Eine Schweiz ausser Rand und Band?

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Nach 40 Jahren im Polizeidienst ging letzte Woche Bernhard Müller, Stellvertreter des Kommandanten der Regionalpolizei Zofingen, in Pension. Seinen und meinen Jahrgang trennen keine Welten. Als wir Buben waren, grüssten wir auf der Strasse. Lehrer, Polizist, Pfarrer und Gemeindeammann waren für uns wie auch für unsere Eltern Respektspersonen.

Auch 1978 – als Müller Polizist wurde, war noch eine andere Zeit. Es gab zwar Rocker-Banden, aber keine Fussballkrawalle. «Als junger Polizist konnte ich nachts noch alleine auf Patrouille gehen», sagt Müller. Heute undenkbar. «Die Gewaltbereitschaft in unserer Gesellschaft hat dazu geführt, dass eine kugelsichere Schutzweste und eine Zweierpatrouille – in Basel oder Zürich gar grössere Formationen – Pflicht sind.»

Letzte Woche auch diese Schlagzeile: «SBB-Personal flüchtet vor GC-Fans aus Extrazug». Deren Mannschaft hatte in Lausanne gewonnen und im Abstiegskampf wichtige Punkte errungen. Für die GC-Anhänger ein erfreulicher Ausflug? Im Zug zurück nach Zürich wurde mehr als einmal die Notbremse gezogen. Nicht genug. Gewaltbereite «Fans» gingen auf Transportpolizei und Zugbegleiter los. Die mussten sich in einem anderen Wagen in Sicherheit bringen und ihrerseits die Notbremse ziehen. Sie, wie auch der Lokführer, ergriffen die Flucht – die SBB mussten in der Nacht neues Zugpersonal finden, das bereit war, die Fahrt fortzusetzen. Zu dessen Sicherheit wurden mehr als 30 Kantonspolizisten aufgeboten.

In Zürich findet ein Teil des Kulturbetriebs im Gebiet Hardbrücke – Schiffbau und das Ausweichdomizil der Tonhalle – statt. Dumm nur, dass hier auch die «Fan»-Märsche der Krawallanten starten. GC und FCZ spielen im der Bahnstation nahen Letzigrund – wenn nicht «König Fussball» herrscht, ein schönes, modernes und friedliches Leichtathletikstadion.

Bei Ausschreitungen im Umfeld des Fussballs geht es nicht um das Spiel mit dem runden Leder, sondern um die Freude am Zerstören, am Niederprügeln anderer Menschen. Kann dem nicht Einhalt geboten werden – ist es in Zukunft überhaupt noch möglich, Fussballanlässe durchzuführen?

Die Allgemeinheit wird für die Kosten von Krawallen und für die Folgen des Fehlverhaltens einer Minderheit zur Kasse gebeten. Das gilt auch für den Bereich des Litterings. 150 Millionen Franken an Steuergeldern werden in der Schweiz Jahr für Jahr für die Beseitigung von Zigarettenstummeln, Getränkedosen, Fastfood- und anderen Nahrungsmittelverpackungen ausgegeben, die eine Minderheit offenbar mit Spass am Tun in Parks, auf Strassen und Plätzen wegwirft.

Ein Pfand auf Getränkedosen und PET-Flaschen ist für die Detaillisten mit Zusatzaufwand verbunden und löst das Problem nicht, weil es weder Verpackungen noch Zigaretten erfasst. Also eine Littering-Abgabe auf Lebensmittel- und Zigarettenverpackungen?

Eine Litteringgebühr heisst im Klartext nichts anderes, als dass all diejenigen, die mit Abfällen korrekt umgehen, auch künftig die Kosten des Litterings mittragen müssen. Und: Wer viel konsumiert (Familien) wird stärker zur Kasse gebeten als der vermögende Fastfood-Verweigerer.

Was tun? Hohe Bussen? Bei Jugendlichen die Eltern als Erziehende in die Verantwortung nehmen? – was juristisch und realistisch kaum möglich ist. Aber: «Im Elternhause muss beginnen ...» – meinte einst der Zürcher Staatsschreiber und Dichter Gottfried Keller.

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