht: Dass wir in einem der sichersten, ja vielleicht sichersten Land auf diesem Planenten leben.

 

Oliver Schweizer, online-Redaktor ZT: «Soundtrack zum Weltende»

Seitdem ich denken kann, finden die Sirenentests mittwochs um halb zwei statt. Seitdem ich denken kann, erschrecke ich, wenn das kakofonische an- und abschwellende Geräusch losgeht. Da hilft alles vorgängige Wissen nichts: Das Sirenengeheul klingt in meinen Ohren fürchterlich unheimlich, wie ein Wehklagen, das den Weltuntergang einläutet. Das muss es natürlich auch, schliesslich soll es uns ja warnen, nicht erfreuen. Aber wovor sollen uns die Sirenen eigentlich warnen? So genau wusste ich das nie, und ich gehe davon aus, dass ich nicht der Einzige in diesem Land bin, der sich alljährlich diese Frage stellt.
Jedes Jahr muss ich darum Nachforschungen anstellen und herausfinden: Aha, «allgemeiner Alarm»! Will heissen: Radio einschalten und den Anweisungen des Katastrophenstabs (existiert dieses Wort eigentlich?) Folge leisten. Interessant finde ich, dass auch in einer digitalisierten Welt wie der heutigen tatsächlich noch echte, «analoge» Heute heulen wieder einmal landesweit 7200 Sirenen – zu Testzwecken. Der organisierte Lärm klingt nicht für alle Ohren gleich, wie die Beiträge unserer Autoren zeigen. Sirenen auf Dächern stehen und sogar auf Fahrzeugen montiert in jene Gebiete geschickt werden, wo es offenbar keine Gebäude gibt, auf die man die Sirenen stellen könnte.
Aber zurück zu den Anweisungen, die via Radio zu uns kommen könnten, vorausgesetzt natürlich, es wäre mal nicht Mittwoch und halb zwei Uhr, wenn unsere Ohren malträtiert werden: Ich befürchte, dass ich diese Anweisungen im Falle des Falles eher nicht befolgen würde. Dazu überreden, mich mit Dutzenden von fremden, panischen Menschen in einen Luftschutzkeller sperren zu lassen, könnte mich jedenfalls niemand. Wahrscheinlicher wäre, dass ich meiner Frau noch schnell ein Glas Wein einschenken, mir ein Bier öffnen und darauf hoffen würde, dass wir noch Strom haben, damit ich die Stereo-Anlage so laut aufdrehen könnte, dass wir wenigstens beim letzten Prosit diese scheusslichen Sirenen nicht hören müssen.

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