Thomas Lehner: «Wie Vincenz medial vernichtet wurde: Das fand ich nicht korrekt»

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Souveräne Leitung: Thomas Lehner an der Generalversammlung 2017 der Raiffeisenbank Region Zofingen. (Bild: Roland Schöni)

Herr Lehner, die Raiffeisenbank Region Zofingen führte kürzlich ihre GV durch – erstmals nicht mehr in einem grossen Zelt, sondern in der Mehrzweckhalle. Das gab nicht nur gute Feedbacks.

Thomas Lehner: Wir gehörten zu denjenigen der 255 Raiffeisenbanken in der Schweiz, die eine traditionelle GV abhielten: mit einer Bankettbestuhlung, einem Nachtessen, einem geschäftlichen und einem Unterhaltungsteil. Wir durften jeweils zwischen 1600 und 1700 Genossenschafterinnen und Genossenschafter begrüssen. Aber: Unsere Bank steht punkto Bilanzsumme ungefähr auf dem 60. Rang aller Raiffeisenbanken, betreffend Kosten belegten wir aber Rang 2.

Zu teuer?

Ja, wir konnten es nicht mehr verantworten, für einen Anlass, der fünf, sechs Stunden dauert, eine solch aufwendige Infrastruktur zu stellen. Die neue Form der GV ist trotzdem attraktiv; statt einem Unterhaltungsteil gab es einen interessanten Talk mit der Läckerli-Huus-Chefin Miriam Baumann-Blocher – das war wirklich spannend. Der anschliessende Steh-Apéro kam bei den Genossenschafterinnen und Genossenschaftern ausgezeichnet an.

Wie zufrieden sind Sie mit dem laufenden Geschäftsjahr?

Gut, ich höre von den Banken, dass sie im Budget liegen, das gilt auch für unsere Bank in Zofingen. Wir sind solide auf Kurs.

Die Raiffeisenbanken sind traditionell stark mit Hypotheken im Immobilienbereich engagiert. Verschiedene Experten warnen, der Markt laufe auf eine Blase zu. Wie beurteilen Sie die Risiken?

Die Raiffeisenbank Zofingen war in den letzten Jahren schon immer vorsichtig. Das sieht man auch an den Wachstumsraten: Im Vergleich zu anderen Raiffeisenbanken war unser Wachstum eher unterdurchschnittlich. Wir waren schon in den letzten Jahren der Meinung, dass der Immobilienmarkt in unserer Region gewisse Überhitzungstendenzen zeigt. Wenn man die Entwicklung des Leerwohnungsbestandes in der Region anschaut, glauben wir mit unserer Beurteilung richtig zu liegen. Wir wollen nicht «auf Teufel komm raus» Wachstum generieren, das mit Risiken verbunden ist.

Sie waren schon vorsichtig, sagen Sie – werden Sie noch vorsichtiger?

Was unsere Bank betrifft: nein. Es ist nicht nötig, dass wir unsere Linie verschärfen. Wir sagen auch: Wir sind eine gute Bank. Aber eine gute Bank kann nicht die billigste Bank sein. Wir sind nicht bereit, jeden Preis am Markt mitzumachen.

Sie sprechen von den historisch tiefen Hypo-Zinsen, die ermöglichen, mit billigem Geld zu bauen. Die haben in den letzten Wochen etwas angezogen. Geht das so weiter?

Wenn es stimmt, was wir aus den Büchern über Volkswirtschaft gelernt haben, müsste das Geld, das in den letzten Jahren den Markt geschwemmt hat, irgendwann zu steigenden Preise, steigenden Zinsen und Inflation führen. Passiert ist das pure Gegenteil. In den letzten drei Jahren hiess es mehrfach, dass die Zinsen anziehen; sie zogen dann auch etwas an, aber auf sehr tiefem Niveau und nur bescheiden, vielleicht 0,1 oder 0,2 Prozent. Ich würde also nicht sagen, dass wir jetzt von einer Tendenz sprechen können, die nach oben zeigt. Ich frage mich tatsächlich: Stimmt es noch, was wir einmal gelernt haben?

Und, stimmt es noch?

Vielleicht müssen wir neue Gesetzmässigkeiten zuerst kennenlernen. Japan hat seit 20 Jahren tiefe Zinsen; dort hiess es in den ersten Jahren auch, dass die Zinsen dann irgendwann wieder steigen müssen. Aber das traf bis heute nicht ein. Mir fällt auch auf: Auch Chefökonomen und Wirtschaftsprofessoren können die Fragen kaum beantworten.

