Chefarzt-Löhne: Drei Aargauer Spitäler zahlen überdurchschnittlich gut

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Die Löhne von Chefärzten in Spitälern sind ein gut gehütetes Geheimnis. Im Bild: Ärzte und ihr Patient im interdisziplinären Operationssaal des Kantonsspital Aarau im Juni 2016. (Bild: Chris Iseli/Archiv)

Chefärzte arbeiten viel, tragen viel Verantwortung und verdienen viel. Wie viel Geld genau auf ihre Lohnkonten fliesst, ist aber eines der letzten gut gehüteten Geheimnisse. Die Zahl erscheint in keiner Statistik und die Spitäler legen die Löhne ihrer Chefärzte nicht offen. Vergütungsexperte Urs Klingler hat für die «Rundschau» von SRF Hochrechnungen zum Einkommen der Chef- und Belegärzte in Schweizer Spitälern erstellt (die AZ berichtete). Als Basis diente ihm eine Statistik des Bundesamts für Gesundheit BAG aus dem Jahr 2015. In seiner Auswertung hat Klingler 174 Spitäler berücksichtigt und kommt zum Schluss: «Chefärzte verdienen in vielen Fällen mehr als ein Bundesrat.» Der Grossteil der Schweizer Chef- und Belegärzte habe einen Jahreslohn zwischen 350 000 und 1,5 Millionen Franken. «Jeder vierte Chef- oder Belegarzt verdient aber mehr. Es geht bis 2,5 Millionen Franken», sagte Klingler in der «Rundschau».

Laut des Vergütungsexperten schenken vor allem die variablen Lohnbestandteile ein. Chefärzte seien je nach Vertrag direkt am Umsatz beteiligt. Jede medizinische Leistung erhöhe ihren Lohn. Ausserdem könnten sie in einer eigenen Praxis zusätzlich Geld verdienen oder als Belegarzt in einem anderen Spital.

Millionen-Saläre im Aargau
Für die AZ hat der Lohnexperte die Zahlen der Aargauer Spitäler herausgesucht. Der Personalaufwand ist weder an den beiden Kantonsspitälern noch im Spital Muri oder im Gesundheitszentrum Fricktal besonders hoch. Er bewegt sich zwischen 115 096 Franken am Kantonsspital Aarau (KSA) und 108 323 Franken am Kantonsspital Baden (KSB) und liegt damit im Schweizer Durchschnitt. Die Durchschnittlichkeit des Kantons endet aber spätestens bei den Löhnen der Chefärzte. Sie verdienen im Aargau gleich an drei Spitälern überdurchschnittlich viel. Überdurchschnittlich viel heisst für Urs Klingler mehr als eine Million Franken pro Jahr.

Nicht nur im grössten Aargauer Spital, dem KSA, sollen Chefärzte so hohe Saläre erhalten. Auch das Spital Muri und das Gesundheitszentrum Fricktal sollen überdurchschnittlich viel bezahlen. Das KSB entlöhnt seine Chefärzte gemäss Klingler durchschnittlich. «Das heisst aber nicht, dass es nicht einzelne Ärzte gibt, die mehr als eine Million Franken pro Jahr verdienen», so der Experte. Genaue Zahlen möchte er keine nennen, «weil die Unterschiede zwischen den Fachgebieten gross sind». Urs Klingler geht davon aus, dass Radiologen, Kardiologen, Gastroenterologen, Intensivmediziner und Urologen zu den besser verdienenden Ärzten gehören. Während sich Psychiater, Kinderärzte und Reha-Ärzte am unteren Ende der Skala befänden.

Erstes Spital legt Löhne offen
Genaue Zahlen lieferte am Mittwoch das Kantonsspital Baselland (KSBL). Es hat das Kaderarzt-Lohnranking «aufgrund des medialen Fokus auf Chefarztlöhne» transparent gemacht. Die Bruttolöhne der 114 Kaderärzte bewegen sich laut Medienmitteilung zwischen 200 000 und 740 000 Franken, was ein durchschnittliches Jahresgehalt von 326 000 Franken ergebe. In diesen Löhnen seien auch die variablen Anteile enthalten, wie etwa die Honorare für die Behandlung von Privat- und Halbprivatversicherten.

Urs Klingler überraschen die Lohnsummen des KSBL nicht, wie er der «Tageswoche» sagte. Seine Auswertungen würden sich fast genau mit den Zahlen decken. Das Spital liege schweizweit auf Platz 66 bei der Ärztevergütung. «Das heisst, 65 Spitäler zahlen höhere Löhne.» Auf welchen Plätzen die Aargauer Spitäler rangieren, will Klingler nicht offenlegen. Nur so viel: «Das KSA und das

Gesundheitszentrum Fricktal sind bei den Löhnen im vorderen Viertel, das Spital Muri und das KSB in der vorderen Hälfte.»

