Christliche Paartherapeutin: «Ohne Sex kann sich ein Paar verlieren»

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«Pornos können wie alles, was wir konsumieren, zum Problem werden», sagt die Paar- und Familienberaterin Veronika Schmidt, «das muss uns stets bewusst sein.» ZVG

Kommerzialisierte und zur Schau gestellte Lust ist heutzutage allgegenwärtig. Die Digitalisierung bringt den Schulmädchenreport direkt aufs Smartphone. Die ständige Konfrontation hat das Sexualleben in den eigenen vier Wänden verändert – aber nicht verbessert, nicht vielseitiger und lustvoller gemacht. «Im Gegenteil», sagt die christliche Sexual- und Familientherapeutin Veronika Schmidt. Besonders für gläubige Menschen ist das Reden über Sexualität oft noch ein Tabu. Und doch haben Gläubige und Nicht-Gläubige meist dieselben Probleme, Sorgen und Schwierigkeiten.

Veronika Schmidt, darf ein gläubiger Christ Pornos schauen?

Veronika Schmidt: (lacht) In der moralischen Ethik des Christentums: Nein. Die Realität ist allerdings eine andere. Das zeigt ein Blick in die Bible-Belt-Staaten der USA. Laut Untersuchungen ist der Pornografiekonsum in diesen sehr konservativen Regionen am höchsten. Auch Gläubige dürfen Pornos schauen. Nur muss ihnen bewusst sein, dass sie zum Problem werden können, wie alles, was wir konsumieren.

Sie referieren ausgerechnet in der Kirche über Sex. Wie wichtig ist Ihnen persönlich der Glaube?

Sehr wichtig. Ich bin in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen und sonntags zur Kirche gegangen. Dem Thema Sexualität bei Christen widme ich mich, weil Sex in diesen Kreisen immer noch ein Tabuthema ist. Dass ich selber Kirchengängerin bin, macht es glaubwürdiger, wenn ich vor einem christlichen Publikum referiere.

Jesus wurde von einer Jungfrau zur Welt gebracht, ganz ohne Sex. Worauf ich hinaus will: Die Kirche macht es sich unnötig schwer. Brauchen Christen Beratung in Sachen Sex dringender als andere?

Die Geschichte der Sexualität ist grundsätzlich schwierig. Das hat nichts mit einer jungfräulichen Geburt zu tun, sondern mit Macht, der Domestizierung und dem Kontrollieren von Menschen. Die Kirche hatte früher diese Macht. Interessant ist allerdings: Diskutiere ich mit anderen Berufskollegen, sagen diese mir, die Tabuisierung unter Nicht-Christen sei genauso gross. Die Übersexualisierung und Pornografie hat das Sexualleben nicht enttabuisiert. Viele Menschen fühlen sich umso mehr unter Druck. Sie glauben, dem entsprechen zu müssen, was sie in den Medien sehen. Auch Pornosucht ist ein zunehmendes Thema in allen Sexberatungen. Tatsächlich schauen manche Männer lieber Sexfilme als mit ihrer Partnerin ins Bett zu gehen.

Pornos als Liebestöter?

Es geht um Überreizung, um die ständige Präsenz von Pornografie. Die Digitalisierung hat alle Lebensbereiche verändert. Auch die Sexualität.

Zum Schlechten?

Würde ich sagen, ja. Und weil das Sexleben nicht zwingend besser geworden ist, gibt es einen grösseren Bedarf an Beratung. Eine zentrale Frage in meinem Alltag als Sexualtherapeutin ist: Wie ginge Sex, damit er mich (wieder) erfüllt?

Sie sagen: Guter Sex ist nicht nur möglich, er ist nötig. Warum?

Guter Sex ist vor allem für eine funktionierende Paarbeziehung nötig. Es geht um ein menschliches Grundbedürfnis. Das kann verschiedentlich ausgelebt werden, auch im Solosex beispielsweise. Aber der Hauptfokus liegt in der Paarbeziehung. Paare brauchen regelmässigen Sex, um sich nahe zu kommen und um sich nahe zu bleiben. Das muss nicht täglich sein, vielleicht wöchentlich. Beim Sex werden Bindungs-, Glücks- und schmerzreduzierende Stoffe ausgeschüttet – ein gegenseitiges Geschenk. Ohne Sex kann sich ein Paar verlieren. Sex ist das, was ein Paar zum Paar macht. Alles andere kann ich auch mit Freunden machen.

Was raten Sie?

Wir müssen über Sex und unsere Bedürfnisse sprechen. Was wünsche ich mir? Wie wichtig ist mir Sex? Falls mich mein Sexualleben nicht befriedigt: Warum ist dies so? Gerade für Frauen ist dies eine ernste Frage, weil sie ihren eigenen Körper zu wenig kennen. Ihr Zugang zum Sex, auch zu Solosex, ist viel beschwerter als für einen Mann.

