Preisgekrönte Maturaarbeit von Anaïs Treadwell verleiht der Flucht ein Gesicht

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Anaïs Treadwell: Für ihre Maturaarbeit erhält sie den Luzerner Religionspreis 2018. (Foto: André Widmer

Flucht: Für Anaïs Treadwell aus Beromünster ist dieses Wort auch aus familiären Gründen keine abstrakte Bezeichnung, sind ihre Grosseltern doch 1945 vor der Roten Armee aus Ostpreussen geflüchtet. Und darum ist die junge Michelsämterin auch entsprechend an ihre Maturaarbeit herangegangen und hat diese passend betitelt: «Der Flucht ein Gesicht geben. Ein Blick auf die zwei grössten Fluchtwellen der letzten hundert Jahre in Europa». Mit dem sehr eindrücklichen Werk aus Interviews und Biografien von Flüchtlingen des Zweiten Weltkriegs sowie von heute und der Aufarbeitung der politischen Entwicklungen als Auslöser der Fluchtbewegungen hat sie nun den Luzerner Religionspreis 2018 gewonnen. «Es gelingt der Autorin nicht nur, der Flucht ein Gesicht zu verleihen, sondern eine informative und gleichwohl offene Gestaltung zu finden, welche die Leserinnen und Leser bereichert und überdies die Frage nach anderen historischen Situationen der Flucht, nach weiteren Gesichtern und Schicksalen aufwirft», so die Jury. Anaïs Treadwell wird wohl erst in einem Jahr mit dem Universitätsstudium beginnen, eine Arbeit im Flüchtlingsbereich oder bei einer Hilfsorganisation ist für sie denkbar.

In ihrer Arbeit über Flucht und Flüchtlinge verfolgte Anaïs Treadwell einen ganz klaren Ansatz. «Ich wehre mich gegen die Abstrahierung, das Zusammenfassen. Es handelt sich nicht um eine gestaltlose Masse, sondern um Menschen dahinter. Ich würde mir wünschen, es gäbe mehr Aufmerksamkeit für das Individuum», erklärt sie. Hinter jedem dieser Menschen verberge sich eine Geschichte und auch die Geschichten von Verwandten. Bei ihrem Grossvater Fritz Bonin war es so, dass die Familie zunächst beim ersten Fluchtversuch aus Ostpreussen scheiterte, vor Danzig zwischen den Kriegsfronten steckenblieb. Als sie zurückkehrten und in ihrem Heimatdorf Hirschberg eintrafen, hatten sich schon Russen in ihrem Haus einquartiert – es blieb ihnen lediglich ein Zimmer. Fritz` Vater wurde dann von den Russen eingezogen, musste in ein Arbeitslager in Sibirien und starb schliesslich ein Jahr nach dem Krieg dort. Nach Kriegsende gingen Bonins endgültig weg aus ihrer Heimat. In Ostpreussen kam es zur Polnifizierung der Bevölkerung. Zwischen 1945 und 1950 wurden etwa 12 bis 14 Millionen Deutsche und Menschen deutscher Abstammung aus verschiedenen Ländern in Osteuropa vertrieben.

