Eine Familie, drei Länder: Für die Beccarellis wird das Spiel gegen Costa Rica zur Zerreissprobe

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Kattia und Mattia (v. l.) tragen ein Costa-Rica-Shirt, Gianni hält zu Italien und Milena unterstützt die Schweiz. (Bild: Alex Spichale)

Auf dem Papier ist an der Familie Beccarelli aus Hausen eigentlich gar nichts Schweizerisches. Vater Gianni (51) ist Italiener, Mutter Kattia (51) stammt aus Costa Rica. Und auch die beiden Kinder, Milena (23) und Mattia (17), besitzen keinen Schweizer Pass. Integriert sind sie aber bestens.

Beccarellis wohnen in einer neuen Überbauung inmitten von Hausen. Hier besitzen sie eine Wohnung mit Garten. Wir klingeln, drinnen ertönt ein Bellen. Gianni öffnet die Tür, hält den aufgeregten Hund Vasco zurück, der dem Besuch gerne um die Beine gewuselt wäre. Im Fernseher läuft ein Musikclip mit dem lateinamerikanischen Star Enrique Iglesias. In der Vitrine stehen Souvenirs von den vielen Reisen der Familie.

Für das Foto ziehen sich alle Familienmitglieder ein Trikot über. Die Vielfalt erstaunt: Gianni trägt das Italien-Shirt (er kann nicht anders, auch wenn die Azzurri für einmal nicht an der WM mittun), Kattia ein gelbes mit Costa-Rica-Schriftzug, Mattia das offizielle Trikot der Ticos und Milena, ja Milena hat sich für ein Oberteil mit Schweizer Kreuz entschieden.

Zwischen Gölä und Maluma
Die 23-Jährige bezeichnet sich als Schweizerin. Sie ist die Einzige in der Familie, die den Schweizer Pass beantragen will. Sie arbeitet in einem Kinderhort, macht bei der Fasnachtsgruppe Amphi-Flitzer aus Windisch mit, hört gerne Gölä, Trauffer und andere Mundart-Künstler. «Die Schweiz ist für mich Heimat», sagt sie klar.

«Auswandern käme für mich überhaupt nicht infrage.» Vater Gianni meint: «Milena ist auch von der Mentalität her eher Schweizerin. Schon als kleines Kind war sie ruhig und zurückhaltend.» Das habe sich erst nach der Pubertät etwas geändert, sagt er und lacht.

Mattia hingegen ist das pure Gegenteil seiner Schwester. Er hat wilde Zeiten hinter sich, wurde erst in letzter Zeit ruhiger. «Ich würde mich als Ausländer bezeichnen», sagt er. Am ehesten als Italiener. Beim FC Windisch spielt er in der 1. und 2. Mannschaft als Innenverteidiger, seine Kollegen sind aus Albanien, Serbien und Italien. Sich einbürgern zu lassen kommt für ihn – zurzeit jedenfalls – nicht infrage. Mattia liebt Latino-Musik. Für das Konzert von Maluma, einem kolumbianischen Reggaeton-Sänger, im Herbst in Zürich hat er sich Tickets ergattert. In die Heimat seiner Mutter Kattia zieht es ihn vor allem wegen des Surfens.

Kattia kam vor 25 Jahren – ziemlich überstürzt – in die Schweiz. Grund dafür: Gianni. Der Secondo flog im Dezember 1992 für einen dreimonatigen Sprachaufenthalt und Ferien nach San José, in die Hauptstadt Costa Ricas. Dort traf er Kattia – und verliebte sich. Er musste in die Schweiz zurück, Kattia reiste ihm im Sommer 1993 nach. Es folgte eine Blitzhochzeit, da Kattia ansonsten nur drei Monate hätte bleiben können.

Das Temperament gezügelt
Für die Costa Ricanerin begann eine schwierige Zeit. «Die Integration, das Deutsch, alles ist schwierig gewesen», erinnert sie sich. «Zum Glück hatten viele Schweizer Geduld mit mir und haben mir geholfen, Deutsch zu lernen. Für Lateinamerikaner ist es echt nicht einfach in der Schweiz.»

Auch Gianni unterstützte seine Frau, so gut es ging, mit seinem Netzwerk. Seine Schwester und Cousinen nahmen Kontakt auf mit Kattia. Dadurch lernte diese auch rasch Italienisch. Kattia merkte vor allem, dass sie ihr Temperament etwas zügeln musste. «Wir Ticos sind sehr offen, umarmen auch fremde Menschen», erklärt sie. «Und wir fluchen oft.» Schweizer würden eher auf Distanz gehen. Aber: «Die Schweizer haben sich in den letzten Jahren geöffnet», findet Gianni, der übrigens einen der schweizerischsten Jobs überhaupt ausübt: Er ist Zugchef bei den SBB. «Die jüngere Generation ist multikulti. Das sieht man nicht zuletzt auch an der Schweizer Nati.»

Dass sie sich in den letzten 25 Jahren an die Schweiz gewöhnt hat, merkt Kattia daran, dass sie sich in ihrem Heimatland nicht mehr ganz wohl fühlt. In Costa Rica sei es manchmal gefährlich, in der Schweiz fühle sie sich sicher. «Costa Rica ist chaotisch», meint sie.

Kino Beccarelli
Das hat sich allerdings etwas auf die Familie übertragen. «Bei uns im Haus herrscht Chaos», geben die Beccarellis unumwunden zu. Leute gehen ein und aus. Und diskutiert wird manchmal laut. «Wir nennen das Kino Beccarelli», scherzt Gianni und lacht herzlich.
Die Leidenschaft kommt auch beim Sport zum Tragen.

Die ganze Familie wird heute Abend beim Spiel Costa Rica - Schweiz den Ticos die Daumen drücken. Nur Milena schert aus und unterstützt die Eidgenossen. Sie tippt 2:1 für die Schweiz, Mattia hingegen glaubt, dass Costa Rica 1:0 gewinnen wird. «Einen Sieg erwartet niemand von ihnen und sie haben einen Super-Goalie», begründet er. Gianni sagt ein 3:1 für die Schweiz voraus, obwohl er die Ticos unterstützt. Auch Kattia ist pessimistisch. Sie meint, dass die Schweiz 1:0 gegen ihr Heimatland gewinnen wird.

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