Knatsch um Whatsapp-Klassenchats: Brugger Schulleiter kontert Kritik

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Neu ist die Verwendung der App nämlich erst ab 16 Jahren erlaubt. (Symbolbild) © Keystone

Wie die «SonntagsZeitung» am Wochenende berichtete, haben die geänderten Richtlinien des Messenger-Dienstes Whatsapp Folgen für Schweizer Schulen. Neu ist die Verwendung der App nämlich erst ab 16 Jahren erlaubt. Das ist ein Problem für Klassenchats zwischen Lehrern und Schülern, diese sind weit verbreitet. Peter Merz, Schulleiter in Brugg, hatte im Interview mit der «SonntagsZeitung» dafür plädiert, Eltern und Schulkinder um ihre Einwilligung zu bitten, damit die Klasse weiterhin Whatsapp benutzen darf.

In einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» kritisiert Lehrerpräsident Beat Zemp den Vorschlag von Merz. «Ich sage es klipp und klar: Whatsapp ist für die Kommunikation zwischen Lehrpersonen und Schülern komplett ungeeignet.» Das habe der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) schon vor drei Jahren zusammen mit Lehrerdachverbänden aus Deutschland und Österreich in einem gemeinsamen Leitfaden so festgehalten. «Peter Merz soll sich an die Empfehlungen in unserem Leitfaden halten. Wir haben dort präzise aufgezeigt, was sich eignet und was nicht», wird Zemp zitiert.

Peter Merz ist etwas überrascht, welche Wellen die Thematik in der Zwischenzeit geworfen hat. Zemps Kritik nimmt der Aargauer Schulleiter relativ gelassen hin: «Der LCH erlässt zu allen möglichen Themen Richtlinien. Für mich ist aber entscheidend, was Kanton und Gemeinden vorschreiben – nur das ist rechtlich verbindlich.» Deshalb hat Merz am Montag Kontakt mit dem Rechtsdienst des Departements Bildung, Kultur und Sport (BKS) aufgenommen. «Das BKS wird zusammen mit der Datenschutzbeauftragten Gunhilt Kersten das Thema diskutieren.» Er verspreche sich davon eine Klärung des Handlungsspielraums, sagt Merz.

Empfehlung bräuchte Zeit
Simone Strub, Leiterin Kommunikation beim BKS, bestätigt gegenüber der AZ die Anfrage von Merz. «Ob daraus eine Empfehlung an die Schulen resultiert, hängt von der Beurteilung durch die Datenschutzbeauftragte ab. Grundsätzlich ist die Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern Angelegenheit der jeweiligen Schule», hält Strub fest. Wie man in den Medien lesen könne, seien sich offenbar auch diverse Fachleute nicht einig. «Deshalb ist davon auszugehen, dass die Ausarbeitung einer Empfehlung nicht innert kürzester Zeit erfolgen würde.»

Die Lehrpersonen wären aber sehr froh über eine zeitnahe Lösung, wie Elisabeth Abbassi, Präsidentin des Aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes, sagt: «Die Regelung, dass Whatsapp nicht mehr genutzt werden kann, finde ich ärgerlich. Und ich sehe eigentlich auch keinen Grund, der die Alterseinschränkung rechtfertigen würde.» Trotzdem ist für Abbassi klar: «Die Lehrpersonen können die App nicht mehr nutzen, um mit den Schülern zu kommunizieren.» Deshalb werde jetzt an vielen Schulen nach neuen Lösungen gesucht. Diese brauche es dringend, denn das Klassentelefon von einst würde in der heutigen Zeit nicht mehr funktionieren. Für die Zukunft sieht Abbassi auch die Möglichkeit einer neuen App: «Würden sich die Schweizer Bildungsdirektoren zusammentun, müsste es doch möglich sein, so etwas zu einem vernünftigen Preis zu entwickeln.»

«Niemand wird gezwungen»
Der Schweizer Lehrerpräsident Beat Zemp sieht das Problem mit Whatsapp und Facebook darin, dass die Nutzerdaten nicht sicher seien. «Auf keinen Fall dürfen Kinder von Schulen unter Druck gesetzt werden, diese Dienste zu nutzen», sagt er dem «Tages-Anzeiger».

Schulleiter Merz stellt klar, dass die Kommunikation via Whatsapp in Brugg nur die Oberstufe betreffe, für die Unter- und Mittelstufe gebe es andere Kommunikationswege. «Und auch an der Oberstufe zwingen wir natürlich niemanden – wir setzen auch nicht voraus, dass jeder ein Handy hat. Bei uns stehen aber nicht Verbote im Vordergrund», stellt Merz klar. «Wir wollen lieber mit den Schülern die Gefahren und Risiken diskutieren, die mit der Freiheit des Internets einhergehen.» Whatsapp sei für kurzfristige Informationen sehr nützlich. «Tatsache ist, dass die meisten Klassen einen Gruppenchat haben. Manche haben einen zweiten, in dem auch der Lehrer dabei ist.» Was für Informationen werden denn über solche Chats ausgetauscht? «Zum Beispiel, dass die Schüler am nächsten Tag die Badesachen mitnehmen sollen, eine Lehrperson ausfällt oder sich ein Schüler abmelden möchte», erklärt Merz.

Nebst Whatsapp steht den Lehrerinnen und Lehrern für die Kommunikation auch «educanet²» zur Verfügung, eine Plattform für Bildungsinstitutionen. Auch hier kann man Mitteilungen verschicken oder chatten – «allerdings nicht übers Handy», stellt Merz klar.

Zemp nennt als weitere mögliche Alternativen zu Whatsapp den Schweizer Messenger-Dienst Threema. Bei dieser App würde «die Sicherheit der Nutzer sehr hoch gewichtet», so Zemp. Dazu sagt Merz: «Müssten die Schüler nebst Whatsapp eine weitere App nutzen, würde die Zuverlässigkeit des Informationsflusses abnehmen.» Die Schüler würden erfahrungsgemäss nur auf einer Plattform chatten.

Grünen-Präsident fordert Klarheit

Grossrat Daniel Hölzle (Grüne) möchte mit einer Interpellation mehr Klarheit für Lehrpersonen und Schulleitungen schaffen. Er fragt den Regierungsrat unter anderem, ob aus dessen Sicht Lehrer und Schüler grundsätzlich über Whatsapp kommunizieren dürfen, ob eine Einwilligung der Eltern nötig sei, und ob die Regierung Alternativen empfehlen könnte. Zudem will er wissen, ob das Bildungsdepartement bereit ist, ein Merkblatt zu erstellen und ob Lehrpersonen, die weiterhin über Whatsapp mit Schülern kommunzieren, rechtliche Folgen zu befürchten hätten.

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