Erfolglos, pädophil, grausam: Ein Porträt des vierfachen Mörders Thomas N.

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Der mutmassliche Mörder von Rupperswil vor Gericht. (Bild: Marco Tancredi)

Kann ein Täter erklären, warum er vier Menschen tötet? Im Fall von Rupperswil konnte er es nicht. Im Gegenteil: Die Tat wird immer unfassbarer, je mehr darüber bekannt wird.

Und während der ersten zwei Prozesstage am Dienstag und Mittwoch wurden viele Details bekannt.

Im Leben des heute 34-Jährigen deutete lange nichts darauf hin, dass er eines Tages eines der blutigsten Verbrechen der Schweizer Kriminalgeschichte begehen würde.

Das Porträt über Thomas N. orientiert sich an den Aussagen von Richtern, Staatsanwaltschaft, Gutachtern, Verteidigern, Anwälten und dem Täter selbst.

Heile Welt in Rupperswil
Thomas N. wuchs mit seinen Eltern und einem älteren Bruder in Rupperswil auf. Er war gut in der Schule, sogar überdurchschnittlich intelligent, wie er von Gutachtern beschrieben wird, und er schloss erfolgreich die Matura ab. Er wurde nicht gemobbt, gehörte im Dorf und in der Schule dazu.

Niemand ahnte, dass er nach seiner Schulzeit ins straucheln kommen wird. Schon gar nicht, welche Auswirkungen sein Straucheln auf vier unschuldige Menschen in seiner Nachbarschaft und deren Angehörigen haben würde.

Rückblickend ist heute klar: Thomas N. scheiterte an sich selbst. Er begann fünf verschiedene Studiengänge, aber brach sie alle ab. Eigentlich hatte er Medizin studieren wollen. Laut einem Artikel in der NZZ bestand er sogar die Aufnahmeprüfung für das Studium, fing allerding nie damit an.

Thomas N. hatte hohe Erwartungen an sich selbst. Die beiden Gutachter bescheinigten ihm vor Gericht eine Narzisstische und eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung. 

Er habe eine hohe Meinung von sich gehabt und sich hohe Ziele gesetzt. Gleichzeitig sei er aber nicht dazu bereit oder in der Lage gewesen, hart für seine Träume zu arbeiten.

Je älter er wurde, desto grösser war der Druck
Tomas N. wurde älter, studierte ziellos vor sich hin. Die Zeit zerrann ihm zwischen den Fingern. Während andere im gleichen Alter einen festen Job hatten oder langsam ihr Studium abschlossen, brachte Thomas N. karrieremässig nichts auf die Reihe.

Dafür schämte er sich. Er traute sich nicht, seinen Eltern von seinen Problemen im Studium zu erzählen. Viel lieber konzentrierte er sich darauf, die Fassade des erfolgreichen Studenten aufrecht zu erhalten. Wahrheit und Realität drifteten immer weiter auseinander.

Besonders gross wurde der Druck auf ihn, nachdem sein Vater im Jahr 2011 an einem Herzinfarkt starb. Thomas N. hatte versucht in zu retten, schaffte es aber nicht. 20 Minuten lang soll er laut seiner Anwältin versucht haben, den Vater zu beatmen.

Das war, nach dem akademischen Scheitern, der zweite grosse Knick in seinem Leben.

Die ohnehin schon enge Beziehung zu seiner Mutter wurde noch intensiver. Er nahm nun nicht nur die Rolle des Sohnes, sondern zu einem gewissen Teil auch die eines Partners ein.

Gleichzeitig liess er sich von ihr aushalten. Sie bezahlte für seinen aufwändigen Lebensstil. Damit sie nicht misstrauisch wurde, fälschte er verschiedene Dokumente der Universität Luzern und gaukelte ihr einen Abschluss vor.

Zum Beispiel ein Bachelordiplom im Winter 2013  mit welchem ihm der "Bachelor of Science ULU" verliehen wurde. Im Sommer 2014 erstellte er ein Dokument, welches er mit "Master of Science ULU" betitelte.

Zum Tatzeitpunkt war seine Mutter der Meinung, dass er an der Universität Bern als Doktorand arbeitet.

Erfolg hatte Thomas N. dagegen im Fussballclub. Er war Juniorentrainer. „Bis anhin der beste Juniorentrainer, der je in unserem Verein gearbeitet hat“, soll ein Funktionär des Fussballclubs Seetal Selection gesagt haben.

Thomas N. organisierte Trainingslager, fuhr mit seinen Junioren zu Fussballspielen. Auf den Bildern aus dieser Zeit wirkt er glücklich.

Die Kollegen im Fussballclub waren die einzigen, zu denen er regelmässig Kontakt hatte. Thomas N. lebte eher isoliert, er verbrachte viel Zeit mit seinen beiden Huskies.

Er sei ein bisschen "schräg" gewesen, sagt heute die Partnerin seines Bruders. Er habe wenig gelacht und habe den Leuten selten in die Augen geschaut, sagen Bekannte aus dem Fussballclub.

