«Erst wenn ein Friseur in den Ruhestand geht, verlasse ich ihn»

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Gilbert Gress mag nicht nur Fussball sehr gerne, sondern auch verschiedene Kartenspiele. Keystone
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Gilbert Gress ist schon seit 20 Jahren Ehrentrainer des FC Traktor azb Strengelbach. Das wird am 22. September auf dem «Mätteli» in Strengelbach mit einem Turnier und weiteren Attraktionen gross gefeiert. ran/Archiv
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Gilbert Gress und seine Frau Béatrice sind seit 53 Jahren verheiratet. Sie haben Tochter Cathy (52) und Sohn Franck (45) grossgezogen. BRUNO MUNTWYLER
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Rolf Christen (62) ist eine der Teamstützen des FC Traktor. «Er muss noch lernen mehr Defensivarbeit zu machen», sagt Gilbert Gress. Bruno Muntwyler

Seit 1998 ist Gilbert Gress (76) nun schon Ehrentrainer des Behinderten-Fussballteams FC Traktor azb Strengelbach. Trotz voller Agenda reserviert er für seine Spieler vom FC Traktor zwei, drei Termine im Jahr. Letzten Dienstag war es wieder so weit: Gress und seine Gattin Béatrice kamen zum Weihnachtsessen – weil man im Dezember keinen Termin gefunden hatte, wie Gress erzählt. Radio-Inside-Programmleiter Daniel Küng und Wiggertaler-Chefredaktor Bruno Muntwyler trafen Gress am Rande der Feier zu einem Gespräch über die bevorstehende Fussball-WM, die Unwägbarkeiten im Fussball – und seine Markenzeichen, die Frisur.

Gilbert Gress, Sie sind seit 20 Jahren Ehrentrainer des FC Traktor azb in Strengelbach. Eine grosse Ehre?

Ja klar! Wir haben uns damals kennen gelernt, als ich Nationaltrainer war. Sekretär war Pierre Benoit (Benoit war langjähriger Funktionär beim Schweizerischen Fussballverband, Anm. d. Red.). Wir haben uns einmal in der Woche getroffen und sind unter anderem jeweils die Post durchgegangen. Dann kam der Brief vom FC Traktor. Pierre sagte: «Da haben Sie keine Zeit!» Ich antwortete: «Einen Moment! Das interessiert mich!» Wir haben uns verabredet, und am Tag davor habe ich einen Schnupfen und Husten gehabt – das war unglaublich. Ich bin ganz selten krank, aber an diesem Tag vor dem ersten Treffen war ich krank. Ich bin dann trotzdem hingefahren, und so kam es zum ersten Kontakt mit dem FC Traktor.

Was bedeutet Ihnen dieser Ehrentrainer-Posten?

Klar, ich kann nicht alle Tage hier sein, aber ich bin in Kontakt, vor allem mit den Trainern Heinz Keller, David Schlatter und Christoph Nohl. Heilig ist immer das Weihnachtsessen, das jetzt im Mai stattfindet. Ich war voll ausgebucht im Dezember, sodass wir keinen Termin fanden, ein Weihnachtsessen zu machen. Jetzt haben wir endlich einen Tag gefunden, an dem wir uns wieder treffen und gemeinsam einen schönen Abend verbringen können. Es ist immer wieder eine grosse Freude, hierher zu kommen – für mich und meine Frau Béatrice.

Warum engagieren Sie sich für Menschen mit einem geistigen oder körperlichen Handicap?

«In meiner Kindheit lebten in unserer Strasse in Strasbourg zwei geistig behinderte Buben. Beide waren ziemlich verwahrlost und hatten kaum Sozialkontakte. Die Väter tot, die Mütter am Arbeiten. Meine Mutter Françoise kümmerte sich rührend um die beiden Knaben, die sonst vermutlich auf der Strasse verwahrlost wären. Sie waren oft bei uns und gehörten fast zur Familie. Seither gehe ich ungehemmt mit Menschen mit einer Behinderung um. Sie bereichern mein Leben, weil sie so authentisch sind.»

