«Macht ein Verein nichts, hat er auch keinen Nachwuchs»

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Die Schweizer Fahne im Fokus: Die Besten des Landes kämpfen am 13. und 14. Juli auf den Trinermatten um Titel und Limiten. (Bild: Michael Wyss)

Waren Sie in jungen Jahren ein guter Leichtathlet?

Peter Brühlmann: Überhaupt nicht. Ich war Geräteturner, war in einem Turnverein und dort sogar eine Zeit lang Oberturner. Selbst habe ich etwas Kugelstossen und Pendelstafetten gemacht, aber ich hatte bei den Aktiven nie eine Lizenz.

An was hat es gefehlt?

Ich bin am Walensee aufgewachsen und das hat man bei uns gar nicht so gekannt. Bei uns hat man mehr geturnt.

Wann und wie sind Sie mit der Leichtathletik in Kontakt gekommen?

Erst, als ich 1984 nach Zofingen gekommen bin. Ich wollte wieder in einen Turnverein und als Erstes wurde ich gefragt: «Was bist Du, Handballer oder Leichtathlet?» Ich sagte: «Weder noch.» Dann soll ich bei den Leichtathleten vorbeischauen, wurde mir geraten. Schliesslich hat Anfang 90er-Jahre ein Trainer mit seinem Engagement aufgehört. Es sind zehn Kinder dagestanden und ich habe mich mit zwei Müttern dazu entschieden, das Amt zu übernehmen.

Was ist Ihre Lieblingsdisziplin im Leichtathletik-Bereich?

Ich habe sogar zwei Lieblingsdisziplinen: Speerwurf und Hürdenlauf. Im Speerwerfen habe ich Corina Haller bis zum Nachwuchs-Schweizer-Meister-Titel begleitet. Und der Hürdenlauf ist für mich einfach eine wunderschöne Disziplin – zum Zuschauen und zum Trainieren.

In welcher Disziplin wären Sie gerne Weltmeister oder Olympiasieger geworden?

Dann würde ich mich auch für die Hürden entscheiden.

In knapp vier Wochen, am 13./14. Juli, finden in Zofingen keine Weltmeisterschaften, aber immerhin Schweizer Meisterschaften statt. Was überwiegt momentan: Druck oder Vorfreude?

Es hält sich momentan die Waage. Nach Gesprächen am Pfingstmeeting mit einigen Athletinnen und Athleten freue ich mich, dass sie sich auf die Wettkämpfe in Zofingen freuen. Druck ist aber auch vorhanden und er kommt wahrscheinlich noch mehr. Die Fragen sind: «Funktioniert wirklich alles oder gibt es noch Dinge, die wir vergessen haben?» Aber mit dem Druck muss und kann ich leben.

Wie gross ist der Aufwand, solche Meisterschaften durchführen zu können?

Das ist enorm schwierig zu sagen. Er ist aber sicher um einiges grösser als bei einem Pfingstmeeting. Das ganze Umfeld mit Fernsehen und den VIPs ist viel grösser. Zudem müssen noch verschiedene zusätzliche Auflagen des Verbandes erfüllt werden und die Aufbauten mit grösserem Restaurant werden uns mehr beanspruchen. Der Wettkampf selber ist meines Erachtens kein Problem.

In welcher Grössenordnung beansprucht Sie ein solcher Grossanlass?

Das ist sehr unterschiedlich. Ich war zuletzt sicher jede Woche ein paar Stunden damit beschäftigt.

Und der Aufwand lohnt sich letztlich weshalb? Ist es eine Frage des Images oder der Einnahmen?

Zuallererst ist es eine gute Sache für unseren Nachwuchs. Sicher ist es aber auch positiv für unser Image und am Schluss sollte auch finanziell etwas rausschauen, das wir wieder in die Jugend investieren können. So, wie es aussieht, wird das aber eher ein bescheidener Betrag.

Wann würden Sie von gelungenen nationalen Titelkämpfen sprechen?

