«Polizisten sollen auf ihren Beruf stolz sein»

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Thomas Jenelten ist Polizeiseelsorger, für das Foto posiert er deshalb mit der Kommandozentrale der Kantonspolizei Aargau im Hintergrund. (Bild: S. ARDIZZONE)

Polizeiseelsorger Thomas Jenelten spricht ruhig, in dezenter Walliser Mundart. Er nimmt sich Zeit, Fragen zu beantworten. Auch in seinem Berufsalltag gilt: Zuhören, strukturieren und ordnen – vor allem in Situationen, in denen sich alles aufzulösen droht. Bei traumatogenen Ereignissen wie Suizid, Tod von Angehörigen oder schweren Einsätzen mit Kindern. Kurz: Situationen, auf die sich nicht einmal Polizisten vorbereiten können.

Klingelt das Telefon und es heisst: «Thomas, chasch verschiebe?», weiss Jenelten: «Jetzt esch es ernst.» Wichtig sei dann, die nächsten Schritte gemeinsam zu gehen und Führung zu übernehmen. «Meist tun es simple Fragen wie: Willst du ein Glas Wasser? Wie kommst du nach Hause? Wer schaut auf dich, wenn du daheim bist.» Solch schwere Situationen kommen aber selten vor, sagt Thomas Jenelten.

Der 59-Jährige erfüllt ein 20-Prozent-Pensum, ist für Regional-, Stadt- und Kantonspolizisten zuständig. «Meine Aufgabe besteht hauptsächlich darin, da zu sein.» Präsenz zeigen sei wichtig. «Die Polizisten müssen wissen, dass sie mir vertrauen können.» Jenelten ist seit acht Jahren Polizeiseelsorger. «Die Polizisten sagen mir, dass ihnen meine Präsenz ein gutes Gefühl gibt – auch wenn sie mich nicht brauchen», sagt Jenelten. Er beschreibt sich selbst als Anker: «Ich bin da, 24 Stunden am Tag.» Der Polizeiseelsorger besucht Posten, Rapporte oder begleitet Dienste. «In so einer Nachtschicht hat man ganz viel Zeit, um über das Leben und mögliche Probleme zu sprechen.» Besteht Redebedarf, kommen die Beamten einfach auf ihn zu: «Thomas, wemmer en Kafi go neh?», fragen die meisten. Probleme im Job oder schwere Einsätze stehen aber nicht immer im Vordergrund der Gespräche: «Viele Sorgen drehen sich um Beziehungsthemen. Der immer wechselnde Schichtbetrieb und die Angst um den Partner im Dienst belasten die Beziehung.» Jenelten hilft nicht, indem er Tipps gibt. «Primär höre ich einfach zu und probiere die Situation zu klären. Gemeinsam schauen wir, wie wichtig einem die Beziehung ist, in welche Richtung man weitergehen will und ob vielleicht eine andere Stelle bei der Polizei besser wäre.»

Polizistenkinder getauft
Der Glaube sei in den Gesprächen fast nie ein Thema. «Vielleicht stellt sich in der Unterhaltung heraus, dass jemand einen religiösen Boden hat. Aber viele haben das nicht.» Jenelten geht diskret damit um. «Meine Aufgabe ist es ja nicht, zu missionieren, sondern einfach da zu sein.» Trotzdem kommt es vor, dass Jenelten angefragt wird, Abdankungen oder Segensfeiern zu organisieren: «Ich habe auch schon Polizistenkinder getauft.»

Ein weiterer Teil seiner Arbeit sind Kurse, die er zusammen mit dem Polizeipsychologen durchführt. Im Kurs «Im Polizeialltag gelassen sein» werden Themen wie die richtige Einstellung und Entspannungstechniken besprochen. Im Ethikkurs gehts um Grundsatzfragen: «Mit welchen Werten bin ich unterwegs? Ich weiss, wie ich mich in gefährlichen Situationen verhalten soll, aber kann ich das auch so umsetzen?» Jenelten: «Ziel ist auch, dass sich die Polizisten untereinander besser kennen lernen und andere Meinungen hören.» Das steigere und stärke das Gemeinschaftsgefühl. «Die Polizisten sollen lernen, stolz darauf zu sein, dass sie so einen Beruf ausüben können.»

Jenelten ist Katholik, studierte Theologie in Freiburg, war über 15 Jahre lang Pfarreileiter der Aarauer Pfarrei Peter und Paul. 2009 bewarb er sich als Polizeiseelsorger: «Mich interessierte die Welt der Polizei. Ich hatte das Gefühl, ich müsse das jetzt machen – ohne zu wissen, was wirklich auf mich zukommt», sagt er. Seine Stelle war gerade neu eingerichtet worden. Die Regierung diskutierte lange darüber, ob Polizeiseelsorge überhaupt nötig sei. Schliesslich gebe es bereits den Polizeipsychologen. Jenelten arbeitet viel mit dem Psychologen zusammen. «Und dadurch, dass es auch mich gibt, haben die Polizisten noch einen Ansprechpartner mehr», sagt Thomas Jenelten. «Es war von Anfang an klar, dass wir uns nicht konkurrenzieren, sondern unterstützen werden.»

«Rupperswil war erschütternd»
Nach bald acht Jahren im Amt kennt Jenelten die Organisation der Polizei und vor allem deren Angestellten. «Die Kultur, bei der Polizei über Probleme zu reden, ist nicht schlecht. Aber viele bauen eine Schutzwand auf.» Eine Schutzwand, die Jenelten selbst nicht hat. «Es ist nicht meine Stärke, alles schön zu trennen. Einige Gespräche und Situationen beschäftigen mich auch privat.» Der Vierfachmord in Rupperswil zum Beispiel: «Das war eine ziemliche Erschütterung – auch für die Polizisten.» Weitere Details kann Thomas Jenelten aufgrund der Schweigepflicht nicht preisgeben. Auch in Erinnerung geblieben ist ihm ein Nachtdienst an Heiligabend: «Ich habe eine Patrouille begleitet und es kam zu mehreren Interventionen in verschiedenen Orten. Und in jedem Dorf, in dem wir ankamen, haben die Glocken der Kirchen zum Gottesdienst geläutet.»

Jenelten, ursprünglich aus Visp im Wallis, bringt sich mit lesen und schreiben auf andere Gedanken: «Und ich bin Berggänger, das bringt mir den nötigen Ausgleich.» Sein Beruf bringe aber auch viel Gutes mit sich, wie Vertrauen, oder das Gefühl des Willkommenseins. Der 59-Jährige ist sich sicher: «Manche Beamten werde ich auch noch nach meiner Pension begleiten.»

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