Sie haben in Oftringen und Safenwil sogenannte Stubenbanken lanciert, das gleiche Konzept bringen Sie auch nach Zofingen. Manche Kunden waren erst skeptisch.

Die Leute, die zu uns kommen, reagieren sehr positiv. Die Atmosphäre ist entspannter als auf anderen Banken. Kunden bestätigen das. Das Umfeld ist weniger kühl, wirklich mehr wie in einer Stube. Unsere Architekten haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Auch Besucher von anderen Banken sind begeistert. Ich bin überzeugt, dass wir auf dem richtigen Weg sind, weil wir schon einen Schritt weiter sind als andere Geldhäuser.

Andere gehen noch weiter: Sie integrieren gleich ein Café in ihre Geschäftsstelle.

Wir fanden, das würde für uns zu weit gehen.

Wie wird sich der Bankenkontakt aus Kundensicht weiter verändern?

Ich bin überzeugt, dass die Kunden auch künftig den persönlichen Kontakt suchen. Für die Beratung und den Abschluss eines wichtigen Geschäfts wollen sie noch zum Spezialisten gehen.

Heute werden auch Hypotheken im Internet angeboten, die der Kunde selbst abschliessen kann. Wird der Spezialist nicht überflüssig?

Ich glaube nicht, dass sich die Internethypothek durchsetzen wird. Für eine seriöse Beratung und Beurteilung des Objektes scheint mir der persönliche Kontakt und eine Besichtigung vor Ort nach wie vor zentral zu sein.

An der GV richteten Sie kritische Worte Richtung Finanzmarktaufsicht Finma. Was stört Sie da besonders?

Was mir seit Jahren Sorgen macht, ist die Regulierung generell. Die Finma hat die Tendenz, über ihre Rundschreiben gesetzgeberische Entscheide zu fällen. Das ist politisch nicht gewollt. Es ist deshalb positiv zu werten, dass jetzt im Parlament zwei Motionen die Tätigkeit der Finma in einen besseren rechtlichen Rahmen stellen wollen. Die Schwierigkeit ist, dass die Banken ungeachtet ihrer Tätigkeit – international oder regional – regulatorisch gleich behandelt werden. Es ist manchmal beängstigend, was verlangt wird – bar jeder Verhältnismässigkeit.

Können Sie uns ein konkretes Beispiel nennen?

Wenn zum Beispiel ein Gastarbeiter aus Italien in seine Heimat zurückgeht und vergisst, sich bei der Schweizer Bank abzumelden und sein Konto mit einem Guthaben von 150 Franken aufzulösen, wird daraus ein Nachrichtenloses Konto. Die Formalitäten, welche die Bank in diesem Fall zu erledigen hat, können gut und gern mehrere Stunden Aufwand zur Folge haben. Hier muss man meines Erachtens ansetzen und das Weisungsrecht der Finma, das zu einer Obrigkeitshörigkeit führt, hinterfragen.

Gerade bei Raiffeisen scheinen ja Dinge falsch gelaufen zu sein. Ihr ehemaliger Vorsitzender Pierin Vincenz sitzt seit Wochen in Untersuchungshaft, weil er sich unrechtmässig bereichert haben soll. Wie belastend ist diese Situation für Sie und für Ihre Bank?

Was vorgefallen ist, hat alle, die mit Herzblut für die Raiffeisen-Idee unterwegs sind, schwer getroffen. Auf der anderen Seite stelle ich etwas Erfreuliches fest: Unsere Genossenschafterinnen und Genossenschafter differenzieren sehr klar. Sie beurteilen einerseits ihre Bank hier vor Ort und andererseits die Zentralbank, die jetzt im Fokus ist – ob zu Recht oder nicht, sei einmal dahingestellt. Ich masse mir nicht an, hier ein Urteil zu fällen, da ich – wie alle anderen auch – schlicht nicht genügend Informationen für eine sachliche Beurteilung habe. Wichtig scheint mir aber, dass auch eine öffentliche Person, wie sie Pierin Vincenz ist, ein faires Verfahren und nicht eine vernichtende Vorverurteilung verdient hätte.

Sie kennen Vincenz persönlich gut?

Ja, und die Situation tut mir leid für ihn, ohne ihn in Schutz nehmen zu wollen. Wenn Unrecht geschehen ist, wird er dafür geradestehen müssen. Aber wie er medial vernichtet wurde: Das fand ich nicht korrekt.