Von gelungen spreche ich, wenn erstens alle Disziplinen reibungslos über die Bühne gegangen sind. Zweitens, wenn die Athleten, Betreuer und Zuschauer Spass gehabt haben. Und wenn wir drittens am Schluss schwarze Zahlen schreiben.

Was ist Ihre grösste Sorge?

Meine grösste Angst ist, dass das Wetter nicht mitspielt. Es wäre schlimm, wenn wir unterbrechen oder den Anlass sogar absagen müssten.

Sie sind seit gut zehn Jahren Chef Meetingorganisation des TV Zofingen Leichtathletik. Wie kommt man zu diesem zeitaufwendigen Job?

Ich bin irgendwie reingeraten. Mein Vorgänger Röbi Frösch hat irgendwann gesagt, er mache das nicht mehr. Es solle jetzt ein Jüngerer ran. Aber es waren nicht so viele da.

Und wie wird man ihn allenfalls wieder los?

Einen solchen Job wirst du nicht einfach wieder los. Bei uns im Verein haben allerdings die ersten Gespräche stattgefunden, damit ich es nicht noch einmal zehn Jahre machen muss. Ich möchte möglichst bald ins zweite Glied zurücktreten. Aber ich lasse sicher nicht von einem Moment auf den anderen alles fallen.

Gibt es auch Momente, in denen Sie nicht mehr mögen?

Die gibt es auf jeden Fall.

Und was macht man dagegen?

Durchatmen, nach vorne schauen und auf die Trinermatten fahren. Wenn ich sehe, wie die Kinder trainieren, muss ich sagen: «Doch, es lohnt sich.»

Wie profitieren Sie in der Organisation der Schweizer Meisterschaften von den Erfahrungen des alljährlich stattfindenden Pfingstmeetings?

Einerseits profitieren wir davon, dass man uns bereits kennt. Andererseits haben wir nach 43 Pfingstmeetings eine gewisse Ahnung, wie man einen solchen Anlass durchführen muss. Wir haben auch immer versucht, auf die Pfingstmeetings die Infrastruktur auf Vordermann zu bringen. Es sollen keine Wald- und Wiesen-Veranstaltungen sein. Was völlig anders ist, ist der Zeitplan, der an Schweizer Meisterschaften weiter gesteckt ist.

In Zofingen werden noch einige Cracks um die Limite für die Europameisterschaften vom 7. bis 12 August in Berlin kämpfen. Wo steht die Schweizer Leichtathletik im Vergleich zum Ausland überhaupt?

Wir sind auf dem aufsteigenden Ast. Das sieht man auch an den Teilnehmerfeldern an internationalen Wettkämpfen wie EM oder WM. Man merkt es aber auch an der Jugend, es gibt viel mehr Junge, die Leichtathletik betreiben.

An was fehlt es, um eventuell noch weiter nach vorne zu kommen?

Es ist verrückt: am Geld. Der Verband müsste mehr Geld zur Verfügung haben. Je besser die Leistungen sind, umso einfacher ist es auch, Sponsoren zu finden.

Die vorhandenen Strukturen würden genügen?

Von all den Trainern in den Vereinen wird eine riesige ehrenamtliche Arbeit geleistet. Auch in diesem Bereich müsste man schauen, dass mehr finanzielle Mittel vorhanden sind. Es braucht viel Freude, aber der Druck würde für die Trainer kleiner, wenn sie – wie in anderen Sportarten – finanziell unterstützt würden.

Braucht es mehr zentrale Leistungssportzentren?

Man hat in den letzten Jahren begonnen, regionale und kantonale Kader aufzubauen. Im Aargau haben wir beispielsweise Kader und eine Sportkanti, in der die Trainer zur Verfügung gestellt werden. Es ist sicher besser geworden in den letzten Jahren, aber die Strukturen können noch weiter perfektioniert werden.

Fehlt auch die ideale medizinische Unterstützung?

