Car-Reisen für Sehbehinderte: «Sie machen für uns Kino im Kopf»

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Die Carchauffeuse Ruth Bader hilft einem Sehbehinderten beim Einsteigen in den Reisecar. (Bild: Raphael Nadler)
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Direkte Rückmeldungen: Die Blinden und Sehbehinderten gaben den Chauffeuren der Walter Tschannen AG unmittelbar nach den Ausfahrten Feedbacks. (Bild: ran)
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Sehende beüben sich: Der Chauffeur führt eine «blinde» Chauffeuse zum Fahrzeug. (Bild: ran)

Mit einer schwarzen Binde vor den Augen sitze ich auf einer Bank in der Garage des Reiseunternehmens Walter Tschannen AG und warte, bis mich jemand abholt. Neben mir sitzt die ehemalige Wirtin Rita aus Wiesen SO, die seit 23 Jahren total blind ist. Sie erzählt mir, dass sie sich auf die Ausfahrt mit dem Car freue. Ich selber muss mich zuerst an die Dunkelheit gewöhnen und stelle mir vor, wie das wohl sein muss, plötzlich nicht mehr sehen zu können. Ich versuche, mich abzulenken und zu orientieren. Eine freundliche Stimme nähert sich und stellt sich als Chauffeuse des Unternehmens vor. Sie spricht mir gut zu und begleitet mich am Arm zum Car. «Vorsicht, den Kopf etwas einziehen», sagt die freundliche Stimme, «jetzt noch zwei Stufen, links ist der Handlauf, sie dürfen rechts den ersten Sitz nehmen und ans Fenster rutschen.» Sie nimmt mir den Rucksack und die Jacke ab, erklärt, wie das Anschnallen geht und wo sie meine Utensilien deponiert. Danach verabschiedet sie sich wieder von mir. Rita sitzt auf der anderen Seite des Ganges. Sie ist sich gewöhnt, unterwegs zu sein. Während mehr als 14 Jahren ist sie täglich von Wiesen nach Zürich gereist, wo sie im Restaurant «Blinde Kuh» gearbeitet hat. Sie beginnt schon bald zu plaudern, rühmt den schönen Car, die breiten Sitze und das feine Polster.

«Links sehen Sie ...»
Nun stellt sich Chauffeur «Chrigu» vor und schildert, wohin die Fahrt geht. «Wir reisen über Wikon, Reiden, Brittnau, Strengelbach zurück nach Zofingen», sagt er. Weitere Details folgen. Wir fahren los, ein erster Stopp folgt. «Links sehen Sie eine grosse Baustelle», erklärt der Chauffeur. Wir lachen, denn wir Passagiere sehen nichts. Der Fahrer lacht mit. Er lernt aber schnell. Seine weiteren Schilderungen sind bildlicher. Wie fahren in den Kreisel der Strengelbacherstrasse. In der Zwischenzeit weiss ich schon wie das Wetter ist, dass Blumen blühen und die Wiesen saftig grün sind. Rita erzählt, was sie sich alles vorstellt und lobt den Chauffeur für seine bildlichen Ausführungen. «Die Infos sind wichtig für uns», sagt sie, «denn sie ermöglichen uns Kino im Kopf.» Ich versuche zu spüren, wo ich bin, manchmal gelingt es, manchmal weniger. «Sind die Störche schon wieder auf dem Kirchdach?», will ich wissen. «Chrigu» weiss einiges über die Vögel, mehr als ich. Es geht mir gut, ich geniesse die Fahrt, obwohl ich nichts sehen kann. Einige Minuten später sind wir zurück im Cardepot. Der Chauffeur hilft beim Aussteigen. «Vorsichtig, noch zwei Stufen, dann sind Sie unten auf dem Boden», sagt er, mich am Arm begleitend. Rita ist schon längst ausgestiegen. Zurück in der Garage ziehe ich die Augenbinde aus. Für Rita geht der dunkle Alltag weiter. «Es gibt schlimmere Krankheiten, als blind zu sein», sagt sie.

Direkte Rückmeldungen
In der Garage treffen wir auf andere Sehbehinderte und weitere Chauffeure, die ebenfalls von ihrer Rundfahrt zurückgekommen sind. Markus Zinniker, Betriebsleiter der Walter Tschannen AG, fordert die Sehbehinderten auf, den Chauffeuren unverblümt Feedback zu geben. «Ich habe mich total wohlgefühlt auf der Fahrt», sagt Rita. Auch der sehbehinderte Niklaus lobte seinen Chauffeur. Er habe die richtige Dosis an Informationen gefunden, sagt er. Weiteres Lob wird ausgesprochen von den Sehbehinderten: «Wenn nur alle so rücksichtsvoll wären mit uns wie ihr», lobt eine andere sehbehinderte Frau.

Weil «Fokus-plus», die Fachstelle für Sehbehinderung in Olten, seit einigen Jahren zur Kundschaft der Tschannen AG gehört, hat sich Markus Zinniker diesen speziellen Weiterbildungstag für seine rund 30 Chauffeure ausgedacht. «Wir haben sie nicht vorinformiert, sondern ins kalte Wasser geworfen», sagt Zinniker mit einem Schmunzeln. «Es ist wie im Alltag, plötzlich gilt es, einen blinden Fahrgast mitzunehmen.» Die positiven Rückmeldungen erfreuen Zinniker natürlich. Er weiss um die grosse Herausforderung für die Chauffeure, sich in die sehbehinderten Menschen hineinversetzen zu können und ihnen die Ausfahrt zu einem Erlebnis zu machen. «Sie sind am Abend jeweils nudelfertig, wenn sie von einer Ausfahrt mit den Blinden zurückkommen», sagt Zinniker. Die nächste grosse Reise steht bereits an. 190 Sehbehinderte freuen sich auf die Schifffahrt auf dem Thunersee «und die Carfahrt dorthin», sagt Rita.

Die Ausfahrt war auch für Walter-Tschannen-Chauffeur Raphael Frischknecht speziell, «denn Sehbehinderte haben andere Ansprüche als Sehende». Er kann mit den Verbesserungsvorschlägen der Blinden sehr gut leben. «Nun wissen wir alle, was es noch zu verbessern gibt.» «Die Feuertaufe haben die Fahrer bestanden», sagt Betriebsleiter Markus Zinniker. Die grosse Herausforderung stehe aber noch bevor, «dann nämlich, wenn der ganze Car mit Sehbehinderten gefüllt ist und es plötzlich ganz still wird, weil alle dem Chauffeur zuhören und die Reise still geniessen.»

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