Unterschätzter Wirtschaftsmotor: Aargauer Spitäler und Heime haben 2,1 Milliarden erwirtschaftet

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Altersheime und Spitäler verursachen nicht nur immer höhere Kosten, sondern tragen auch ihren Teil zur kantonalen Wertschöpfung bei. Das zeigt eine neue Studie. (Bild: Chris Iseli)

Harry Telser ist zufrieden. Der Ökonom und stellvertretende Geschäftsführer der Firma Polynomics mit Sitz in Olten hat die volkswirtschaftliche Bedeutung des Gesundheitswesens im Aargau untersucht. Die Studie wurde vom Verband der Pflegeinstitutionen (Vaka) in Auftrag gegeben und nun vorgestellt. Telser und sein Team sollten aufzeigen, was der Gesundheitssektor dem Kanton – abgesehen von immer höheren Kosten – bringt. Welche Rolle der Kanton als Mitfinanzierer spielt und welche Sparmöglichkeiten sich anbieten.

Die Autoren haben sich auf den stationären Sektor fokussiert, also Spitäler, Spezialkliniken und Pflegeheime. Ihr Fazit: Die stationären Institutionen sind ein wichtiger Arbeitgeber und erwirtschaften einen hohen Anteil an der kantonalen Wertschöpfung.

Konkret ist das Gesundheits- und Sozialwesen die viertgrösste Branche im Aargau. Von den knapp 250'000 Vollzeitstellen im Jahr 2015 entfallen knapp 30'000 auf das Gesundheits- und Sozialwesen. Werden nur die Institutionen mit stationären Leistungen – also Spitäler, Spezialkliniken, Alters- und Pflegeheime – angeschaut, sind es 16'000 Vollzeitstellen oder 6,5 Prozent aller Stellen im Kanton. Spitäler und Heime sind aber nicht nur wichtige Arbeitgeber, sondern auch Wachstumstreiber. Von den rund 7500 Stellen, die zwischen 2011 und 2015 neu geschaffen wurden, entstanden 2770 Stellen in Spitälern und Heimen.

Weniger lange Arbeitsausfälle
Wer den volkswirtschaftlichen Nutzen einer Branche untersucht, muss auch die Bruttowertschöpfung unter die Lupe nehmen. Dabei handelt es sich um den Mehrwert, den eine Branche schafft. Also alle Leistungen, die produziert werden, abzüglich der Vorleistungen wie zum Beispiel Miete oder Strom. 2015 hat die Bruttowertschöpfung im Aargau knapp 40 Milliarden Franken betragen. 2,1 Milliarden Franken erwirtschafteten Heime und Spitäler. Das ist mehr als die Hälfte der Wertschöpfung im Gesundheits- und Sozialwesen.

Und die stationären Institutionen hätten überproportional zum Wachstum beigetragen, führte Telser aus. Zwischen 2011 und 2015 stieg die Bruttowertschöpfung im Kanton Aargau um 1,7 Milliarden Franken. 16,5 Prozent der zusätzlichen Bruttowertschöpfung, beziehungsweise 286 Millionen Franken, seien in Heimen und Spitälern erwirtschaftet worden.

Ein Aspekt, den die Studie nur am Rande beleuchtet, ist der medizin-technologische Fortschritt. Er macht es möglich, dass Operationen heute patientenschonender durchgeführt werden können. Nierensteine zum Beispiel können häufig ambulant entfernt werden, während früher noch ein stationärer Aufenthalt nötig war. Zwar haben die modernen Geräte ihren Preis, dafür ist der Patient bereits kurz nach der Operation wieder fit und fällt weniger lange am Arbeitsplatz aus. Das führt zu Kosteneinsparungen in der Wirtschaft – besonders auf Arbeitgeberseite.

