Der Wirbel um den Cervelat

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Chefredaktor Philippe Pfister.

Diese Woche versetzte die Schweizer Nationalwurst die Region in Aufregung. Verantwortlich für den Wirbel, wieder einmal: SVP-Nationalrat Andreas Glarner. Geschickt und mit viel Getöse setzte er via Facebook die Geschichte von einem angeblichen Cervelat-Verbot in die Welt, das sich an Anlässen für Kinder ausbreite. Grund sei das Schweinefleisch, das in den Würsten stecke: Aus Rücksicht auf muslimische Kinder würden Schweizer Eltern dazu angehalten, ihren Kids keine Cervelats mehr mitzugeben.

In die Schlagzeilen kam im Sog von Glarners Facebook-Beiträgen die Schule Strengelbach. Dort hatte eine Lehrperson in einem Brief die Eltern gebeten, ihren Kindern für ein gemeinsames Essen kein Schweinefleisch mitzugeben. Von einem Verbot kann also nicht die Rede sein. Und zweifellos waren die Absichten der Lehrperson nur die besten: eingeübt werden soll an der gemeinsamen Tafel kulturelle Toleranz. Eine durchaus wichtiges Projekt also.

Ist Glarners Wirbel also nur üble Hetze, wie viele sagen? Klar: Er ist ein begnadeter Selbstdarsteller, und nächstes Jahr sind Wahlen. Da kommt so ein Cervelat-Verbot natürlich gerade recht, auch wenn es sich beim genauen Hinsehen mehr oder weniger als Fake News entpuppt.

Einen Punkt hat Glarner trotzdem. Man kann sich die Briefpassage, wie sie in Strengelbach verschickt, auch anders zu vorstellen. Dass nicht darum gebeten wird, auf Schweinefleisch zu verzichten. Sondern darauf aufmerksam gemacht wird, dass bei einem solchen Anlass alles auf den Tisch kommt – und kein Kind gedrängt wird, von allem zu essen. Man kann sich also vorstellen, den Fokus auf andere Adressaten zu legen: Statt auf Schweizer Eltern auf eingewanderte Eltern von muslimischen Kindern.

In der Aufregung um den angeblich verbotenen Cervelat steckt nicht weniger als die Frage, wie unsere christlich geprägte Leitkultur anderen Kulturen – in diesem Fall der islamischen – begegnet. Diese Frage muss erlaubt sein. Und es reicht nicht, diese Frage im philosophischen Seminar zu beantworten. Sie muss im Alltag beantwortet werden – und dann sind halt Cervelats an Schulanlässen plötzlich keine Nebensächlichkeit mehr.

 Mehr Kommentare von Philippe Pfister finden Sie hier.

Ihr Eintrag wird nach einer Überprüfung online gestellt.

Die Cervelat - eine etwas andere Sichtweise

Christian BUGNARD
schrieb am 10.07.2018 00:53
Sehr geehrter Herr Pfister, Ihr Kommentar zum Wochenende ist interessant weil er zu einer etwas anderen Sichtweise einlädt. Verantwortlich für den Wirbel ist nicht etwa SVP Nationalrat Glarner, sondern die Lehrperson der Schule Strengelbach welche diesen Elternbrief verfasst hat. Natürlich steht nirgends etwas von einem Verbot, aber die Bitte auf Verzicht von Schweinefleisch ist doch unmissverständlich. Kulturelle Toleranz oder, wie der Gemeinderat Strengelbach schreibt, die Kinder unabhängig von Religion und Herkunft herzhaft zugreifen können, schreit geradezu nach einer Cervelat auf den Schweizer Schulstubentisch! Im letzten Absatz Ihres Kommentare ist Ihnen offensichtlich eine Verwechslung unterlaufen: Die Frage ist, wie andere Kulturen - in diesem Fall die Islamische - unserer christlich geprägten Leitkultur begegnen.
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