Wie arg sind Sie aus allen Wolken gefallen, als Sie von der U-Haft erfahren haben?

Es war klar, dass die Einstellung des Finma-Verfahrens gegen Vincenz nicht bedeutet, dass auch strafrechtlich nichts passiert. Massgebend war der Verwaltungsrat der Aduno, der aufgrund der Erkenntnisse aus dem Finma-Verfahren Strafanzeige eingereicht hat. Mit dieser Entwicklung konnte niemand von uns rechnen.

Der erste Haftantrag war auf 90 Tage, das ist lange.

Ja, das habe ich auch gelesen. Das ist wirklich lange.

Vinzenz wurde Ihrer Meinung nach vorverurteilt?

Aus meiner Sicht ja, ganz klar.

Ist intern genug aufgegleist worden, um die Sache aufzuarbeiten, und ist es schnell genug geschehen?

Wir, das heisst die Regionalverbände, sind seit letztem November sehr intensiv im Gespräch mit dem Verwaltungsrat von Raiffeisen Schweiz. Als Präsident des Aargauer Verbandes – des zweitgrössten Regionalverbands – darf ich in der Koordinationsgruppe der Regionalverbände mitarbeiten. Nach dem Rücktritt von Verwaltungsratspräsident Rüegg-Stürm hat Raiffeisen Schweiz nach meiner Meinung gut gehandelt, indem der unbelastete Pascal Gantenbein das Ruder interimistisch übernommen hat. Er hat die Aufarbeitung, auch mit einer internen Untersuchung, entschlossen in die Hände genommen. Was die Öffentlichkeit zu wenig weiss: Die Regionalverbände hinterfragen vieles über ihre Delegierten. So haben sie in der aktuell schwierigen Situation erreicht, dass eine ausserordentliche Delegiertenversammlung voraussichtlich im November über die Gesamterneuerung des Verwaltungsrats befinden wird. Die Basisvertreter nehmen die Verantwortung also durchaus wahr und schauen, dass das Schiff wieder in ruhigere Gewässer geführt wird.

War es aus Ihrer Sicht richtig, dass die Ehefrau von Pierin Vincenz, Nadja Ceregato, eine Top-Position in der Rechtsabteilung bei Raiffeisen Schweiz einnehmen konnte?

Da habe ich eine persönliche Meinung: Ich finde, dass solche Konstellationen, die nicht ideal sind, vermieden werden sollten. Das wurde durchaus auch in Raiffeisenkreisen thematisiert. Aus Compliance-Gründen wäre es rückblickend betrachtet sicher besser gewesen, auf die Dienste von Frau Ceregato in dieser Funktion zu verzichten. Im Nachhinein ist man immer gescheiter. Ich bin überzeugt, dass die Verantwortlichen aus dieser Situation die richtigen Lehren gezogen haben.

Haben Sie gegenüber Vincenz diese Bedenken mal geäussert?

Bezüglich dieser konkreten Sache nicht, aber wir haben den einen oder anderen Fight miteinander ausgetragen. Vincenz hatte die Gabe, Leute mitzureissen und zu überzeugen. Mit dieser Gabe trug er wesentlich zur Entwicklung der Raiffeisengruppe in den vergangenen zwanzig Jahren bei, die auch in der öffentlichen Wahrnehmung sehr stark mit seiner Persönlichkeit verknüpft ist. Deshalb ist die Fallhöhe nun besonders hoch.

ZUR PERSON

Thomas Lehner (Jahrgang 1962) ist in Schöftland aufgewachsen und besuchte die Verkehrsschule in Olten. Er absolvierte bei der SBB eine Lehre als Betriebsdisponent und wechselte anschliessend in die Bankbranche, wo er sich zum Bankfachexperten ausbilden liess. Er arbeitete bei verschiedenen Banken in der Region, bevor er 1994 in die Treuhandbranche wechselte. Anfang 2005 gründete er mit einem Partner die LB Treuhand AG in Zofingen. Seit 2005 ist er im Verwaltungsrat der Raiffeisenbank Region Zofingen, seit 2006 als Präsident. Seit vier Jahren präsidiert er den Aargauer Raiffeisen-Verband. Thomas Lehner engagiert sich zudem seit Jahren im Organisationskomitee der Regiomesse. Er ist verheiratet und Vater von vier erwachsenen Söhnen.

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