«Beim Fasten hat man dauernd Hunger» – 18 Vorurteile zum Verzicht gekontert

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Bernhard Lindner fastet jedes Jahr ein- bis zweimal in der Gruppe. Am Ende der sechs Tage steht das Fastenbrechen – mit Brot und Äpfeln. (Bild: Thinkstock)

Fastenzeit. Leidenszeit? «Nein», sagt Bernhard Lindner. «Hunger verspüre ich während dem Fasten nie.» Der 57-jährige Gemeindeleiter von Oeschgen und Erwachsenenbildner fastet seit 2004 ein- bis zweimal jährlich.

Er bietet jedes Jahr auch eine Fastenwoche an; in diesem Jahr in Sulz. Weshalb tut er sich das an? «Weil ich das Fasten als etwas Befreiendes empfinde», sagt er. Die AZ hat den Fastenexperten mit 18 Vorurteilen zum Fasten konfrontiert.

1. Das erste Mal Fasten war schlimm.
Nein, ich empfand es als Herausforderung. Ich überlegte mir lange, ob ich es wirklich tun will und ob ich das auch durchhalten kann. Ich war verunsichert, wusste nicht, wie mein Körper darauf reagiert.

2. Nach der ersten Fastenwoche war ich am Ende.
Ganz und gar nicht. Ich war stolz darauf, es geschafft zu haben. Es war eine Super-Erfahrung. Ich spürte den Unterbruch beim Essen – in der Psyche wie auf der Waage: Ich hatte fünf Kilogramm abgenommen.

3. Das Fasten ist das optimale Programm zur Gewichtsreduktion.
Das würde ich so pauschal nicht sagen. Das Fasten ist sicher eine Möglichkeit über Essen und Essensgewohnheiten nachzudenken. Ich selber faste ein- bis zweimal im Jahr und erlebe das Fasten dabei als willkommene Gewichtsbremse.

Ich kenne aber auch Leute, bei denen das Fasten eine Art Jo-Jo-Effekt auslöst: Sie nehmen beim Fasten ab, essen danach mehr als zuvor – und können ihr ursprüngliches Gewicht nicht halten. Bei mir pendelt sich das Gewicht nach vier bis sechs Wochen beim Vor-Fasten-Wert wieder ein.

4. Das Fasten kann zur Sucht werden.
Diese Gefahr besteht effektiv. Das Fasten kann ein euphorisches Gefühl auslösen. Es gibt Menschen, die das Fasten immer mehr ausweiten und nicht mehr aufhören können. Dann wird es gefährlich und kann in die Magersucht abgleiten. Wenn man länger fasten will, sollte man dies unbedingt mit einem Arzt besprechen.

5. Beim Fasten hat man dauernd Hunger.
Überhaupt nicht. (Lacht.) Nicht einmal ein wenig. Es ist, als lege man im Kopf einen Ich-esse-jetzt-nicht-mehr-Schalter um. Das ist auch wichtig, denn ein Hungergefühl ist schwierig auszuhalten. Bevor ich das Heilfasten, das mit einer «hungerlöschenden» Darmentleerung startet, gemacht habe, habe ich versucht, an Freitagen in der Fastenzeit nur einmal pro Tag zu essen.

Das fiel mir viel schwerer, denn da rebellierte der Magen und verlangte nach Nahrung. Es gibt sogar Leute, die sich während der Fastenzeit ausmalen, was sie nach dem Fasten alles kochen wollen. Das Essen beschäftigt auch mich während dem Fasten, aber darunter leide ich nicht.

6. Man nimmt beim Fasten Gerüche intensiver wahr – und merkt, dass die Welt stinkt.
Durchaus, die Sinneswahrnehmungen werden intensiver. Wenn ich während des Fastens an einer Bäckerei vorbei laufe, nehme ich den Brotgeruch viel deutlicher wahr als sonst. Aber auch schlechte Gerüche nehme ich natürlich intensiver wahr. (Lacht.) Und ich reagiere dünnhäutiger auf Worte als sonst.

7. Fasten kann ich ohne Vorbereitung.
Falsch. Man muss sich innerlich darauf einstellen und auch den Körper darauf vorbereiten. Dazu gehört ein Entlastungstag, an dem man ab Mittag nichts mehr isst, und dazu gehört am ersten Fastentag morgens eine Darmentleerung.

Dies kann man mit verschiedenen Methoden tun; ich selber mache die Darmentleerung mit einem auf Bittersalz basierenden Abführmittel. Ebenfalls zur Vorbereitung gehört, rechtzeitig mit dem Kaffeetrinken aufzuhören – und, wenn möglich, mit dem Rauchen. Weshalb keinen Kaffee? Weil der Koffein-Entzug während des Fastens Kopfschmerzen auslösen kann.

8. Das Wasser hängt einem irgendwann zum Hals raus.
Das stimmt, es schmeckt nach nichts. Deshalb «tricksen» viele erfahrene Fastenleute und süssen das Wasser zum Beispiel mit Honig oder mit einem Schuss Apfelsaft. Andere lutschen Bonbons. Ich selber bevorzuge als Wasseralternative Tee.

9. Der Gang in die Küche liegt während des Fastens nicht drin.
Doch, das ist kein Problem. In den ersten Jahren, in denen ich gefastet habe, habe ich sogar regelmässig für die Familie gekocht; meine Frau und ich wechselten uns im Haushaltsdienst ab. Damit hatte ich gar keine Probleme – nur das Abschmecken musste ich sein lassen.

