Ziehen die Jugendstraftäter bald ab? Regierung prüft Schliessung des Jugendheims Aarburg

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Gab im Sommer mit ihrer Interpellation den Anstoss: Grossrätin Martina Bircher aus Aarburg. Archiv/fup

Das dürfte nicht nur die 70 Heimangestellten, deren Jobs auf dem Spiel stehen, aufrütteln: Die Aargauer Regierung hält das Jugendheim auf der Festung Aarburg keineswegs mehr für unumstösslich. Sie stellt den Betrieb sogar grundsätzlich zur Diskussion. Doch von vorne: Mit einer Interpellation stellte SVP-Grossrätin Martina Bircher im Sommer diverse Fragen zur Nutzung und strategischen Ausrichtung der Festung. Bircher, Frau Vizeammann von Aarburg, wollte unter anderem wissen, ob die Sicherheitsstandards weiterhin genügen, ob das Heim unnötig viel Geld koste und – ob die Festung, die seit 1804 dem Kanton gehört, nicht für touristische Zwecke umgenutzt oder gar an einen privaten Investor verkauft werden könnte (wir berichteten). Die gestern veröffentlichte Antwort verrät: Die Regierung hat im Stillen bereits eine externe Evaluation gestartet, um abzuklären, «ob mittel- bis längerfristig ein Bedarf für das Angebot des Jugendheims besteht». Es soll geprüft werden, «ob die Festung aufgrund von Kosten- und Sicherheitsüberlegungen sowie aus betrieblicher Sicht nach wie vor der geeignete Standort für ein Jugendheim darstellt». Der Vorstoss kam gerade rechtzeitig. «Jetzt kann sich die Region in der Diskussion um die künftige Nutzung einbringen», sagt Bircher, «und sicherstellen, dass der Kanton nicht einfach über unsere Köpfe hinweg entscheidet.» Denn: Eine touristische, eine öffentliche Nutzung würde der Allgemeinheit viel mehr bringen als eine Erziehungsanstalt.

«Hoher Finanzbedarf»

An Alternativen für eine Nutzung für die kantonal geschützte Festung von nationaler Bedeutung habe es bisher gefehlt, so der Regierungsrat, aber: «Angesichts des grossen Finanzbedarfs für die weitere Instandhaltung und Instandsetzung der Festungsanlage (rund 50 Millionen Franken in den nächsten 50 Jahren) sowie wesentlicher Veränderungen der Rahmenbedingungen für den Betrieb (vor allem Entwicklung der Nachfrage für das Angebot und erhöhter Sicherheitsbedarf) ist eine Neubeurteilung angezeigt.»

Trotz jährlichen Bundesbeiträgen von rund 1,5 Millionen Franken – die bei einer Umnutzung wegfallen könnten – sind die Kosten beträchtlich. Ein Heimplatz kostet gegen 200 000 Franken pro Jahr (186 000 Franken in der Rechnung 2017; 201 000 im Budget 2018). Die Erträge sinken. Ab diesem Jahr rechnet der Kanton gar mit Verlusten; bis zu knapp einer halben Million in der Prognose für 2021. Am meisten zu Buche schlagen die Personalkosten: 6,9 Millionen Franken von 8,7 Millionen Gesamtaufwand im 2017. Allerdings ist Aarburg keine Ausnahme. Jugendheime sind generell kostspielig. Als «grundlegend teuer», taxiert dies auch Lilian Studer (EVP), Präsidentin Justizkommission Grosser Rat. Kommt hinzu: Der Auslastungsgrad von Jugendheimen sinkt. In Aarburg würde sich eine 85-prozentige Belegung rechnen, doch waren es zuletzt 74,3 Prozent. Von 47 Plätzen waren 2017 durchschnittlich nur 35 belegt. Zudem betont die Regierung, dass bezüglich Sicherheit alle baulichen und weiteren Massnahmen umgesetzt wurden. Die Möglichkeiten seien «wegen der Lage und der historischen Infrastruktur» aber beschränkt.

Alles Punkte, die für eine Umnutzung oder einen Verkauf sprechen würden. Martina Bircher glaubt, es wäre günstiger für die Steuerzahler, die Insassen in einem anderen Heim unterzubringen. Die Milchbüchleinrechnung dahinter: Sind viele Heime unterbelegt, müssen einzelne geschlossen werden. «Und bevor irgendwo ein Betonbunker zugemacht wird, schliessen wir doch lieber das Jugendheim Aarburg und nutzen das Potenzial der schönen und historischen Anlagen für einen sinnvolleren Zweck.»

«Zu pessimistisch»

Heimdirektor Hans Peter Neuenschwander wusste zwar von der Evaluation, zeigt sich jedoch unbeeindruckt von der Vorstossantwort. Zu den Kosten sagt er: «Die Prognosen sind zu pessimistisch. Wir haben auch im 2017 besser abgeschlossen, als angenommen wurde.» Erstens wäre eine Umnutzung kaum umsetzbar und zweitens würde sie sich nicht rechnen. Gewisse Aufwände blieben auch ohne Heim, zum Beispiel Wartungs- und Renovationsarbeiten, worauf auch Justizkommissionschefin Lilian Studer verweist.

SVP-Gross- und Gemeinderätin Martina Bircher derweil bleibt dabei: «Aus regionaler Sicht wäre die Schliessung des Jugendheims die richtige Lösung.» Bircher will das Thema nun mit dem Gemeinderat, Tourismus- und Regionalverband diskutieren, um «Kräfte zu bündeln» und beim Kanton die Interessen der Region Zofingen zu wahren. Der Countdown läuft: Bis Ende Jahr erwartet die Regierung erste Ergebnisse der Evaluation. Mitte 2019 will sie über den Weiterbetrieb des Jugendheims entscheiden.

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