Auch in diesem Bereich hinken wir noch ein wenig hinterher.

Es gibt legale und unerlaubte Mittel. Haben andere Nationen weniger Skrupel, an die Grenze oder sogar darüber hinaus zu gehen?

Eventuell. Ich bin aber sehr froh, dass in der Zwischenzeit Länder für Grossanlässe wegen Dopingvergehen gesperrt wurden. Ich bin ein grosser Gegner von Doping. Wenn ich mitbekommen würde, dass einer unserer Athleten dopt, würde er von mir keine Unterstützung mehr erhalten. Der Sport soll Freude machen, die Gesundheit fördern und sie keinesfalls schädigen. Wenn man nur noch mit Doping an der Spitze dabei sein kann, müssen wir aufhören.

Ist es manchmal nicht deprimierend, dass Spitzenleistungen immer wieder mit Doping in Verbindung gebracht werden?

Das ist sehr deprimierend, vor allem für diejenigen, die auch eine Riesenleistung erbringen und nicht nachhelfen. Sie stehen im Schatten und selbst, wenn sie im Nachhinein zum Sieger erklärt werden, ist das nicht mehr gutzumachen.

Machen die Verbände genug gegen die «schwarzen Schafe»?

Ich habe das Gefühl, es wird dort ab und zu eine Auge zu viel zugedrückt. Man müsste knallhart sein.

Betreibt der TVZ eine Doping-Sensibilisierung oder -Prävention?

Machen wir im kleinen Rahmen, beispielsweise mit «Cool & Clean».

Irgendwann ist das Optimum erreicht, Weltrekorde werden nicht mehr verbessert. Was geschieht dann mit der Leichtathletik?

Kein Baum wächst in den Himmel, aber es kommen wieder junge Bäume, die gleich gross werden. Irgendwann kommt der menschliche Körper an eine Grenze. Beispiel 100-m-Lauf: Wenn du wirklich immer schneller wirst, müsstest du ja irgendwann bei null sein – und das ist unmöglich. Es tut dieser wunderbaren, vielseitigen Sportart aber keinen Abbruch.

Momentan ist das Interesse junger Menschen für die Leichtathletik aber noch ungebrochen, oder?

Es ist sogar eher am Steigen. Bei den Jüngsten müssen wir zum Teil sogar sagen, dass wir nicht mehr aufnehmen können. Outdoor geht es, aber in der Halle sind uns Grenzen gesetzt.

Dann muss der TVZ gar nichts unternehmen, um auch in Zukunft genügend Nachwuchs zu haben?

Das kann man so nicht sagen. Macht ein Verein nichts, hat er auch keinen Nachwuchs. Wir probieren, eine möglichst gute Nachwuchsarbeit zu leisten, mit dieser aber auch an die Öffentlichkeit zu treten.

Gibt es Medaillenchancen für eine Zofingerin oder einen Zofinger an den Schweizer Meisterschaften?

Für unsere Aktiven im Verein gibt es, meiner Ansicht nach, keine Medaillenchancen. Es wäre schön, aber wir sind momentan ein Stück weit davon entfernt. Wir haben jedoch mit Jan Hochstrasser und Daniela Kyburz immerhin zwei ehemalige Zofinger, denen man das zumuten kann. 

 

Peter Brühlmann ist 61-jährig und wohnt seit 34 Jahren in Zofingen. Aufgewachsen ist er in Walenstadt SG, von wo aus er 1984 in die Thutstadt zog. Er ist geschieden, lebt aber wieder in einer Beziehung. Aus seiner Ehe stammen die beiden Töchter Martina (33) und Ursina (32). Der eidgenössisch diplomierte Obergärtner mit Fachausweis besitzt ein Blumen-geschäft und ist Friedhofgärtner auf dem «Bergli» in Zofingen. Er ist seit mehr als zehn Jahren Chef Meetingorganisation beim TV Zofingen Leichtathletik und OK-Präsident der Schweizer Meisterschaften vom 13./14. Juli.

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