«Wir sind keine Bolschewiki, sondern gute Schweizer Bürger»

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Mit Fliege oder Krawatte: Aufnahme des Brugger Streikkomitees 1918 vor dem Restaurant Güterhalle in der Stadt. (Quelle: AGB/ Sozialarchiv)

Am Ende des Ersten Weltkriegs herrschte nicht nur in den vom Krieg direkt betroffenen Ländern, sondern auch in der Schweiz eine grosse soziale Unrast. Bauern und viele Unternehmer profitierten sehr von der Kriegskonjunktur, derweil die Lage der Arbeiter angesichts hoher Inflation, mit der die Löhne bei weitem nicht mithielten, zunehmend schwieriger wurde. In der Textilindustrie sanken die Löhne gar, die Wohnungsnot stieg. Bei Kriegsende bezog ein Sechstel der Schweizer Notstandsunterstützung, wie Thomas Maissen in seiner «Geschichte der Schweiz» schreibt. Einen Erwerbsersatz für Soldaten gab es noch nicht, der Sold reichte nirgendwohin.

Die Spannungen entluden sich 1918 im Landesstreik, einem bis heute singulären Ereignis im modernen Bundesstaat. Er jährt sich zum 100. Mal. Schon 1917 war es zu Streiks gekommen, in Zürich fand gar schon Ende September 1918 ein lokaler Generalstreik statt. Am 7. November marschierten dann in Zürich Truppen auf. Dies, weil Bürgerliche zum Jahrestag der Russischen Revolution revolutionäre Aktionen befürchteten. Aus Protest gegen den Aufmarsch der Truppen rief das Oltener Komitee, ein Zusammenschluss von Arbeiterführern, zur Arbeitsniederlegung auf.

Am 9. November fanden in 19 Industriestädten, darunter Aarau und Baden, teilweise auch in Brugg, Proteststreiks statt. Am 12. November rief das Komitee schliesslich zum unbefristeten Landesstreik auf. An diesem Tag zählte der Gewerkschaftsbund 250 000 Streikende, darunter viele Eisenbahner. Tags darauf forderte der Bundesrat den bedingungslosen Streikabbruch, was am 14. November auch geschah. Wiederum tags darauf wurde fast überall wieder gearbeitet.

Trotz Abbruch erfolgreich

Der Streik war aber nicht vergebens. Schon 1919 wurde die Forderung nach der 48-Stunden-Woche (vorher 59-Stunden-Woche) erfüllt, auch die Proporzwahlen kamen, wovon die SP bei den Wahlen stark profitierte. Der Streik veränderte die Beziehungen zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern grundlegend, schreibt Bernard Degen im «Historischen Lexikon der Schweiz». So war etwa die Exportindustrie, von der bisher nur wenige Branchen am Rand mit den Gewerkschaften verhandelt hatten, nun zu weitgehenden Abkommen mit der Arbeiterschaft bereit. Auf einer historischen Einsicht hätten die noch vor Kriegsende geschlossenen Gesamtarbeitsverträge und der, auch während des Kriegs, getroffene Entscheid basiert, mit der Schaffung der AHV eine sozialpolitische Wende vorzunehmen. Die Alters- und Hinterbliebenenversicherung kam 1947. Eine andere Forderung von damals, das Frauenstimmrecht, wurde aber erst sehr viel später Realität, nämlich 1971.

Nach dem Aufruf des Oltener Komitees für den 9. November kam damals die Meldung der Streikenden aus Aarau, die Organisation des Generalstreiks sei «gestern Abend in aller Eile vorbereitet» worden, alle grösseren Betriebe der Metall- und Schuhbranche seien stillgelegt, wie Willi Gautschi es in der «Geschichte des Kantons Aargau» formuliert. Zudem ruhe die Arbeit in allen typografischen und lithografischen Unternehmen. Das Gaswerk feiere, im Elektrizitätswerk und im sanitarischen Bereich werde hingegen gearbeitet. Etwa 1900 bis 2000 Personen seien im Streik. Bisher sei dieser ohne jede Störung verlaufen.

