Nach dem Grossbrand in Rothrist: Versicherung zahlt dem Besitzer wohl keinen Rappen

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Die ausgebrannte Halle am Tag danach. Zu erkennen sind noch Autowracks. Die Halle rechts hat die Chemiefirma Schärer & Schläpfer gemietet. Sie hat alle vorgeschriebenen Brandschutzauflagen erfüllt. Daher war sie entsprechend geschützt – und es ist nichts passiert. Peter Riechsteiner

Wer die Leute in und um Rothrist auf das Strebel-Areal anspricht, bekommt immer wieder die gleichen Worte zu hören. Eine heruntergekommene «Industrieruine» sei die ehemalige Heizkesselfabrik, ein «Schandfleck». Am 21. Februar ist der Schandfleck noch schlimmer geworden. Kurz nach 16 Uhr an diesem Mittwoch brach in einer Halle Feuer aus. Die Flammen fanden in dem mit Holz und Reifen vollgestellten Gebäude schnell Nahrung. Über Rothrist stieg eine schwarze Rauchsäule in den Himmel, die kilometerweit zu sehen war. Acht Feuerwehren waren nötig, um den Grossbrand niederzukämpfen.

In der unmittelbaren Nachbarschaft befindet sich der Chemiebetrieb Schärer & Schläpfer AG, der auf einem Teil des Strebel-Areals mit einem Lager eingemietet ist. Das Unternehmen unterbrach aus Sicherheitsgründen die Produktion, um die Feuerwehren bei der Eindämmung des Brandes zu unterstützen. Zum Glück blies an diesem Mittwoch der Wind aus dem Norden; er trieb das Feuer vom Chemiebetrieb weg. Bei starkem Westwind oder Föhn Richtung Chemieanlagen hätte die Feuersbrunst weit Schlimmeres anrichten können.

Bei den Ermittlungen stellte sich heraus, dass ein 59-jähriger Kroate in der Halle ein Auto ausgeschlachtet hatte. Er hantierte mit einem Schweissgerät, dabei geriet der Wagen in Brand, das Feuer griff auf die Halle über. Der Mann versuchte das Feuer noch selber zu löschen und zog sich dabei Brandverletzungen zu. Die Staatsanwaltschaft Zofingen hat gegen ihn ein Verfahren eröffnet; Details dazu gibt die Staatsanwaltschaft nicht bekannt.

Besitzer sitzt in Österreich

Nun steht die drängende Frage im Raum, wie es mit dem Areal weitergeht. Für die künftige wirtschaftliche Entwicklung von Rothrist ist das Gelände von «zentraler Bedeutung, ja der Schlüssel», sagt der regionale Wirtschaftsförderer Andreas C. Brändle. Fakt ist: Die Gemeinde verfügt in der Industriezone über keine Reserven mehr. Das 23 648 Quadratmeter grosse Grundstück würde neue Perspektiven eröffnen: Hunderte von Arbeitsplätzen könnten angesiedelt werden – und aus dem Schandfleck würde wieder ein Industriejuwel.

Ein solches war es schon mal, doch das ist lange her. Der Name Strebelwerk geht auf den Ingenieur Josef Strebel zurück, der 1893 mit einem neuartigen Heizkessel die Heiztechnik revolutionierte. Die erste Strebelwerk GmbH wurde 1900 in Mannheim gegründet. 1933 expandierte das Unternehmen mit einer Giesserei nach Rothrist; Mitte der 80er Jahre beschäftigte es im In- und Ausland 620 Angestellte.

In den 90er Jahren ging es bergab. Im Dezember 1993 kaufte die österreichische Gebe-Gruppe die Strebelwerk AG. Hinter dieser steht der Unternehmer und Ingenieur Dr. Walter Huber. Huber stellte 1994 zunächst die Giesserei ein, 83 Angestellte erhielten den blauen Brief. Er versprach, die Aktivitäten am Werkplatz Rothrist würden trotzdem zunehmen. Es trat das Gegenteil ein. 2003 ging Hubers Giesserei in der Wiener Neustadt Konkurs, im Sommer 2004 war auch in Rothrist Schluss: Die Firma ging in die Nachlassstundung. Die letzten rund 35 Mitarbeiter verloren ihre Jobs.

Verkauf «nicht vorgesehen»

Die Kontrolle über das Strebel-Areal hat Walter Huber nach wie vor; er ist Präsident des Verwaltungsrates der Reconsa AG, der das Grundstück gehört. Was hat er damit vor? Der Österreicher verweist auf Anfrage zunächst an seinen «Geschäftsführerkollegen vor Ort», einen in Luzern wohnhaften Schweizer, beantwortet dann aber doch einige Fragen schriftlich. Ein Verkauf des Areals sei «nicht vorgesehen, aber immer eine Option», sagt er. Ein Interesse, die Industrieruine samt Boden zu verkaufen, hatte er offenbar nicht: Er vermietete die diversen Hallen und Gebäude an verschiedene Mieter. Während Jahren war die heruntergekommene Überbauung ein Goldesel, der für einen stetigen Fluss an Mieteinnahmen sorgte – bei überschaubaren Investitionen. Huber sagt, das Areal sei «vollkommen umstrukturiert» worden. «Dabei wurde auflagengemäss die Infrastruktur, Trafostation, Elektroleitungen, das gesamte Kanalnetz, Wasserversorgung, Brandabschnitte, Heizung etc. erneuert.»