Das Fasten half mir auch, festzustellen, wie oft man eigentlich ans Essen denkt, wie selbstverständlich der Gang in die Küche ist, um etwas aus dem Kühlschrank oder der Süssigkeitenschublade zu holen, obwohl man gar nicht unbedingt Hunger hat und obwohl gar nicht Essenszeit ist. Seit ich faste, erlebe ich das Essen bewusster.

10. Einladungen zu Partys sind der Horror.
Das hat was. Wenn man zum Essen oder zum Kaffee eingeladen ist und dann sagt, man faste und wolle nichts essen, ist das Fasten automatisch das Gesprächsthema Nummer eins – ob man nun will oder nicht.

Alle sagen: «Wie kannst du nur?!» Man fühlt sich dann auch fast etwas als Spielverderber für den Gastgeber. Deshalb nehme ich während meiner Fastenwoche Einladungen nur selten an.

11. Die Essensdüfte bringen einen fast um.
(Lacht.) Nein, ich lebe ja noch. Man nimmt die Gerüche intensiv wahr, aber sie lösen keinen Heisshunger aus. Einige Essensdüfte empfinde ich jeweils sogar als unangenehm, vor allem Bratdüfte. Bei anderen denke ich: Das werde ich auch wieder einmal kochen – nach dem Fasten.

12. Bei diesem Lebensmittel fällt der Verzicht besonders schwer.
Am meisten freue ich mich auf das Brot. Mit Brot und einem Apfel mache ich auch das Fastenbrechen.

13. Man ist beim Fasten ausgepowert; die Batterie ist halb leer.
Natürlich spürt man, dass man fastet. Aber halb leer ist die Batterie nicht. Ich arbeite während der Fastenwoche normal weiter und mache auch regelmässig Spaziergänge. Das tut mir sogar gut. Aber, ja, zu körperlichen Höchstleistungen ist man während der Fastenwoche kaum fähig.

14. Eine Woche nach dem Fasten ist schon alles wieder vergessen.
Gar nicht. Wichtig ist, dass man den Körper wieder richtig aufbaut und den Verdauungstrakt am Anfang nicht überfordert. Ich kaue dann noch bewusster und langsamer. So merke ich auch das Sättigungsgefühl besser.

Es lohnt sich zudem, sich zu überlegen, welche Lebensmittel man ab wann wieder essen will – und auf welche man vielleicht ganz verzichten möchte. So wird das Essen – und der Verzicht – zu einem Ereignis. Das Fasten klingt auf jeden Fall nach, bei mir dauert dieser Prozess vier bis sechs Wochen.

15. Fasten hilft der Psyche.
Bei mir ist das so. Ich erlebe das Fasten als eine Art Psychohygiene, als euphorisierend. Aber: Jeder Mensch reagiert anders auf das Fasten. Es gibt Menschen, die in eine depressive Stimmung verfallen. Für diese Menschen eignet sich das Fasten nicht – oder höchstens in Absprache mit ihrem Arzt.

16. Fasten kann man nur im stillen Kämmerchen.
Überhaupt nicht. Ich habe noch nie eine Woche lang alleine gefastet, sondern immer in einer Gruppe. Das hat den positiven Effekt, dass die anderen mich mittragen. Jeder kann einmal an den Moment kommen, an dem er sagt: «Weshalb tue ich mir das überhaupt an?» In der Gruppe findet man die Antwort, die anderen bauen einen auf. Auch den «Gruppendruck» erlebe ich als motivierend.

Ich möchte nicht derjenige sein, der beim täglichen Treffen sagt: «Ich habe heute aufgehört.» Die Gruppe trägt. Aber, wohlverstanden: Wer aufhören will, der darf und soll das auch in der Gruppe. Es gibt auch in meiner Fastengruppe immer wieder Menschen, die aus gesundheitlichen oder anderen Gründen passen müssen. Auch in diesen Momenten trägt die Gruppe mit.

17. Als Fastenneuling lege ich einfach los.
Nein, es empfiehlt sich sehr, sich im Vorfeld intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. Dazu gehört, nachzulesen oder nachzufragen, wie der Körper auf den Nahrungsentzug reagieren wird, wie ich den Entlastungstag und die Darmentleerung machen will, was ich während der Fastenwoche zu mir nehmen will – ob Wasser, Tee, Gemüse- oder Fruchtsäfte.

Zur Vorbereitung gehört auch, wenn man Medikamente nimmt, mit dem Arzt zu klären, ob es ein Problem ist, wenn man nun eine Woche lang nichts mehr isst.

18. Das erste Essen nach dem Fasten ist ein Hit.
Ja, es ist etwas ganz Besonderes. Wie ein Festmahl, obwohl es nur aus ganz wenig besteht, bei uns aus Wasser und Äpfeln. In der Gruppe decken wir den Tisch, so, als wollten wir richtig tafeln. Es ist einfach himmlisch.

Fastenwoche mit Bernhard Lindner vom 11. bis 16. März im Pfarreiheim Sulz. Treffen und Fastenspaziergänge jeweils am Abend. Informationen zur Fastenwoche erteilt bernhard.lindner@kathaargau.ch.

Bernhard Lindner

Bernhard Lindner, 57, ist seit 2004 Gemeindeleiter in der römisch-katholischen Pfarrei Oeschgen. Neben diesem 50-Prozent-Pensum arbeitet er für die Landeskirche Aargau bei der Fachstelle Propstei und Bildung. Er bietet unter anderem Pilgerkurse und Fastenkurse an. Auf Ende Juli hat Lindner seine Stelle als Gemeindeleiter gekündigt. Er wird sein Pensum bei der Landeskirche auf 80 Prozent aufstocken. Die restlichen 20 Prozent will er freiberuflich tätig sein. 

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