Tausende nahmen Abschied von Pfarrer Ernst Sieber

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Pfarrer Ernst Sieber (91) ist am 19. Mai gestorben. KEY

Ob jung oder alt, zu Fuss oder mit dem Velo, mit Gehhilfe oder im Rollstuhl, in gesunden oder vom Leben gezeichneten Körpern: Es sind mehrere hundert Personen, die am Samstagnachmittag zum Pavillon auf den Platzspitz beim Zürcher Hauptbahnhof kommen. Sie alle sind aus dem gleichen Grund hier: Sie wollen dem am Pfingstsamstag im Alter von 91 Jahren verstorbenen Pfarrer Ernst Sieber gedenken. Es ist bereits die zweite Abdankung für ihn diese Woche. Die Erinnerungsfeier auf dem Platzspitz ist für den Teil der Gesellschaft gedacht, für die Sieber gelebt und gewirkt hat – alle.

Vertreten sind die Stiftung der Sozialwerke Sieber und die Stiftung Puureheimet Brotchorb – die erste Institution, die Sieber 1981 gründete. Stände und Pavillon sind mit Fotografien Siebers dekoriert. Vereinzelt brennen Kerzen. Auf dem Rasen ist ein Gehege eingezäunt. Darin fressen zwei Geissen gerade Heu. Für die Anwesenden gibt es Bratwurst mit Brot, Kaffee und Kuchen. Sie trinken, von der Hitze durstig, Wasser oder Apfelschorle. Wenige halten eine selbst mitgebrachte Dose Quöllfrisch in der Hand.

Der Platzspitz ist ein Ort, der ihm entsprach: offen für alle. Mehr aber noch entschied Sieber an diesem Ort, seine Stiftung Sozialwerke Pfarrer Sieber zu gründen. Es war die Zeit, als auf dem Platzspitz in den 1980er-Jahren die offene Drogenszene grassierte und sich Siebers gelebte Nachfolge Christi der Gesellschaft zeigte: Ohne Berührungsängste nahm er sich der zerlumpten, kranken und verstossenen Süchtigen an. Oft sagte er zu ihnen und allen anderen, die Hilfe brauchten: «Du bisch nöd elei, du söllsch nöd elei bliibe.»

«... es gibt für alle genug»
Genau diese Worte wiederholt auch Christoph Zingg, Gesamtleiter der Sozialwerke Pfarrer Sieber, bei der Eröffnung der Abdankungsfeier, deren Motto lautete: «Lasst euch verwöhnen, esst und trinkt – es gibt für alle genug.» Es sind diese «Sieber-Werte», in denen man auch in Zukunft weiter machen werde, wie Zingg sagt. Den «Sieber–Stempel» nennt es Vanessa Oelz, Präsidentin der Sozialwerke Pfarrer Sieber. Sie wird die Werke nun in die Zeit nach ihm führen. Deshalb erinnert sie in ihrer Ansprache an seine Grundsätze, die er bedingungslos vertrat: die unbedingte Zuwendung, die Bildung von Gemeinschaft und nicht zuletzt Bescheidenheit. Liebevoll sei er zu allen gewesen, und seiner charismatischen Präsenz habe sich niemand entziehen können. Man bleibe weiterhin im Sinne von Sieber im Einsatz. Ersetzen jedoch könne ihn niemand. «Dasch unmöglich», ruft eine Anwesende.

Nicht nur Vertreter von Siebers Werken halten Ansprachen. So treten auch SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr, Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP), Kirchenratspräsident Michel Müller und Thomas Schlag von der Theologischen Fakultät der Universität Zürich ans Mikrofon. Weil Sieber gerne selber sang, darf auch seine ehemalige Band um Sänger Winston Blue nicht fehlen, die den eigens komponierten «Pfuusbusblues» zum Besten gibt. Aber auch die Band Funkaroo, Marcel Buergi, Andrew Bond und Toni Vescoli spielen auf dem Platzspitz auf. Die Anwesenden klatschen, lachen und honorieren die Musiker mit Jubelrufen. Der Geist Siebers liegt an diesem Nachmittag nicht nur in der Luft, er findet sich in den Anwesenden, den Geschichten hinter ihren Gesichtern, dem Platzspitz, den Reden und Darbietungen. Alles zusammen spricht Siebers oft gesagte Worte: «Lueged ane, stönd zäme und gönd go hälfe.»

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