Ein Plädoyer für Masturbation?

Die Selbstbefriedigung ist bei Christen und Christinnen ein riesiges Thema. Tabuisiert ist dies erst etwa seit Anfang des 18. Jahrhunderts. Die Hemmung, sich selbst zu befriedigen, findet sich bei Frauen in allen kulturellen Kreisen. Dass viele Frauen keinen Orgasmus haben, hat oft mit mangelndem Wissen über die eigenen Empfindungen und fehlender Erfahrung zu tun. Wer masturbiert, lernt sich selber besser kennen. Dadurch wiederum lässt sich der Sex in der Partnerbeziehung ausbauen, er wird interessanter und ist keine Pflichtübung mehr. Auch Männer können sich noch besser kennenlernen. Mit dem meist instinktiven Rubbelmechanismus allein ist es noch nicht getan.

Welche Missverständnisse birgt das Thema Sexualität?

Eines der grössten Missverständnisse versteckt sich im Thema Lust. Wenn wir frisch verliebt sind, kommt die Lust noch ganz von alleine. Langjährige Paare aber müssen lernen, dass das so nicht langfristig funktioniert. Vor allem Frauen warten oft zuerst auf die Lust, erst wenn sie da ist, dann kann es zum Sex kommen. Das führt dann dazu, dass sie ganz darauf verzichten. Diese Lustproblematik ist eine Hauptthematik in Beratungen.

Das heisst?

Dass wir uns gedanklich und auch praktisch zuerst auf den Sex einlassen müssen. Erst dann kann auch die Lust kommen. Ich empfehle manchen Pärchen deshalb, ihr Sexualleben zu planen. Das mag im ersten Moment unromantisch klingen, führt aber oft zu mehr Sex und mehr Romantik. Und: Wer plant, hat auch am meisten spontanen Verkehr. Wer keinen Sex plant, der hat auch keinen.

Was ist mit sexuellen Fantasien mit anderen Personen? Für Christen muss das doch Sünde sein.

Fantasien sind Erregungsquellen und haben ihre Berechtigung. Paare sollten über ihre Fantasien sprechen. Sie müssen aber nicht immer gleich umgesetzt werden. Beispielsweise haben sehr viele Frauen die Fantasie, unterworfen, vom Mann «genommen zu werden». Das heisst aber nicht, dass sie wirklich vergewaltigt werden wollen! Männer wiederum sollten gewisse Fantasien auch einfach Fantasie bleiben lassen. Wenn eine Frau nicht mitmachen will, ist das zu akzeptieren.

Aber der Gedanke an andere Menschen: Ist das nicht Fremdgehen?

Die reine Fantasie ist noch kein Fremdgehen. Da ist ein Mann beim Internet-Chat mit einer anderen Frau schon viel näher am Betrügen. Wichtig ist nicht die konkrete Person, an der sich fantasierende Menschen erregen, sondern der innere Film, der sich abspielt.

Wer sexuelle Fantasien hat, vielleicht auch von anderen Personen, kommt nicht in die Hölle?

Nein. Wir allen kennen das Lied «Die Gedanken sind frei». Ein sinnvoller Ansatz. Die Gedanken sind unser alleine.

Muss sich schämen, wer am Freitag in Oftringen ihr Referat zu «Fresh Sex» besucht?

Ganz sicher nicht (lacht). Er oder sie darf sich freuen. Direkt und unkompliziert spreche ich über ein Thema, über das leider die meisten Leute nicht einfach so offen reden. Vor einem Monat kam nach einem Referat ein junger Zuhörer zu mir und bedankte sich. Er bezeichnete den Vortrag als «grosses Kino». Interessierte sollten dies als Chance sehen. Die Chance auf ein Aha-Erlebnis. Denn eigentlich ist auch Sex ein harmloses, ganz normales Thema.

Referat «Fresh Sex»: Oftringen, reformierte Kirche, Freitag 16. März, ab

19 Uhr Apéro. Thematischer Teil 19.30 Uhr bis 21 Uhr.

ZUR PERSON

Veronika Schmidt

Diplom-Sozialpädagogin Veronika Schmidt arbeitet als Paar- und Familienberaterin sowie Sexualtherapeutin. Sie hat eine eigene Praxis in Schaffhausen und führt auf www.liebesbegehren.ch einen Blog. Zwei christliche Ratgeber in Buchform hat Veronika Schmid publiziert: «Liebeslust – echt und unverschämt geniessen» sowie «Alltagslust – ganz entspannt zu gutem Sex». Die 56-Jährige ist verheiratet, hat vier Kinder und vier Enkelkinder.

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