Von null nach ganz oben: Er kam als Flüchtling in die Schweiz – heute führt er das «Tsing Tao»

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Hormat Abbaszadeh und seine Frau Maria im «Tsing Tao», dem Restaurant im obersten Stock des Hochhauses von Rohr. (Bild: Markus Christen)

Als das «Tsing Tao»-Restaurant am 30. Juni 1988 seine Türen öffnete, stellte es für die gesamte Region eine Exklusivität dar. Die asiatische Küche war in der Region noch weitgehend unbekannt. Im siebten Stock des Hochhauses an der Hauptstrasse in Rohr konnte sie nun gekostet werden. Das tat auch Hormat Abbaszadeh (44) gerne. «Das Tsing Tao war mein Lieblingsrestaurant. Es hat mir dort immer sehr gut gefallen», sagt er. Vor sechs Jahren dann hörte der gebürtige Iraner, der zu jener Zeit die Bar B52 im Hotel Aarehof in Wildegg führte, dass die Besitzer des «Tsing Tao» über einen Verkauf des Restaurants nachdenken. Abbaszadeh ergriff die Gelegenheit und erwarb die Gaststätte mit dem Vorsatz, an der Grundausrichtung des Restaurants nichts zu ändern.

Chinesisch auf europäische Art
Das Personal blieb dasselbe, leichte Anpassungen erfuhr allein die Speisekarte. «Wir offerieren chinesisches Essen nach europäischem Geschmack, um möglichst viele unserer Gäste zufriedenzustellen», sagt er.

Wichtig aber war Abbaszadeh eines, wie er rückblickend erklärt. Das Essen im «Tsing Tao» sollte Teil eines umfassenden gastronomischen Erlebnisses sein. Auch aus diesem Grund liebäugelte er seit dem Kauf des Restaurants mit einer umfassenden Renovation der Hochhausterrasse, die zum Restaurant gehört und von der aus die Schlösser von Lenzburg und Wildegg und ein eindrucksvolles Alpenpanorama zu erblicken sind.

Nach einigen Verzögerungen im Baubewilligungsverfahren, die auch durch die Fusion der Gemeinden Aarau und Rohr bedingt waren, konnte die umgebaute Terrasse nun pünktlich zum 30-Jahre Jubiläum des «Tsing Tao» eröffnet werden.

Dramatische Flucht aus dem Iran
Dass Hormat Abbaszadeh einmal Restaurantbesitzer in der Schweiz sein würde, damit hatte er in jüngeren Jahren beim besten Willen nicht gerechnet. Geboren im iranischen Babol und aufgewachsen in Teheran studierte er Wirtschaftswissenschaften an der Uni von Teheran. Seine gegen das Regime gerichteten politischen Aktivitäten zwangen ihn vor achtzehn Jahren dazu, das Land zu verlassen. Noch heute fällt es ihm schwer, über die Umstände seiner Flucht zu sprechen. «Ich hatte bis zu jenem Zeitpunkt den Iran noch kein einziges Mal verlassen, nun musste ich alles zurücklassen, was ich kannte.» Über die Türkei und Italien führte sein Weg zunächst ins Asylzentrum von Kreuzlingen TG und danach in ein Asylheim in Villnachern, wo er in einem Zimmer mit elf weiteren Flüchtlingen untergebracht wurde.

«Ich war fix und fertig, als ich in die Schweiz gekommen bin. Und ich realisierte, dass ich jetzt ganz alleine klarkommen muss», erinnert sich Abbaszadeh. Im Eigenstudium brachte er sich die Deutsche Sprache bei und nachdem ihm die Wettinger Stiftung Wendepunkt verschiedene Tagesjobs vermittelt hatte, erfuhr er über das Internet von einem Stelleninserat als Küchenhilfe in einem Restaurant in Muri. Abbaszadeh trat die Stelle an, doch die Behörden verweigerten die Arbeitsbewilligung. Nach 40 Tagen und ohne einen Franken Lohn endete sein erstes Arbeitsverhältnis in der Schweiz abrupt wieder.