In Baden streikten sogar 3350 Arbeiter. Vor dem Eingang zur Brown, Boveri & Cie (BBC) kam es zwischen Streikposten und Arbeitern, die arbeiten wollten, zu einer Keilerei, in die auch der Direktor involviert war, und die «mit einigen blauen Augen und diversen zerbrochenen Regenschirmen endete». Aus Meldungen von Aargauer Gewerkschaftsführern an ihre Spitze in Bern schliesst Gautschi, der über ein Standardwerk zum Generalstreik bekannt wurde, dass «im Aargau in der sozialdemokratischen Arbeiterschaft Kräfte vorherrschend waren, die den Generalstreik nur sozial-gewerkschaftlich und nicht politisch verstanden wissen wollten».

An einer vom Staatsarchiv Aargau und der Historischen Gesellschaft Aargau durchgeführten Tagung in Aarau waren sich die Teilnehmenden einig, dass seitens der Arbeiterschaft kein revolutionärer Umsturz geplant war. Genau dies befürchteten 1918 viele Bürgerliche mit Blick auf die revolutionären Geschehnisse in Russland oder Deutschland. Speziell betont wurde an der Tagung, wie diszipliniert die Streikenden waren und dass an Umzügen striktes Alkoholverbot galt. Bilder wie das vom Streikkomitee Brugg zeigen Streikende im Sonntagsstaat.

Regierung fürchtete Umsturz

Der Regierungsrat beriet am 11. November vertieft, welche Massnahmen zu ergreifen wären, wenn in Aarau die revolutionären Elemente die Oberhand bekommen würden, schreibt Gautschi. Schliesslich durfte der Regierungsrat mit Erlaubnis aus Bern kantonale Truppen aufbieten. Am zweiten Streiktag sagten drei Arbeiterführer in einem Gespräch mit der Kantonsregierung, «sie seien keine Bolschewiki, sondern gute Schweizer Bürger». Es handle sich um einen Kampf um wirtschaftliche Fragen und nicht um ein Unternehmen gegen das Land.

Die Regierung machte damals klar, dass sie die unter Drohung erzwungene Schliessung von Fabriken nicht dulden werde. Streikende dürften die Arbeitswilligen nicht durch Drohen oder Gewalt von der Arbeit abhalten. Daraufhin kamen aus verschiedenen Orten im Kanton Truppenanforderungen, um sicherzustellen, dass Arbeitswillige tatsächlich arbeiten können. Am 12. November räumten Soldaten umgehend den Bahnhofplatz Aarau, als streikende SBB-Arbeiter versuchten, einen Zug der Suhrentalbahn an der Abfahrt zu hindern.

Viele Augen richteten sich auf Baden, in der Stadt führten am 12. November 700 Arbeiter eine Protestversammlung und rund 600 einen Umzug durch. Tags darauf hielten rund 2000 Bürgerliche eine Gegendemonstration ab. Nach der Meldung, dass mehrere 100 Zürcher Streikende am 14. November nach Baden kommen wollten, um den Streik zu unterstützen, forderte die Stadt mehr Truppen an. Schliesslich waren mehrere 100 Soldaten in der Limmatstadt, im ganzen Kanton waren es 3000 bis 4000.

Inzwischen hatte die Kantonsregierung aus Bern grünes Licht für Bürgerwehren. «Bern» bitte jedoch darum, «jede Provokation zu vermeiden und die in Bildung begriffene Bürgerwehr nur im Falle der Not in Aktion treten zu lassen», heisst es im Regierungsprotokoll vom 13. November.

Vor Baden fingen die Armeeposten am 14. November frühmorgens rund 120 Zürcher ab, die zu Fuss unterwegs waren. Sie wurden kurzzeitig «interniert», am Nachmittag wieder freigelassen. Inzwischen war der Streik abgebrochen worden. Die Truppen rückten grösstenteils wieder ab. Dass es in Baden trotz sehr aufgeladener Stimmung keine grösseren Zwischenfälle gab, ist für Gautschi eine Folge der Selbstdisziplin der Streikenden und der Zurückhaltung der Truppen.

Der Streik hatte viele Folgen, darunter eine bürgerliche Gegendemonstration mit 12 000 Teilnehmenden in Vindonissa. Er hatte auch Folgen für die Arbeiter, die den Streik nicht befolgten. Das zeigen neu aufgetauchte Quellen der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften. Diese zeigte Renato Mazzocco, Sekretär des Aargauischen Gewerkschaftsbundes, an der bereits erwähnten Tagung im Staatsarchiv nebst anderen Dokumenten. So liest man im Protokoll der SP Aarau vom 2. Dezember 1918 vom Ausschluss zweier Mitglieder. Ein Mitglied habe «während des Landesstreiks hinter den Kulissen gewirtet». Zudem habe der Mann gesagt, er verlange pro Tag 25 Franken, wenn er schliessen müsste. Den Ausschluss nicht abgewartet haben acht Streikbrecher der Gewerkschaft Verkauf Handel Transport Lebensmittel. Die Tabakarbeiter traten laut Protokoll vom 20. November freiwillig aus.