Die Pädophilie belastete ihn
In den ganzen Jahren nach der Schulzeit trug Thomas N. ein Geheimnis mit sich herum: Er war pädophil. „In der Schule dachte ich, ich sei einfach schwul. Aber dann wurde ich älter, und meine Vorlieben blieben gleich. Da merkte ich: Scheisse, ich bin pädophil.“

Thomas N. redete sich ein, dass dies grundsätzlich kein Problem sei. Solange er seine Vorliebe nicht auslebe. Er versuchte, sein Verlangen mit Konsum von Kinderpornographie zu befriedigen und wurde süchtig danach.

 „Wenn ich für eine gewisse Zeit nicht auf die Seiten konnte, dann wurde ich unruhig“, so Thomas N. vor Gericht. Seine Junioren im Fussballclub habe er niemals angefasst.

Aber wie kam er dazu, an einem Morgen kurz vor Weihnachten vier Personen zu töten und einen damals 13-jährigen zu missbrauchen?

Thomas N. weiss es selber nicht genau – zumindest behauptet er das.

Am Anfang seien Geldprobleme gestanden, so Thomas N. vor Gericht. Eine Erbschaft seiner Grossmutter war langsam aufgebraucht, ewig konnte er sich nicht mehr auf die Unterstützung seiner Mutter verlassen. 

Im Frühling 2015 habe es in seinem Kopf angefangen zu rattern. Er kam auf die Idee, eine Familie in seine Gewalt zu bringen und Geld zu erpressen. Dazu habe auch die Fantasie gehört, die Leute danach zu töten. Insgesamt wollte er mindestens 30 000 Franken erbeuten.

Die Idee mit dem sexuellen Missbrauch kam ihm, als ihm per Zufall sein künftiges Opfer, der 13-jährige Junge, über den Weg lief. Thomas N. beschloss, sein Vorhaben bei dieser Familie umzusetzen und begann, Informationen über ihren Tagesablauf zu sammeln.

Sein Plan stand fest: Ins Haus gelangen und Geld erpressen, Missbrauch, alle Personen töten, das Haus anzünden. Mit der Zeit sei nicht mehr das Geld im Vordergrund gestanden, sondern der Missbrauch des Jungen.

Der Tag der Tat
Am Morgen der Tat spazierte er mehrmals am Haus vorbei. Bis er sich schliesslich entschloss, den Plan durchzuziehen.

Er kam dank einer List ins Haus, bedrohte den Sohn und zwang die Mutter, ihren älteren Sohn und dessen Freundin zu fesseln. Er brachte sie dazu, Geld abzuheben, missbrauchte danach den jüngeren Sohn und tötete schliesslich alle vier. Nach der Tat ging er nach hause, duschte, und traf sich am Abend mit Freunden in einem Steakhouse.

Er könne sich die Tat selber nicht erklären, sagte Thomas N. vor Gericht. Er habe immer gedacht, dass er seine Pläne sowieso nicht durchziehe. Aber unterbrechen und nach Hause gehen habe er nicht gekonnt. „Ich wusste nicht, wie ich mich entscheiden soll“, sagte er vor Gericht. „Es ging nicht, weiterzumachen und nicht, aufzuhören.“

Schliesslich habe ihm der älteste Sohn die Entscheidung abgenommen, weil dieser seine Fesseln gelöst habe. Thomas N. brachte ihn erneut in seine Gewalt. Um nicht aufzufliegen begann er, alle gefesselten zu töten.

Thomas N. schiebt einen grossen Teil der Schuld auf die Opfer: „Ich war erstaunt, dass nichts schief ging. Es hätte so viel schief gehen können.“ Dass die Mutter nicht misstrauisch geworden sei, als er ins Haus kam. Dass sie nicht die Nachbarin alarmierte oder auf der Bank die Polizei informierte. Dass sich der 19-jährige Sohn nicht wehrte.

All das habe schliesslich dazu geführt, dass er seinem tödlichen Drehbuch bis zum Ende folgte.

Nach der Tat habe er sich leer und fassungslos gefühlt. Er sei wütend über sich selbst gewesen. Auch wenn es von aussen nicht sichtbar gewesen sei: „Die Tat hat mich sehr belastet.“

Immer habe ihn die Angst geplagt, dass die Wahrheit ans Licht kommt. „Die Verhaftung war schliesslich befreiend für mich.“

Vor Gericht gab er an, dass er seine Tat bereue. Wirklich glaubhaft wirkte er dabei nicht immer. Seine Antworten schienen kühl und durchdacht.

Er bezeichnete seine Tat selber als „krank“ und „unmenschlich“. Sie sei aus einer Überforderung entstanden, weil er sein Leben nicht im Griff hatte.

Ihm sei bewusst, dass er eine harte Strafe verdiene.

Als ehemaliger Befürworter der Todesstrafe sagte Thomas N. sogar, auch er habe diese wohl „auf eine Art“ verdient.

Er will aber auch in die Zukunft schauen und im Gefängnis Wirtschaft studieren. So könne er später selbstständig werden, denn „wer würde mich schon einstellen?“

Auch seine Pädophilie will er therapieren. „Ich will Champions League schauen ohne beim Einlaufen der Spieler zu denken: Das ist ein hübscher.“

Das Ziel von Thomas N. ist klar: Er will zurück in die Gesellschaft.  

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