Versicherung zieht Notbremse

Bei den kommunalen und kantonalen Behörden sieht man das mit der «auflagengemässen Erneuerung» etwas anders. Die Reconsa ist als Sorgenkind bekannt, weil Auflagen nicht eingehalten, Vorschriften missachtet wurden. 2007 gab die Aargauische Gebäudeversicherung diversen Mietern grünes Licht, ihre Werkstätten zu betreiben, vor allem ging es um die Verwertung alter Autos. Auch die Gemeinde erteilte damals der Mietergemeinschaft eine Nutzungsbewilligung. 2014 beantragte die Reconsa eine Änderung der Nutzungsbewilligung bei der Gemeinde, und im Zuge der Abklärungen stiessen die Experten der Gebäudeversicherung auf schwerwiegende Mängel. Weil die Reconsa beispielsweise die Wasserrechnung nicht bezahlt hatte, drehte ihr die Lieferantin, die EW Rothrist AG, den Hahnen auf das Minimum zu. Darauf funktionierten die vorgeschriebenen Löschwasserposten nicht mehr. Zwischenzeitlich ganz gekappt wurde der Strom – aus «Sicherheitsgründen». Darauf liessen die Mieter während Monaten Notstromaggregate laufen.

Im Jahr 2015 waren Experten der AGV innerhalb von sechs Monaten mehrmals vor Ort, um die Brandschutzauflagen zu kontrollieren; zunächst wurden Mängellisten mit Fristen zur Behebung erstellt, dann wurde Strafanzeige eingereicht. Als das nichts half, drohte die Gebäudeversicherung der Reconsa den Ausschluss aus der Versicherung an. Als auch das nichts fruchtete, erfolgte im März 2016 die Ausschlussverfügung. Mit anderen Worten: Mit grosser Wahrscheinlichkeit wird die Gebäudeversicherung weder für den Schaden an den Gebäuden – nach ersten Schätzungen rund 3,6 Millionen Franken – noch für die Aufräumarbeiten aufkommen.

Zudem wurde die Staatsanwaltschaft aktiv: Sie erliess im August 2016 gegenüber der Reconsa einen Strafbefehl. Diese lagere Container ohne Brandschutzbewilligung und brennbare Materialien auf Fluchtwegen, im Gebäude stünden vorschriftswidrig benzin- und dieselbetriebene Notstromaggregate und es lägen Flüssiggasdruckflaschen herum. Ausserdem habe es die Reconsa unterlassen, die elektrischen Installationen zu kontrollieren. Besonders schlimm muss die Busse für Huber angesichts der guten Mieteinnahmen nicht gewesen sein: Sie betrug 500 Franken, dazu kamen 500 Franken Verfahrenskosten.

Massive Altlasten warten

Huber geht auf Fragen zum Versicherungsausschluss und dem Strafbefehl nicht ein. «Nach Rücksprache mit meinem Schweizer Kollegen sind hinsichtlich des Brandschutzes noch einige Gesichtspunkte zu klären, sodass ich im Augenblick nicht in der Lage bin eine Aussage zu tätigen», schreibt er.

Christina Troglia, die Generalsekretärin der Aargauischen Gebäudeversicherung, will zum konkreten Fall nichts sagen, hält aber fest, dass die AGV ihren Spielraum ausgenutzt habe. «Betriebsschliessungen sind nur möglich, wenn Personen gefährdet sind. Bei Sachgefährdungen sind uns die Hände gebunden», sagt sie. «Dies ist auch für uns nicht immer befriedigend – vor allem, wenn es um hohe Sachwerte geht oder Nachbarn betroffen sind.»

Für die Reconsa und Huber ist die Lage durch den Brand also ungemütlich geworden. Will er den durch das Feuer zerstörten Teil wieder aufbauen, muss er wohl alles selbst bezahlen. Der Verkauf des Geländes wäre die näherliegende Variante. Die Gemeinde wäre vor Jahren bereit gewesen, Huber für das Grundstück 4,5 Millionen Franken zu zahlen – der Österreicher lehnte ab. Auch neue Preisverhandlungen werden schwierig, weil künftige Besitzer die Sanierung von Altlasten zahlen müssen. 1995 kam ein Gutachten zum Schluss, dass der Boden und die Bausubstanz eine erhöhte Belastung an Kohlenwasserstoffen aufweisen, die potenziell krebserregend sind. Das Gutachten schätzte damals allein die Entsorgungskosten für Boden und Bausubstanz auf 500 000 bis 600 000 Franken. Die gesamte Altlastensanierung dürfte heute aber weit mehr kosten, Kenner des Geländes sprechen von mindestens 2 Millionen Franken.