Die Tabakarbeitersektion Beinwil am See hielt fest, dass am 15. November gut zwei Drittel von ihnen «trotz starken Streikposten die Arbeit wieder aufgenommen» hätten. Viele Mitglieder seien Streikbrecher geworden, heisst es bedauernd, «während im Wynental vollständige Arbeitsruhe herrschte. Das ist kein gutes Zeugnis für die Beinwiler Arbeiterschaft». Sehr verärgert nahm man in der Sektion zur Kenntnis, dass die Fabrikanten Streikbrechern auch den Lohn für den 13. und 14. November zahlten, also für die Tage, als die Fabriken geschlossen waren. Aktuar Emil Hintermann zornig: «Das lässt sich vergleichen mit dem Geld, das die Hohepriester Judas gaben, damit er seinen Herrn verriet.»

Offenbar kam die Meldung vom Ende des Streiks bei dieser Sektion erst am 15. November an. Daraufhin teilte eine Arbeiterdelegation den Fabrikanten mit, man sei bereit, die Arbeit mittags wieder aufzunehmen. Ihnen wurde aber beschieden, das sei «aus technischen Gründen» erst am 18. November möglich. Arbeiter, denen man das nicht mehr rechtzeitig hatte mitteilen können, erschienen am frühen Nachmittag zur Arbeit. Sie wurden wieder heimgeschickt, was den Aktuar zum Eintrag veranlasste: «Es sei hier registriert, dass man später lesen kann, dass wir im Jahr 1918 immer noch Menschen haben, welche über ihre Mitmenschen herrschen, wie dies vor 1000 und 2000 Jahren der Fall war.»

Theatergruppen aus fast allen Kantonen treten in Olten auf, den Anfang macht der Aargau

«100 Jahre Landesstreik» sind der Anlass für ein grosses Theaterprojekt. Dieses geht in der Eisenbahnerstadt Olten über die Bühne. Das ist die Stadt, die damals contre cœur dem berühmten Oltner Komitee den Namen lieh. In der alten Hauptwerkstätte in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof startet am 16. August ein einzigartiges Projekt. Ab dann finden bis zum 25. September insgesamt 27 Vorstellungen statt. Aus jedem Kanton wird ein anderes Teilthema dargestellt. Die Schwyzer thematisieren die Spanische Grippe, die damals wütete. Die Thurgauer berichten von ihrer Milchsperre «oder wie der Kanton Thurgau die Revolutionäre aushungerte». Der Aargau trägt ein kurzes Stück zu Eugen Bircher bei, dem hohen Militär und Chefchirurgen des Kantonsspitals Aarau, der damals eine Bürgerwehr gründete. Dafür proben schon seit längerem rund 40 Laienschauspieler aus dem Freiamt. Ihr Stück heisst «Wehret euch!»

Das mehrsprachige Theater sei als Ort der Begegnung und des Begreifens zu verstehen, schreibt der Solothurner Kulturdirektor Remo Ankli im Geleitwort zum Projekt. Es soll Generationen verbinden, Brücken über Sprachgrenzen hinweg bauen. Ankli erinnert an einen berühmten und zutiefst wahren Merksatz von Peter von Matt: «Ein Land braucht Erinnerung, so wie jeder Einzelne Erinnerung braucht. Wenn ich nicht weiss, woher ich komme, weiss ich nicht, wer ich bin.» (MKU)

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Soldaten in der Limmatstadt: Dragoner reiten im November 1918 während des Landesstreiks über den Badener Schlossbergplatz, grössere Zwischenfälle blieben aber aus. (Quelle: Badener Neujahrsblätter 1969)
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Mit diesem Telegramm gab «Bern» dem Aargau am 13. November 1918 grünes Licht für das Aufstellen von Bürgerwehren. (Foto: MKU/ Quelle: Staatsarchiv Aargau)
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