Zofingen war seine Kindheit: Der Erfolgsautor Hansjörg Schneider wird 80

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Unverändert debattierfreudig und hellwach: Der bald 80-jährige Erfolgsautor verfolgt auch im hohen Alter konzentriert seinen eigenen Weg. (Bild: Michael Flückiger)

Hansjörg Schneider, Sie waren zuletzt am 30. November in Zofingen und haben im Stadtsaal die Aufführung der Oper Marie und Robert nach dem Drama von Paul Haller gesehen. Was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen?

Hansjörg Schneider: Ich war überwältigt. Die Atmosphäre war besonders. Da war zum einen die Oper selbst: Wie würde das 200-köpfige Publikum auf Jost Meiers zeitgenössischen musikalischen Angriff und Hallers wuchtigen Text, den ich für dieses Stück aufgearbeitet hatte, reagieren? Und dann war da der Stadtsaal: Hier hatte ich in meiner Kindheit die FipFop-Kinoaufführungen mit Stan Laurel und Oliver Hardy und anderen gesehen. Hier hatte ich erstmals getanzt. Diese Erinnerungen sind geradezu auf mich eingestürzt. Ich war zwischenzeitlich verwirrt: Lebe ich in der Kindheit, lebe ich jetzt? Es war ein sehr emotionales Erlebnis.

Ihre ersten 20 Lebensjahre haben Sie in Zofingen gelebt. Ausführlich schildern Sie Ihre Kindheit und Schulzeit. Sie verdeutlichen, weshalb das Kinderfest zu Ihren schönsten Erinnerungen gehört.

Das Kinderfest mit Umzug und Gefecht ist jedes Jahr eine grosse Inszenierung. Es hat meinen Sinn fürs Theater geweckt. Meiner Jugend habe ich in «Kind der Aare» derart viel Platz eingeräumt, weil dieser Lebensabschnitt auch in den Biographien, die ich lese, immer der spannendste ist. Die letzten Lebensabschnitte sind dagegen meist etwas eitel.

Wie war das, mit Jahrgang 1938 in den Krieg hineingeboren zu sein?

Der Krieg war unterschwellig stets präsent. An das bedrückende Klima kann ich mich gut erinnern. Trotzdem darf ich auf eine wohlbehütete und glückliche Kindheit mit Bruder und Schwester zurückblicken. Uns hat es an nichts gefehlt. Weder in der Altachen, wo ich die ersten zehn Lebensjahre gewohnt habe, noch an der Bottenwilerstrasse.

Sie erhielten von Ihrer Mutter viel Nestwärme. Als sie frühzeitig verstarb, legte sich ein grosses Schweigen über die Familie.

Mich hat dieser Tod schwer getroffen. Es war meine Mutter, die mir mein Grundvertrauen mit auf den Weg gegeben und immer zu mir gehalten hat. In unserer Familie wurde schon vor diesem Schicksalsschlag nicht viel geredet, nun griff das Schweigen um sich. Ich verlor die Worte, wurde schroff bis stumm.

Ihr Vater konnte das nicht auffangen. Er war sehr autoritär, hat Sie diktiert, war nicht fähig eine emotionale Beziehung zu Ihnen aufzubauen.

Ich bin sehr erleichtert darüber, dass ich einen Weg gefunden habe, dieses Kapitel schriftlich aufzuarbeiten. Darüber zu reden fällt mir aber schwer. Mein Vater war ein beliebter Gewerbeschullehrer, während des Krieges überzeugter Antifaschist und hat sich gesellschaftlich stark engagiert. Auf einen solchen Vater darf man stolz sein. Als Sohn habe ich aber unter emotionaler Kälte und körperlichen Strafen gelitten. Ich habe schon als 15-Jähriger mit ihm gebrochen.

Wie sind Sie generell mit dieser autoritären Männerwelt zurechtgekommen?

Die Frauen, auch meine Mutter, hatten nichts zu sagen. Von der Bedrohung des Zweiten Weltkriegs begünstigt haben die Männer, davon viele Militärköpfe, ihre Macht besonders patriarchalisch ausgeübt. Von Autoritätspersonen wurde ich mit wenigen Ausnahmen vor allem zusammengeschissen. Ich konnte das wegstecken, doch erinnere ich mich an Kameraden aus der Schulzeit, die von Demütigungen, Tatzen und Bestrafungen so mancher Lehrer fürs Leben gezeichnet wurden. Es waren stets die Frauen, die mir geholfen haben.

Wie war das geistige Klima in der Schweiz während Ihrer Jugendzeit?

Gedrückt. Was gerne vergessen geht: Zwar haben die Nazis Bücher verbrannt und Autoren mussten ins Exil fliehen, wo sie sich entwurzelt fühlten. Doch gab es auch in der Schweiz eine Zensur, einer Art Diktatur der Zürcher Literaturkritik, die bis in die 60er-Jahre anhielt. An der Kantonsschule in Aarau wurden uns neugierigen Heranwachsenden alte Klassiker vorgesetzt, über aktuelle Literatur wussten die Lehrer nicht Bescheid. Weggefährten wie der spätere Konzertpianist Heinz Erni oder der nachmalige Literaturprofessor Christoph Siegrist und ich liessen untereinander Bücher wie Borcherts «Draussen vor der Tür» oder «Dämmerklee» des nach wie vor unterschätzten Schweizers Franz Xaver Gwerder zirkulieren.