20 Jahre beim FC Traktor, das ist die längste Amtszeit, die Sie als Trainer hatten.

Ich muss sagen, ich bin ja sehr treu. Ich war 40 Jahre lang zwei Vereinen treu. 25 Jahre dem FC Strassburg, 10 Jahre in der Jugend, 15 Jahre als Spieler und Trainer, dann 15 Jahre beim FC Xamax. Was ich öfters sage, wenn ich hierher komme: Ihr habt schon einen grossartiger Verein hier.

Warum?

In 20 Jahren hat der FC Traktor erst zwei Trainer gehabt. Stellen Sie sich einmal vor: Der FC Sion, in 20 Jahren – wie viele Trainer haben die denn gehabt?

Haben Sie die Mannschaft für die nächsten Spiele schon zusammengestellt?

Das überlasse ich dem Trainer und seinem Co-Trainer. Und wie das eben so ist: Wenn die Mannschaft gewinnt, ist das meine Arbeit, wenn sie verliert, ist es die Arbeit von Heinz Keller (lacht).

Reden wir ein bisschen über die bevorstehende Fussball-WM. Wie werden Sie diese verfolgen.

Ich bin in dieser Zeit teilweise unterwegs, dann am Fernseher in einem Hotel, oder auch zu Hause.

Wie schätzen Sie die Chancen für die Schweiz ein?

Das Ziel ist klar: Eine Runde weiterzukommen. Das erste Spiel ist ja gegen Brasilien, das finde ich gar nicht so schlecht. Vielleicht finden die Brasilianer nicht von Anfang an den Rhythmus – könnte ja sein, warten wir ab. Wenn schon gegen Brasilien, dann ist es gut, dass es das erste Spiel ist.

Für wen schlägt ihr Herz denn mehr, für Frankreich oder die Schweiz?

Für die Schweiz, ganz klar! Es ist nur so: Stellen Sie sich vor, wir gewinnen gegen Brasilien und verlieren die beiden anderen Spiele: Das wäre eine Katastrophe.

Auch schon passiert: Die Schweiz gewann gegen Spanien und spielte Unentschieden gegen Honduras.

Immer erst nach dem Spiel kann man sagen, ob es schwieriges Spiel war oder ein leichtes Spiel. Ich habe das öfters mitgemacht. Als ich bei Xamax war, hatten wir in einer Europacup-Runde vier Spiele zu Hause. Wir spielten gegen Prag, gegen Malmö, gegen Hamburg – die Mannschaft war deutscher Meister. Die vier Mannschaften haben uns kein Tor geschossen. Dann spielen wir im Cup gegen Delémont, eine 1.-Liga-Mannschaft – und verlieren das Spiel 0:1. So ist Fussball!

Wie sehen Sie Xamax heute?

Der Verein hat wieder seine Linie gefunden, die Mannschaft spielt guten Fussball. Vielleicht eine oder zwei Verstärkungen könnten im Team eine gute Rolle spielen.

Haben Sie noch Kontakt mit Leuten von Xamax?

Ja, mit dem Trainer Michel Decastel manchmal schon, wir treffen uns immer wieder mal. Ja, die Kontakte sind da.

Die Young Boys wurden eben Schweizer Meister, sind so stark wie nie. Hätten Sie gedacht, dass die wieder einmal Nummer 1 in der Schweiz sind?

Ja, warum nicht? Was ich nicht gedacht hätte, ist, dass die Punktdifferenz zum zweitplatzierten FC Basel so gross sein könnte. Das beweist, dass die Young Boys eine sehr, sehr tolle Serie gespielt haben.

Wann sind Sie zum letzten Mal aktiv auf dem Fussballplatz gestanden?

Das weiss ich nicht mehr, das ist schon ein paar Jahre her. Aber ich bin manchmal immer noch als Trainer aktiv.

Angenommen, ein Super League Club ruft Sie an sagt: «Wir hätten einen Posten für Sie als Trainer» – würden Sie annehmen?