Anaïs Treadwell verleiht den Gesichtern in ihrer Arbeit dadurch eine Stimme, indem sie in der Maturaarbeit wie bereits erwähnt nicht nur die Biografie, sondern persönliche Interviews abdruckt. So wie mit Grossvater Fritz Bonin: «In «Reichsdeutschland» wurden wir miserabel behandelt, viel schlechter als die heutigen Flüchtlinge hier in der Schweiz. Wir waren unerwünscht – obschon wir demselben Volk angehörten. Das bekamen wir deutlich zu spüren. Auf der Insel Föhr ging es uns dann besser: Die Leute konnten uns gut in der Landwirtschaft brauchen. Mit der Zeit entwickelten einige Verständnis für unsere Lage. In die Schweiz zog ich als Arbeitskraft und nicht als Flüchtling. Die Schweiz brauchte qualifizierte Arbeitskräfte. Hier wurde ich gut aufgenommen. Im Beruf wurde ich geschätzt, weil ich eine gute Ausbildung hatte und tüchtig arbeitete. Dennoch musste auch ich mir hier gelegentlich das Schimpfwort: «Nazideutscher» anhören», wird er zitiert. Und weiter: «Eine Flucht ist immer ein Zwang, man flüchtet vor grossen Gefahren. Sie geschieht niemals freiwillig. Eine Flucht zeichnet ein Menschenleben sehr stark, sie bestimmt es.» Für Anaïs Treadwell war nicht nur die familiäre Vorgeschichte, sondern auch der Einzug von 80 Asylsuchenden in einer temporären Unterkunft in Gunzwil ein für sie nachhaltiges Erlebnis. Besonders prägend für sie die Begegnungen mit der Syrerin Hanan Zarah, die mit ihrer Mutter und Kindern in die Schweiz kam. Treadwell erklärt, dass Syrien einst ein hoch entwickeltes und wohlhabendes Land gewesen sei, mit einer Kultur, die sich stark von der unsrigen unterscheide, aber genau so wertvoll sei. Auch Hanan Zarah sei einst wohlhabend gewesen, bevor die Flucht begann. Über den Libanon und Deutschland gelang sie in die Schweiz. «In Aarau lebte die Familie während eineinhalb Jahren in der Asylunterkunft. Wegen ihrer guten Deutschkenntnisse wurde Hanan oft als Dolmetscherin für andere Flüchtlinge eingesetzt. In dieser Zeit musste sie als Frau mit Kopftuch Diskrimination und Fremdenhass erdulden und sich viel gefallen lassen», heisst es in der Maturaarbeit. Im Interview erzählt Hanan Zarah: «Für mich am prägendsten war die Zeit in den Asylunterkünften und als ich meinen Mann in Syrien verlassen musste. Als ich mit meiner Mutter und den Kindern allein war, musste ich sehr stark sein.»

In ihrem inhaltlichen Fazit zu ihren Recherchen hält Anaïs Treadwell fest, dass die Hypothese, wonach Fluchterfahrungen und Fluchtwellen vergleichbar seien, sich als richtig erwiesen hätte. Zwar seien die Ursachen unterschiedlich, doch die Einzelschicksale und damit die emotionale Ebene hätten viele Gemeinsamkeiten, so Treadwell. Sie sagt gegenüber dieser Zeitung: «Niemand flüchtet freiwillig. Menschen werden auf der Flucht zu Freiwild». Mit letzterer Aussage meint sie den fehlenden Schutz psychischer und auch physischer Art auf dem beschwerlichen Weg dieser Menschen. Das Gefühl, an Wert zu verlieren komme auf. Und in einem fremden Land sei es niemals einfach. Und nochmals im Vergleich zu den Fluchtbewegungen erklärt Anais Treadwell, das sich zwar historisch-politisch viel verändert habe. «Aber aus der persönlichen Sicht der Menschen nicht. Niemand hat mir gesagt, er würde nicht wieder zurückgehen wollen».

Ihr Eintrag wird nach einer Überprüfung online gestellt.

"variable" Flüchtlichtlingspolitik der Schweiz

Nikos Traianou
schrieb am 08.07.2018 11:46
Während dem 2. Weltkrieg (von 1939 - 1945) praktizierte die Schweiz (wie auch manche andere Länder) eine sog. "variable" Flüchtlingspolitik (vgl. hierzu die beiden Hauptwerke von Max Frisch: "Andorra" und "Dienstbüchlein"). Während den Kriegsjahren wurde - je nach analysierter Kriegslage - die Flüchtlingspolitik, resp. die Einreisepolitik der jeweiligen Kriegssituation angepasst. Erst nach dem Kriegsende (8./9. Mai 1945) wurden die Einreisetore in die Schweiz für alle anerkannten Flüchtlingskategorien weit geöffnet, um auch am allgemeinen Wirtschaftswachstum beim Wiederaufbau Europas teilnehmen zu können und um eine interne wirtschaftliche Prosperität zu sichern.
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