Was für Anregungen hat Ihnen Zofingen kulturell geboten?

Für eine Kleinstadt hat Zofingen sehr viel Kultur. Die Stadtbibliothek ist ausgezeichnet. Ich bin selbst in Basel ein Kunde geblieben. Ferdinand Mattmann hatte immer die neusten Erscheinungen in der Buchhandlung. Ich kam auch regelmässig in Kontakt mit dem für Zofingen so wichtigen Galeristen und Kunstförderer Richard Haller.

Sie haben sich früh abgenabelt. Ihr Studium an der Universität Basel wie auch die Mansarden, die Sie in Basel bewohnten, haben Sie durch Lehreraushilfen finanziert. Ihr Weg schien vorgezeichnet.

Ich wusste schon zu Kantonsschulzeiten, dass ich Schriftsteller werden wollte, nur habe ich das ausser meinen engsten Freunden niemandem gesagt. Auch habe ich nicht recht daran geglaubt. In Basel gab es damals herausragende Professoren. Ich durfte meine Doktorarbeit beim brillanten Germanisten Walter Muschg schreiben. Mit Kapazitäten wie ihm liess sich nicht diskutieren. Die Revolte der 68er brachte schliesslich den grossen Umsturz. Es hatte sich in den Jahrzehnten davor zu vieles angestaut. Die 68er haben das Denken und die Phantasie befreit.

Zu den Revolutionären haben Sie aber nicht gehört.

In ihrer Vehemenz, Respekt- und Kompromisslosigkeit haben mich die 68er erschreckt. Ich habe als junger Journalist mit arroganten Jünglingen – Trotzkisten, Maoisten und Kommunisten – gesprochen, die dazu aufgerufen haben, zu den Waffen zu greifen. Trau keinem über 30, hiess es damals. Ich konnte und durfte mich als 38er nicht dazuzählen. Der Aufrührer Niklaus Meienberg war nur vier Jahre jünger als ich. Aber er gehörte bereits einer anderen Generation an.

Sie hätten als Jugendlicher gelernt, den Mund zu halten, schreiben Sie. Was hat es gebraucht, damit Sie dennoch zum aufmüpfigen Theaterautoren wurden?

Man hätte mich gerne als Lehrer gehabt, bei der Nationalzeitung hätten sie mich auch genommen. Doch nach sechs Wochen Nachtdienst bei den Basler Nachrichten hatte ich einen Zusammenbruch aus Erschöpfung und wurde in die Polyklinik Basel eingeliefert. Ich habe eine Traumtherapie begonnen. Nacht für Nacht habe ich meine Träume notiert und dies später weiter beibehalten. Diese Therapie hat mich innerlich für das Schreiben befreit.

Sie haben 1967/68 in einem Bauernhaus im Jura gelebt und Texte verfasst. Unterstützt hat sie Ihre spätere Frau Astrid.

Ich verdanke dieser Frau sehr viel. Mit «Leköb», Anagramm für Bökel und «Distra», Anagramm für Astrid, sind mir dann die ersten Texte gelungen, die ich selber gut finde. Böckel nannte man mich damals in Zofingen in Anspielung auf den Schneider Böck aus «Max und Moritz». Meinem Bruder haben sie Schneider Meck nachgerufen. Gegen Riniker, den Geburtsnamen meiner Mutter, hätte ich nichts einzuwenden. Er hätte mehr zum Schriftsteller getaugt. Der befreundete Künstler Dieter Roth hat meine beiden Texte 1970 in einer nummerierten Auflage von 500 Exemplaren verlegt. Seine Lebenslust war überwältigend, sein rebellisches Wesen unbezähmbar.

Werner Düggelin machte das Theater Basel ab 1968 zu einer der führenden deutschen Bühnen. Sie haben ihm schon kurz nach Amtsantritt ein missglücktes Stück über Antonius und Cleopatra eingereicht. Er hat sie trotzdem als Regieassistent angestellt.

Düggelin hatte schon immer eine gute Nase, hat die richtigen Leute nach Basel geholt. In meinem Stück hat er den Ton der Avantgarde erkannt. Es war eine wichtige Zeit des Lernens, verdient habe ich fast nichts, arbeitete nebenher für die Nationalzeitung und habe vier Stücke geschrieben. Sie wurden allesamt abgelehnt. Das «Sennentuntschi» erlebte seine Premiere 1972 nicht in Basel, sondern am Pfauen im Schauspielhaus Zürich.

Mit Theaterlegenden wie Walo Lüond und Heinz Bühlmann. Sie schreiben, dieses Stück hätte sich verselbständigt, hätte Sie fast aufgefressen. Weil zugleich Ihre Erzählung «Ansichtskarte» erschien, wurden Sie auf einen Schlag zum gefeierten Nachwuchsautor.