Wenn es ein seriöser Verein wäre, dann würde ich mir das bestimmt überlegen.

Wenn Sie auf die Geschichte des Fussballs zurückblicken: Gibt es da eine Periode, von der Sie sagen: «Da hätte ich gerne Fussball gespielt.»

Finanzielle gesehen: Ganz klar heute. Ich habe gerade gesehen, dass Neymar jetzt drei Millionen im Monat verdienen will; früher hat eine ganze Mannschaft in 20 Jahren nicht so viel verdient wie er in acht Tagen verdient. Und ja, wenn schon, hätte ich gerne in der Mannschaft von Barcelona unter Trainer Pep Guardiola (2008 bis 2012) gespielt.

Wer gewinnt die Fussball-Weltmeisterschaft?

Ja, wer gewinnt die WM? Die Deutschen werden sicher dabei sein, Brasilien auch nicht unbedingt weit weg. Und dann gibt es vielleicht eine Überraschungsmannschaft; wünschen wir uns, dass die Schweiz diese Überraschungsmannschaft ist.

Sie haben den Status einer Legende, ebenso Ihre Frisur – über die wird ja oft gesprochen. Hat Sie den Friseur mal gewechselt – oder ist das immer der Gleiche?

Ich bin ja nicht so jung (lacht), dass alle Friseure, die ich gehabt habe, noch arbeiten würden. Aber erst wenn ein Friseur in den Ruhestand geht, dann verlasse ich ihn auch. Aber wegen der Frisur: Sie wissen ja, dass diese mir manchmal auch Probleme eingebracht hat. 1966 war die Weltmeisterschaft in England (Gress spielte damals in der französischen Nationalmannschaft, Anmerkung der Redaktion). Zuvor war ein Spiel mit Frankreiche gegen die Russen angesetzt; wir hatten ein Trainingslager, acht Tage lang. Da kam der Trainer zu mir, drei Tage vor dem Spiel, und sagte, dass ich zum Friseur gehen soll. «Wir nehmen keine Beatles mit nach England.» Da sagte ich: «Ja gut, ich will nicht zum Friseur, da bleibe ich zu Hause.» Der Trainer hat uns dann später die Liste gegeben (mit dem WM-Aufgebot, Anmerkung der Redaktion); von den 17 Spielern, die in Moskau waren, war ich der Einzige, der nicht auf der Liste stand. Am selben Abend habe ich einen Vertrag beim VfB Stuttgart unterschrieben. Mein Ziel war, in die Bundesliga zu gehen; da waren pro Spiel bis 80 000 Zuschauer. So habe ich es gut verschmerzt, dass ich 1966 nicht nach England gehen konnte.

ZUR PERSON

Gilbert Gress wird am 17. Dezember 76 Jahre alt. 1960 begann seine Fussballkarriere als Aussenstürmer bei Racing Strasbourg. Später spielte er für den VfB Stuttgart, Olympique Marseille und Neuchâtel Xamax. 1966 war Gilbert Gress der erste französische Spieler in der deutschen Bundesliga. Er absolvierte auch einige Spiele für die französische Nationalmannschaft. Nach seiner Aktivkarriere erlangte er grosse Bekanntheit als Trainer: So wurde er unter anderem Schweizer Meister mit Neuchâtel Xamax (1987/1988), französischer Meister mit Racing Strassburg (1979), sowie Cupsieger mit dem FC Zürich (2001). Von 1998 bis 2000 war er Trainer der Schweizer Nationalmannschaft. 2007 kam er für fünf Spiele zum FC Aarau und rettete diesen vor dem Abstieg aus der höchsten Spielklasse. In der Schweiz geniesst Gilbert Gress hohes Ansehen. Er ist seit 53 Jahren mit seiner Frau Béatrice verheiratet, die er aus gemeinsamen Strassburger Tagen kennt. Ihre Tochter Cathy ist 52 Jahre alt, ihr Sohn Franck 45. Gilbert Gress ist französisch-schweizerischer Staats-bürger. (ran)

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