Und falls Huber einfach nichts tut? Dann kann es noch ungemütlicher werden. Die Behörden könnten nach dem Brand eine Räumung verfügen. Kommt Huber der Aufforderung nicht nach, können die Behörden eine sogenannte Ersatzvornahme anordnen, die Räumung durchsetzen und dem Besitzer die Rechnung schicken. Weigert sich dieser zu zahlen, ist der Weg frei, die Verwertung des Geländes einzuleiten – faktisch käme dies einer Enteignung gleich.

So oder so: Von heute auf morgen wird der Schandfleck am Industrieweg in Rothrist nicht verschwinden – man wird sich an den Gedanken gewöhnen müssen, dass seine Beseitigung noch eine Weile in Anspruch nehmen wird.

Die bewegte Geschichte des Strebel-Areals - vom Industriejuwel zur Industrieruine

1893: Der deutsche Ingenieur Josef Strebel erfindet den «Strebel-Kessel».

1900: Gründung der Strebelwerk GmbH in Mannheim.

1933: Produktionsaufnahme der Strebelwerk-Giesserei in Rothrist.

1984: Installation eines Elektroschmelzofens.

1985: Die Strebelwerk AG in Rothrist beschäftigt 620 Mitarbeiter (500 in der Schweiz, 120 im Ausland); Umsatz: 1984 72 Mio. Fr.

Dezember 1993: V-Zug verkauft Strebelwerk AG an die Gebe-Gruppe, hinter der der österreichische Unternehmer Walter Huber steht.

23. Februar 1994: Bekanntgabe eines Stellenabbaus; 83 Mitarbeiter verlieren ihre Stelle. Die Giesserei in Rothrist wird im Laufe des Jahres geschlossen, die Giesserei Valdura in Wien Neustadt übernimmt die Produktion.

Herbst 1997: Indische Arbeiter bauen die Giesserei in Rothrist ab.

Ende 2003: Die Huber-Giesserei in Wien Neustadt geht Konkurs.

Sommer 2004: Strebelwerk AG Rothrist geht in die Nachlassstundung.

Ein Bild aus besseren Tagen: Auf dem Höhepunkt beschäftigte die Strebelwerk AG 620 Angestellte – 500 in der Schweiz, 120 im Ausland.
Der Besitzer Dr. Walter Huber an einer Pressekonferenz im Februar 1994.
Huber mit einem seiner Produkte. Das Bild stammt aus dem Jahr 1994.
Indische Arbeiter demontierten 1997 die alte, stillgelegte Giesserei. Ein deutscher Mittelsmann verkaufte sie nach Indien, wo sie in Kolhapur wieder aufgebaut wurde. Das Bild erschien am 2. Oktober 1997 im Wiggertaler.
Die ausgebrannte Halle am Tag danach.
21. Februar 2018: In einer Halle auf dem Strebel-Areal fressen sich die Flammen durch Holz und Pneus. Die benachbarte Chemiefabrik blieb zum Glück verschont.
Feuerwehrkommandant Hansueli Weber in der zerstörten Halle (Bild links). Die Feuerwehr war drei Minuten nach dem Alarm vor Ort.
Als die gelagerten Pneus zu brennen begannen, hatten die Löschtruppen nicht mehr viel auszurichten. Martin Zürcher
Ihr Eintrag wird nach einer Überprüfung online gestellt.

Was leistete sich da die Gebäudeversicherung und das EW Rothrist?

Klemensberger René
schrieb am 08.03.2018 08:28
Dass die Gebäudeversicherung fahrlässig in Kauf genommen hat, dass nebst dem Gebäude des Verursachers auch noch Schäden an Material, Leib und Leben der angrenzenden Firmen geschädigt werden ist nicht zu verstehen. Sollte sich zusätzlich noch herausstellen, dass ein schnelles Löschen des Fahrzeuges wegen dem abgestellten Wasser auf die Löschposten im innern des Gebäudes durch das EW Rothrist nicht möglich war, ist das zusätzlich skandalös. Somit ist es juristisch auch nicht ausgeschlossen, dass letztendlich das EW mit den Steuerzahler von Rothrist für den ganzen Schlamassel zur Kasse gebeten werden. Denn die Löschposten hätten Plombiert werden können und sicher nicht einfach abgestellt. Diese Kosten hätten auch beim Besitzer eingefordert werden können wie es ja bei der Beseitigung der Brandruine nach Angaben der Beteiligten möglich sei.
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