Eine nächste Chance erhielt Hormat Abbaszadeh im Hotel Aarehof in Wildegg. Seine Betreuerin im Asylheim hatte ihm die Stelle vermittelt und diesmal klappte es auch mit der Arbeitsbewilligung. Der Flüchtling wusch die Teller in der Küche, konnte zunächst ein Zimmer im Hotel als Unterkunft beziehen und hatte bald genug verdient, um sich eine eigene Wohnung in Wildegg zu mieten.

Zwei Mal bei null angefangen
Doch der nächste Tiefschlag liess nicht lange auf sich warten. Ende 2003 wurde sein Asylantrag abgelehnt. Es war ihm nun nicht mehr erlaubt zu arbeiten und er sollte wieder im Asylheim wohnen. Nur dem Engagement seines Chefs war es zu verdanken, dass Hormat Abbaszadeh erneut ein Zimmer im «Aarehof» beziehen konnte.

«Das war eine schlimme Zeit für mich. Ich hatte einen Lohn von 3200 Franken verdient und sollte nun wieder von 70 Franken in der Woche leben», blickt er zurück. «Ich hatte nun auch nichts mehr zu tun und bin jeden Tag stundenlang an der Aare spazieren gegangen.»

In jener Zeit habe er sich intensiv mit der Schweizer Geschichte auseinandergesetzt, mit dem Wesen der Demokratie. «Meine Einstellungen haben sich stark geändert. Auch was die politische Situation im Iran betrifft. Veränderungen, wie ich sie einst mit revolutionärem Denken angestrebt habe, brauchen sehr viel Zeit und viele Gespräche», meint Abbaszadeh. «Freiheit bedeutet für mich heute, dem Menschen die Gelegenheit zu geben, selbst zu denken.»

Im Februar 2006 erhielt er schliesslich die erlösende Nachricht. Sein Asylantragwar erneut überprüft worden und wurde angenommen. Er konnte nun die Pacht der hoteleigenen «B52»-Bar im «Aarehof» übernehmen. Allerdings musste er dafür zuerst einen Umweg über das Bundesgericht nehmen. Bis zum Urteil zu seinen Gunsten konnten Personen mit seinem Aufenthaltsstatus nämlich nicht in selbstständiger Erwerbstätigkeit arbeiten. Insgesamt zwölf Jahre führte Abbaszadeh die Hotelbar.

«Zwei Mal musste ich in der Schweiz wieder bei null anfangen», sagt Hormat Abbaszadeh. «Aber ich bin der Schweiz und insbesondere den Menschen, die sich für mich eingesetzt haben, sehr dankbar für die Möglichkeiten, die ich hier erhalten habe. Nie hätte ich bei meiner Ankunft in der Schweiz gedacht, dass ich hier einmal so viel Erfolg haben würde.»

Zurückhaltende Schweizer
Inzwischen ist Abbaszadeh Schweizer Bürger. Er wohnt mit seiner deutschen Frau Maria, die er bei der Arbeit im «Aarehof» kennenlernte, und seinen beiden Kindern Kian (6) und Arvin (2) in Niederlenz. Angestellt ist er überdies bei der PPO Services AG im solothurnischen Däniken und dort zuständig für den Handel mit dem Iran. Er beliefert Grosskunden mit trockenen Feigen, Granatäpfeln, Datteln und Safran. Das «Tsing Tao» , das seine Frau als Geschäftsführerin leitet, ist für Hormat Abbaszadeh ein Teil der Aarauer Kultur.»

Damit die Gäste allfällige Hemmungen gegenüber der asiatischen Küche abbauen können, bietet das Restaurant jeweils am Montag und am Dienstag ein Abendbuffet an. Denn mehr noch als die Einwohner anderer Länder, so Abbaszadeh, seien die Schweizer eher zurückhaltend bei Speisen, die sie noch nicht kennen würden.

«Ich sehe es als meine Herausforderung an, das ‹Tsing Tao› zum Erfolg zu führen. Ich habe das Restaurant nicht gekauft, um viel Geld zu verdienen, sondern um etwas aufzubauen», sagt Hormat Abbaszadeh. «Das entspricht meinem Ehrgeiz, der mich schon immer geprägt hat.»

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