Wegen Fall Rupperswil: Aargauer Anwalt will Schülerfotos im Netz verbieten

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Aargauer Schulen sollen keine Schüler- und Klassenfotos mehr ins Netz stellen dürfen, fordert ein Anwalt. (Symbolbild: Sandra Ardizzone)

Thomas N. begann bereits kurz nach dem Vierfachmord von Rupperswil damit, eine Liste mit Buben anzulegen. Elf Namen notierte er sich, hinterlegte Bild, Name, Alter, Wohnort, Schule. Mit der Verhaftung von Thomas N. im Mai 2016 verhinderte die Polizei womöglich weitere grausame Verbrechen. Die Anklageschrift, die zu Prozessbeginn veröffentlicht worden ist, zeigt: Thomas N. suchte im Internet nach Informationen über die Buben.

Wer im digitalen Zeitalter Personen ausspionieren will, hat oft leichtes Spiel. Nicht nur auf Social-Media-Plattformen wie Facebook, sondern auch auf Websites von Vereinen finden sich zahlreiche, teils auch sehr persönliche Informationen. Auch viele Schulen stellen Fotos und Stundenpläne für alle einsehbar online, wie der «SonntagsBlick» schreibt. Besonders im Kanton Aargau sei der Umgang mit dem Datenschutz lasch.

Dagegen wehrte sich der Anwalt Boris Etter, dessen Sohn in Widen zur Schule ging. Bei der Aargauer Datenschutzbeauftragten reichte er im Mai 2016 eine Anzeige gegen die Schule Widen wegen schwerer Verletzung des Datenschutzrechts ein. Die Schule gefährde dadurch «in schwerwiegender Weise das Leben und die Sicherheit aller Schülerinnen und Schüler». Etter verwies bereits damals darauf, dass der Täter im Fall Rupperswil «sein Opfer genau ausgewählt hatte». Als Reaktion auf Boris Etters Anzeige löschte die Schule Widen Fotos, Berichte und Schülerarbeiten von der Website. In der Stellungnahme hielt die Schulpflegepräsidentin allerdings fest, die Website lebe von Berichten und Bildern der Schule – «weshalb wir unbedingt an diesen festhalten wollen».

Ein Blick auf die Website der Schule zeigt: Die Klassenfotos sind wieder öffentlich zugänglich. Schulleiter Patrice Ulrich erklärt dies mit dem hohen Interesse der Bevölkerung an einer vielfältig dokumentierten Schule. «Wir veröffentlichen jedoch nur Klassenfotos respektive Bilder, auf denen Kinder zu sehen sind, von deren Eltern wir die schriftliche Einwilligung hierfür haben.»

«Es braucht eine Diskussion»
Boris Etter, der mit seiner Anzeige bei der Datenschutzbeauftragten unterlag, hat dafür kein Verständnis: «Es gibt schlicht keinen Grund, Klassenfotos im Internet zu veröffentlichen. Die Fotos sind weltweit für immer abrufbar und können missbräuchlich genutzt werden. Dadurch werden die Kinder unnötig gefährdet.» Der Anwalt fordert deshalb ein Verbot. Andere Kantone, wie beispielsweise Zürich, hätten diesbezüglich klare Datenschutzrichtlinien – der Aargau hingegen nicht.

Elisabeth Abbassi, Präsidentin des Aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes, bestätigt auf Anfrage, dass im Aargau bislang keine verbindlichen Vorgaben für die Veröffentlichung von Fotos und Stundenplänen im Internet bestünden. Die Erkenntnisse aus dem Fall Rupperswil veränderten nun aber die Ausgangslage: «Es braucht eine Diskussion, ob die aktuelle Praxis richtig ist oder ob es andere Regeln braucht. Aus heutiger Sicht wird online eher noch zu viel publik gemacht.» Die Sicherheit der Kinder müsse Vorrang haben. Abbassi sagt: «Früher oder später werden die Fotos vermutlich von den Schulwebsites verschwinden.» Allerdings sieht Abbassi in erster Linie nicht die Lehrerinnen und Lehrer, sondern die Schulen und das kantonale Bildungsdepartement in der Pflicht.

Beat Petermann, Präsident des Aargauer Schulleiterverbands VSLAG, sagt: «Bei uns im Verband war der Umgang mit Fotos im Internet bis jetzt kein Thema, weil dies unserer Meinung nach im Ermessen der Schulen liegt.» An der Kreisschule Unteres Fricktal, die Petermann leitet, gilt: Online gestellt werden nur Gruppenfotos ohne Namensnennung, aber keine Stundenpläne.

Beim kantonalen Bildungsdepartement teilt Sprecherin Simone Strub auf Anfrage mit: «Wir empfehlen den Schulen, auf die Veröffentlichung von Klassenfotos im Internet zu verzichten oder diese nur in einem geschützten Bereich hochzuladen.» Schriftliche Leitlinien existierten bislang jedoch nicht. «Wir werden nun prüfen, ob und in welcher Form wir unsere Empfehlungen den Schulen in Erinnerung rufen können.» Strub geht davon aus, dass die Erkenntnisse aus dem Fall Rupperswil zu einer Sensibilisierung bei Schulen, aber auch Vereinen führen werden.

Auch in Widen überlegt man sich derzeit, ob die Fotos künftig besser geschützt werden könnten. Schulleiter Patrice Ulrich: «Es sind Abklärungen im Gange, einen passwortgeschützten Zugang zu bestimmten Inhalten der Homepage zu implementieren.»

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