Der Rückschlag folgte dann 1973 mit dem zweiten Stück und meinem allergrössten Misserfolg «Brod und Wein» am Schauspielhaus, wo man nach der Uraufführung den Vorhang nicht mehr hat hochgehen lassen. Das Publikum fühlte sich um die Konfrontation und Diskussion betrogen. Zum Glück war das Stück später in Wien ein grosser Erfolg. Auf den Bühnen wurde das Sennentuntschi in mehreren Sprachen gespielt. In der Schweiz war das aufgeklärte Bildungsbürgertum fasziniert. Erschreckt hat es sich nicht, das Theater will schliesslich aufrütteln. Der Skandal kam erst neun Jahre danach, als das Sennentuntschi in der Verfilmung fürs Schweizer Fernsehen 1981 alle Haushalte erreichte. Ich musste mich aus der Schusslinie nehmen, um mich als Schriftsteller zu retten. Jeder Autor braucht ein Versteck, damit er produktiv sein kann.

Sie waren in den 70er- bis 80er-Jahren einer der meistgespielten Bühnenautoren im deutschsprachigen Raum. Dann haben Sie mit Louis Naef, dem Erfinder des Landschaftstheaters Freiluftadaptionen geschaffen. Wie war es für Sie, 1993 im Alter von 55 Jahren mit Kommissar Hunkeler den grossen kommerziellen Coup zu schaffen?

Das hat eine ganz neue Dimension eröffnet. Die Auflagen erreichten über 100 000 Exemplare, dazu kamen die Hörspiele und Verfilmungen mit Zuschauerzahlen im siebenstelligen Bereich. Dieser Erfolg mitsamt Begleitumständen vereinnahmte mich. Die Überlebensstrategie bestand darin, nebenher ganz andere Bücher zu schreiben. Dem Hunkeler habe ich aber zugleich viel von mir selber mitgegeben. Er kommt aus Zofingen, lebt an derselben Strasse in Basel, besucht dieselben Orte wie ich, altert wie ich.

Hunkeler-Romane, schreiben Sie, seien nichts anderes als Theateraufführungen, bei denen Sie alles bis aufs Bühnenbild bestimmen. Wo hält sich der Hunkeler im zehnten Band auf?

Mit Hunkeler kann ich spezielle Dinge tun. Und gelange ich an Orte, die ich selber nicht mehr besuchen kann. So hatten meine Frau und ich einst ein Haus im 20 Kilometer entfernten Sundgau. Ich habe es bald nach ihrem Tod 1997 verkauft. Mit Hunkeler wohne ich noch immer in dieser Liegenschaft. Die ersten 40 Seiten im neuen Roman handeln nur von diesem Haus.

«Kind der Aare», Diogenes, 352 Seiten, ist am 28. Februar erschienen. Das Buch ist Autobiografie und zugleich auch Liebeserklärung ans Wiggertal und die Stadt Zofingen. Die Neuerscheinung ist unter anderem in der Buchhandlung Mattmann in Zofingen erhältlich.

ZUR PERSON

Der Ende März 1938 in Aarau geborene Hansjörg Schneider ist in Zofingen aufgewachsen. Mit 20 Jahren ist er nach Basel gezogen, wo er heute als freier Schriftsteller lebt. Nach dem Studium der Germanistik und einer Dissertation arbeitete er unter anderen als Lehrer, Journalist und Regieassistent am Theater Basel. In den 70er-Jahren gehört er zu den meistgespielten Dramatikern auf deutschen Bühnen. Sein Stück «Sennentuntschi» handelt von drei Sennen, die sich auf einer Alp eine Puppe basteln, die schliesslich zum Leben erwacht und ihnen zur Befriedigung ihrer sexuellen Bedürfnisse dient. Die Rache des Tuntschi ist fürchterlich. Obwohl als Sage bekannt und bereits 1972 am Schauspielhaus uraufgeführt, löste das Stück 1981 in der Umsetzung fürs Fernsehen einen der grössten Skandale der Schweizer Literaturgeschichte aus. Es verletzte vor allem religiöse Befindlichkeiten. Schneiders Schaffen ist ebenso vielfältig wie umfangreich und umfasst Theaterstücke, Drehbücher, Hörspiele, Romane, Gedichte und auch Opernlibretti. Einem grossen Publikum bekannt wurde Schneider ab 1993 durch seine inzwischen neun Krimis um sein alter Ego Kommissar Hunkeler, von denen deren sieben mit Matthias Gnädinger verfilmt worden sind. Viel Lob von der Literaturkritik erhielt und erhält Schneider für seine autobiografisch gefärbten Romane wie «Lieber Leo» (1980) und «Das Wasserzeichen» (1997), in dem er seiner Mutter ein Denkmal setzt, sowie seine explizit autobiografischen Bücher «Nachtbuch für Astrid» (2000), in dem er den frühen Tod seiner Frau verarbeitet, und «Nilpferde unter dem Haus» (2012).

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