Kritik an den Berechnungen
Die AZ hat in Aarau, Baden, Muri und im Fricktal nachgefragt, wie es um die Löhne der Chefärzte steht. Unisono antworteten sie, sie hätten Klinglers Hochrechnungen zur Kenntnis genommen. Aber die viel zitierte These, wonach Chefärzte im Durchschnitt eine Million Franken pro Jahr verdienen würden, entbehre jeglicher Grundlage.

Das Pflegepersonal und die Ärzte am KSB würden «marktgerechte und faire Löhne» erhalten, sagt Mediensprecher Omar Gisler. «Über deren Umfang und Zusammensetzung machen wir keine öffentlichen Angaben.» Fakt sei aber, dass am KSB kein Angestellter auf einen Jahreslohn im siebenstelligen Bereich komme. Gleiches sagt KSA-Sprecherin Andrea Rüegg: «Es gibt im KSA keine Lohnsumme im siebenstelligen Bereich. Unter anderem auch aus diesem Grund stellen wir die Berechnungen von Urs Klingler infrage.» Die Höhe des Lohnes im KSA sei abhängig von Dienstalter, Fachgebiet sowie Aus- und Weiterbildung.

Muri denkt über Fixlohn nach
Das Bewusstsein für die Thematik sei beim Gesundheitszentrum Fricktal vorhanden, sagt Mediensprecherin Miriam Crespo. «Wir haben unser Vergütungsmodell im Jahr 2016 grundlegend überarbeitet und überprüfen es regelmässig auf Angemessenheit und Vertretbarkeit.» Die Chefarztentlohnung bewege sich «in einem vernünftigen Rahmen», sagt Crespo. Das heisst: «Nimmt man Klinglers Angabe zum Durchschnittssalär eines Chefarztes, sind wir weit darunter.» Auch aus Muri gibt es keine Zahlen. Chefärzte würden ein «angemessenes Jahresgehalt» erhalten, sagt Sprecherin Martina Wagner. Das Spital Muri führe regelmässig Lohnvergleiche mit anderen Spitälern durch. «Auch um gegebenenfalls die Bandbreite der Gesamteinkommen unserer Chefärzte anzupassen», sagt Wagner. Ausserdem habe der Stiftungsrat die Spitalleitung letzten September beauftragt, zu überprüfen, ob die Kaderärztinnen und -ärzte ab dem Jahr 2019 mit einem fixen Einkommen abgegolten werden sollen.

Urs Klingler hält trotz Kritik der Spitäler an seinen Berechnungen fest. «Die Vorbesprechungen mit Ärzten und Insidern haben genau diese Fakten bestätigt. Sie erhärten sich immer mehr», sagt er.

Ruth Humbel fordert Transparenz
Einige Kantone haben bei den Spitalärzten einen Lohndeckel festgelegt. Am Universitätsspital Lausanne verdient kein Arzt mehr als 550 000 Franken, am Kantonsspital St. Gallen liegt die Obergrenze bei 700 000 Franken. Eine solche Lohndeckelung hält auch Gesundheitspolitikerin Ruth Humbel für vertretbar, sollte sich keine «vernünftige Selbstregulierung einstellen». Die Aargauer CVP-Nationalrätin fordert Transparenz: «Alle Spitäler auf der Spitalliste sollen die Löhne ihrer Ärzte offenlegen müssen», sagte Humbel gegenüber Tele M1. Unlängst äusserte sich auch die ehemalige Regierungsrätin und Patientenschützerin Susanne Hochuli zu den hohen Chefarzt-Gehältern. Sie finde solche hohen Löhne «amoralisch».

Das Departement Gesundheit und Soziales (DGS) äussert sich auf Anfrage der AZ nicht zu den Arztlöhnen in Aargauer Spitälern. Die beiden Kantonsspitäler Aarau und Baden sowie die Psychiatrischen Dienste Aargau seien Aktiengesellschaften im Eigentum des Kantons. «Lohnfragen liegen deshalb in der Entscheidungskompetenz der Aktiengesellschaft beziehungsweise des Verwaltungsrats und der Geschäftsleitung», heisst es beim DGS.

721 Ärzte und Akademiker in Voll- und Teilzeit arbeiten im Kantonsspital Aarau.

344 Ärzte arbeiten im Kantonsspital Baden. Die meisten von ihnen, nämlich 171, sind Assistenzärzte. Nur elf sind Chefärzte.

92 Ärzte arbeiten an den sieben Standorten des Gesundheitszentrums Fricktal. Zehn von ihnen sind Chefärzte.

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