«Neoscope 18»: Achtung, fertig, Performance!

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Alex Dorici dehnt Dolendeckel mit Klebeband zur dreidimensionalen Skulptur aus. (Bild: mif)
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Flüchtige Schrift an der Wand: Das Lesen von Joëlle Valterios Sätzen in Wasser ist aktive Erinnerungsarbeit. (Bild: mif)
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Achtsamkeit zum Steinerweichen: The Gathering beziehen eine Skulptur in den Dialog mit ein. (Bild: mif)

«Klar, das ist Kunst», sagt eine Frau am Samstag in Zofingens Altstadt, geht dann aber unbeirrt weiter. Währenddessen malt Joëlle Valterio mit reinem Wasser Wörter und Sätze an die Mauer. Laufend verdampft die Schrift im Sonnenlicht. Unwillkürlich bildet man die Sätze nach, solange noch Schemen der Schrift zu sehen sind. Valterios samstägliche Performance ist Teil der Ausstellung «Neoscope 18» im Kunsthaus Zofingen, die noch bis zum 10. Juni läuft.

Es gibt künstlerische Performances, die sich mit Theatralik und Brimborium in Szene setzen. Andere lassen einen über ihre Absicht im Ungewissen und ziehen gerade daraus ihren Reiz. Zur ersteren Kategorie gehört das Hupkonzert auf dem Thutplatz unter der Regie des Basler Künstlers Mirzlekid. Sechs Autos, die fächerförmig rund dem Niklaus-Thut-Brunnen aufgereiht sind, tuten dem Stadtvater kurz nach 11.15 Uhr den Marsch. Das Intro und Outro ist eine durchorchestrierte 60-Sekunden-Sequenz. Mit nur je einem Ton ausgestattet, intoniert das Sextett strikt nach Stoppuhr. Rund 60 Personen stehen in gebührendem Abstand beim Rathauskaffee und beim Rathaus Spalier. Nur eine Frau wäscht ungeniert ihren Hund am Brunnen und sonnt sich in den Blicken des Publikums. Ist sie etwas selbst Teil dieser Performance? Sie ist es wohl, weil sie sich als ebendas versteht.

Gesehen werden und in Dialog treten. Räume erkunden und ausfüllen, Reibung empfinden und selber Reibung erzeugen: Das treibt Performance-Künstler an. Einer, der das unterschwellig tut, ist der Churer Christian Ratti. Die Beschäftigung mit Dolendeckeln gerät ihm zu einer zwischen Kunst und Wissenschaft oszillierenden Dolologie. Zwei Mal führt er an diesem Tag eine Gruppe von rund 30 Personen auf seinen dolologischen Stadtrundgang. Er lenkt den Blick nach unten und veranschaulicht anhand von Dolendeckeln ein Stück Schweizer Industrie- und Zofinger Stadtgeschichte. In beiläufiger Ironie lässt er eine Dolendeckelattrappe über die Strasse rollen, führt Kinder ans Dolendeckelgolf heran und enthüllt geheime, klingelnde Kassen in Zofingens Untergrund. Seine künstlerische Denkmalpflege gewinnt gerade durch den subtilen Witz an Dringlichkeit. Vielleicht kann sie so dazu beitragen, dass diese Dolendeckel nicht wegerneuert und als unverwechselbare Eigenart Zofingens bewahrt werden.

Schon in der Nacht zuvor hat der Tessiner Alex Dorici den Ball Christian Rattis aufgenommen. Mit seinen Scotch-Klebebändern am Boden lupft er die Dolendeckel vom Zwei- ins Dreidimensionale. Unwillkürlich werden sie zu Skulpturen, die man umlauft, ohne es zu müssen. Dorici hat auch in der Markthalle gewirkt: Hier hat er mit Klebebändern Säulen in die vorhandenen Stützpfeiler hineingeschnitzt. Wer hier vorbeigeht, nimmt sie nun ganz anders wahr.

Statement gegen Abgrenzung
Unaufdringlich, aber nachhaltig ist Nesa Gschwends Auftritt unter der Linde auf dem Alten Postplatz. Sie hat sich auf einem Teppich niedergelassen, der aus lauter ineinander verwobenen Stofffetzen aus aller Welt besteht. Zahlreiche Passanten aus der Region nähen an diesem Tag am Projekt «Living Fabric» mit oder suchen das Gespräch mit der Künstlerin. Viele von ihnen bleiben viel länger sitzen, als sie es eigentlich vorgehabt hätten. Weil etwas weiter oben am Postplatz die Psychosekte Scientology einen Stand aufgestellt hat, gerät Gschwends Projekt zum Statement wider gepachtete Wahrheiten und Ausgrenzung.

Eine Art Zusatzvorstellung zum Tag bietet «The Gathering», eine Zusammenkunft von rund einem Dutzend Schweizer Performancekünstlern. Um 13 Uhr nehmen die Aktionisten den Rosengarten nah dem Kunsthaus in Beschlag. Einer gärtnert, eine rothaarige Frau nimmt den Rasen feucht auf, ein Weissgekleideter zelebriert konzentriert eine Teezeremonie. Eine Frau im schwarzen Rock führt einen Dialog mit einer Statue. Eine junge, kurzhaarige Frau steht in einen Papierkorb, verharrt dort, zieht lauthals über die Performance her, macht dann aber selber mit. Zusehens finden sich die einzelnen Personen zu Grüppchen zusammen, entwickeln im spielerischen Umgang miteinander stets neue Formen des Dialogs. Es ist nur ein kleines Publikum, das sich hier abseits der Passantenströme in diesen Park verläuft. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen: Hier ist belebende Entspannung möglich geworden.

Das Performance-Fenster vom Samstag war eine Veranstaltung der Ausstellung «Neoscope 18» im Kunsthaus Zofingen. Sie dauert noch bis 10. Juni. Öffnungszeiten: Do., 18 bis 21 Uhr, Sa./So., 10 bis 17 Uhr. www.kunsthauszofingen.ch.

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Bild: mif
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Bild: mif
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