Das Meinungszeitalter

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(Symbolbild) KEYSTONE/GAETAN BALLY

Da steigt jemand in einem Park auf eine eigens mitgebrachte Kiste und spricht Klartext. Sagt den Passanten, was er über Gott und die Welt denkt. Als ich damals zum ersten Mal vom Speaker’s Corner im Hyde Park hörte, speicherte ich das als interessante Eigenheit Londons ab. Wie die roten Busse, die Queen, den Porridge.

Doch inzwischen steht für mich der Speaker’s Corner als Symbol für eine Welt, die sich verändert hat. Die Kiste im Hyde Park ist abgelöst worden durch das Forum im Internet. Das digitale Zeitalter ist zum Meinungszeitalter geworden. Wir wollen zu allem eine Meinung haben und tun diese kund. (Touchée: Ich tu das ja gerade in dieser Kolumne.) Wir teilen unsere Gedanken auf den sozialen Plattformen, auf allen Kanälen. Den Facebook-Daumen hoch hier, ein pfeffriger Online-Kommentar dort. Ein Händeklatsch-Emoji hier, eine Replik auf einen Post dort.

Quot capita, tot sensus. Wie viele Köpfe, so viele Meinungen. Das Bonmot nach Horaz gilt heute noch mehr als zur Zeit der alten Römer. Denn alle Meinungen werden geteilt, sind sichtbar. Wer keine Meinung hat, steht abseits. Wer die Meinung nicht schnell äussern kann, auch.

Die Welt ist mehr als Daumen hoch oder Daumen runter
Dabei wäre meiner Meinung nach ja die entscheidende Frage: Ist Meinung ein Muss? Ein permanentes und unabdingbares Muss? Ich finde, Nein.

Sich eine eigene Meinung bilden, das sagt sich so leicht. Entweder haben wir sie bereits oder aber wir suchen sie, wägen Argumente gegeneinander ab, hören alle Seiten an, bevor wir uns definitiv festlegen. Das ist der Idealzustand. Die Realität ist aber um einiges verzwickter. Denn seien wir doch ehrlich, die Welt ist mehr als schwarz-weiss. Mehr als Daumen hoch oder Daumen runter.

Nehmen wir exemplarisch die Sache mit Lula. Ein Kollege sagt mir: «Spinnen die Brasilianer? Warum bleibt Lula in den Umfragen mit Abstand der beliebteste Präsidentschaftskandidat, obwohl er hinter Gittern sitzt? Da tippt man sich doch nur verwundert an die Stirn.» Und was sage ich? Wie ist hier meine Meinung?

Nun, Fakt ist: Lula ist wegen Korruptionsvorwürfen in zweiter Instanz zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt worden. Doch eine einfache Antwort gibt es nicht. Ich höre verschiedene Stimmen in mir. Eine sagt: Korruption muss geahndet werden, entschlossen, kompromisslos. Politiker jeglicher Couleur müssen dafür büssen, sie zerstören die Demokratie. Brasilien droht sonst daran kaputtzugehen.

Spinnen die Brasilianer? So einfach ist die Antwort nicht
Eine andere Stimme in mir meint: In Curitiba sitzen die mutigsten Korruptionsjäger des Landes. Aber ist es tatsächlich ganz auszuschliessen, dass ein Teil der juristischen Attacke in diesem Indizienprozess nicht auch politisch motiviert ist? Weil Lulas Gegner wollen, dass er fällt? Wieder eine andere Stimme sagt: Was ist mit den Lula-Unterstützern selber?

Ich war im Februar in einer Gegend Brasiliens, wo die Armut grösser ist als die Perspektive auf ein besseres Leben, wo die Menschen stets Schlange stehen für ein wenig Unterstützungsgeld vom Staat. Ich hatte viele Gespräche. Immer, wenn ich sagte, korrupte Politiker, Lula, das gehe doch nicht, bekam ich die gleiche Antwort. Er sei der erste Präsident gewesen, der ihnen eine Stimme und mit Sozialreformen nach Jahren der konservativen und neoliberalen Politik die Würde zurückgegeben habe. Oder sie sagten, wenn in Brasilien schon die meisten Politiker korrupt seien, warum jenen fallen lassen, der sie – die Armen – am besten verstehe? Der rechte Ex-Militär Jair Bolsonaro sei sicher keine Option.

Trag ich all diese Stimmen und Standpunkte zusammen, denke ich einmal mehr, wie gespalten Brasilien doch ist, der Klassenhass, tief sitzend, das Geschacher um Pfründe und Posten zerstörerisch. All dies und mehr wird den Wahlkampf bis im Oktober überschatten. Aber ob die Brasilianer spinnen, einem Politiker, der hinter Gittern sitzt, nicht den Rücken zuzuwenden? ... Eine dezidierte Meinung habe ich hier nicht.

Mit dem Lula-Beispiel will ich zeigen: So ist es nun mal mit dieser Meinung. Sie muss – so finde ich – nicht in jedem Fall messerscharf, glasklar und auf einen Satz reduzier- und «schlagzeilisierbar» sein. Sie muss nicht immer sofort da und schnell präsentierbar sein. Die Welt ist vielschichtig, und so sind auch wir ab und an ambivalent. Und dazu dürfen und sollen wir auch stehen. Das ist meine klare Meinung.

Susanne Wille, Journalistin und Moderatorin

Die Autorin wurde in Villmergen geboren und arbeitet seit 2001 beim Schweizer Fernsehen. Sie moderiert das Nachrichtenmagazin «10vor10» und ist im News-Projektteam, das sich mit der Entwicklung der Nachrichtensendungen befasst.

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