Tiefe Löhne, wenig Steuern
Ein Teil des Lohnes, den die Angestellten in Aargauer Heimen und Spitälern verdienen, fliesst in Form von Steuern zurück zum Kanton. Um zu berechnen, wie viel Steuern die Spital- und Heimmitarbeiter bezahlen, haben die Studienautoren eine Umfrage gemacht. Die Institutionen wurden gebeten, Polynomics die Anzahl Mitarbeiter mit Wohnsitz im Aargau pro Lohnkategorie zu melden. Dadurch konnte ein Steuerbetrag ermittelt und anschliessend hochgerechnet werden.

Demnach sollen die Mitarbeitenden in Heimen und Spitälern im Jahr 2015 etwa 46,9 Millionen Franken Einkommenssteuern bezahlt haben. Das entspricht fast drei Prozent der Steuereinnahmen des Kantons. Dieser Anteil ist jedoch kleiner, als der Beschäftigungsanteil. «Wir haben hier eine Branche, die unterdurchschnittliche Löhne bezahlt», erklärte Telser. Das sei nicht erstaunlich, weil es sich um eine personalintensive Branche handle.

Im interkantonalen Vergleich zeigt die Studie, was bereits bekannt ist: Obwohl im Aargau die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen durchschnittlich ist, wendet der Kanton deutlich weniger Mittel auf als die meisten anderen Kantone. Die kantonalen Beiträge an die Prämienverbilligung und die kantonalen Gesundheitsausgaben pro Kopf liegen deutlich unter dem Durchschnitt. Während die Kantone 2010 im Schnitt 20 Prozent ihrer Steuereinnahmen für das Gesundheitswesen ausgaben, waren es im Aargau nur 15 Prozent.

Auch bei den gemeinwirtschaftlichen Leistungen an die stationären Einrichtungen ist der Kanton Aargau an drittletzter Stelle. Die Kantone bezahlten durchschnittlich 1471 Franken pro stationären Fall. Vor allem die Westschweizer Kantone unterstützen ihre Spitäler grosszügig. Der Kanton Genf etwa bezahlte fast 7000 Franken pro stationären Fall. Der Aargau hingegen unterstützte die stationären Einrichtungen im Jahr 2015 nur mit 180 Franken pro Fall. Über gemeinwirtschaftliche Leistungen werden Angebote finanziert, die nicht über die Krankenkasse versichert sind, zum Beispiel Weiterbildungen von Ärzten.

Nur mit Blick aufs Ganze sparen
Obwohl der Kanton bereits kosteneffizient arbeitet, wird es weiterhin darum gehen, Gesundheitskosten zu senken. Die Studie zeigt auch dazu Möglichkeiten auf. Der Kanton könne etwa bei Beiträgen an die Prämienverbilligung ansetzen, «ambulant vor stationär» vorantreiben oder gemeinwirtschaftliche Leistungen kürzen. Es sei aber bei jeder Massnahme wichtig, das Gesamtsystem im Auge zu behalten. «Sonst besteht die Gefahr, dass die eingesparten Kosten an einem anderen Ort Mehrkosten verursachen oder zu einem Leistungsabbau führen», sagte Telser.

Tiefere Beiträge an die Prämienverbilligung könnten dazu führen, dass mehr Menschen auf Sozialhilfe oder Ergänzungsleistungen angewiesen seien. Werde bei gemeinwirtschaftlichen Leistungen gekürzt, komme dies meistens einem Leistungs- und Qualitätsabbau gleich. Bei der Strategie «ambulant vor stationär» stelle sich die Frage, ob die Spitäler die Umsatzverluste einsparen können.

Laut Telser hängt dies vor allem davon ab, ob die Spitäler ambulante Strukturen schaffen können. «Kleine Spitäler könnten gezwungen sein, ambulante Operationen weiterhin in stationären Einrichtungen zu erbringen.» Dann wäre der OP-Saal am morgen durch ambulante Patienten belegt, was das ganze Programm durcheinanderbringen, die Effizienz verschlechtern und zu höheren Kosten führen könnte.

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