«Man sagt mir, ich hätte Asphalt im Blut»

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Heinz Aeschlimann in China (zVg)
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Begehrter Spezialist: Heinz Aeschlimanns (2. v. l.) Asphalt-Know-how ist weltweit gefragt; auch beim Bau der grössten Brücke der Welt war er als Berater an Bord. ZVG
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«Ich erlebe die Chinesen als ausgesprochen fair», sagt Aeschlimann. ZVG
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Aeschlimanns Rezepturen für den Gussasphalt bringen wenig Gewicht auf die Brücke und sind gleichzeitig sehr langlebig – das macht sie weltweit gefragt. ZVG
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Heinz Aeschlimann bei der Präsentation seiner Künstlermonografie im Februar 2016. Seine Frau Gertrud (2. v. r.) unterstützt ihn bei seinen Kunstprojekten. MIF

Es ist ein Projekt von gewaltigen Ausmassen, eines, das selbst für chinesische Verhältnisse aussergewöhnlich ist: Seit dem 1. Juli verbindet eine neue Strasse über und unter dem Meer die Mega-City Hong Kong mit den Agglomerationen Zhuhai und Macao. Das Bauwerk besteht aus zwei Brücken und einem sechs Kilometer langen Tunnel. Zeitweise waren über 10’000 Arbeitskräfte gleichzeitig im Einsatz. Kostenpunkt: 18 Milliarden US-Dollar. Massgeblich mitgewirkt hat dabei ein Unternehmer aus der Region: Der 71-jährige Heinz Aeschlimann. Er hat sich auf Gussasphalt-Beläge im Brückenbau spezialisiert und ist mit seiner Zofinger Aeschlimann Asphalt Engineering AG inzwischen ein weltweit gefragter und anerkannter Experte.

Herr Aeschlimann, Sie haben zwei Standbeine, Sie sind Unternehmer und Künstler, und in beiden Bereichen sind Sie sehr erfolgreich. Was ist für Sie der wichtigste Treiber im Leben?

Mich motiviert Kreativität. Ich muss kreativ sein können. Das kann man in der Kunst und im Unternehmertum. Beides braucht Ideen und Visionen, die es umzusetzen gilt. Das macht mir sehr grosse Freude.

Ihre Kreativität begleitet Sie überall hin?

Es brodelt in mir, auch heute noch. Gerade vor 14 Tagen konnte ich wieder zwei Patente anmelden, es geht um Hochwasserschutz (Heinz Aeschlimann ist mit der Aeschlimann Hochwasserschutz AG auch in diesem Bereich tätig, Anmerkung der Redaktion). Wenn ich beispielsweise im Flieger sitze, mache ich Notizen und Skizzen, die ich später umzusetzen versuche.

Sie haben massgeblich beim Bau der grössten Brücke der Welt in China mitgewirkt. Sie wurde am 1. Juli 2018 offiziell eingeweiht. Ein Höhepunkt Ihrer unternehmerischen Karriere.

Man sagt mir, ich hätte Asphalt im Blut. Ich habe mich auf Brückenbeläge spezialisiert, die möglichst dünn sind, damit sie möglichst wenig Gewicht auf die Brücke bringen, und die gleichzeitig sehr lange haltbar sind. Ich habe in diversen Ländern Grossobjekte betreut: In England, Irland, Schottland, Dänemark, in der Ukraine und in Polen, und eben auch in China.

Auch der Belag im Gubrist-Tunnel stammt aus Ihrer Küche.

Ja, dort ist der Belag, den ich entwickelt habe, vor 36 Jahren zum ersten Mal im grossen Stil zum Einsatz gekommen. Es ist immer noch der gleiche Belag, erst etwa in sechs Jahren wird die Sanierung fällig. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich durch den Gubrist-Tunnel fahre.

Das Projekt in China hat gigantische Ausmasse. Zeitweise waren über 10’000 Arbeitskräfte gleichzeitig im Einsatz. Was waren die grössten Herausforderungen?

Die Logistik. Die Rezepturen, die ich mit dem Gussasphalt anstrebe, sind in der Schweiz relativ einfach zu bewerkstelligen. In China hat es ganz andere Mineralstoffe, Sand und Split sind anders. Ich musste also mit anderen Materialien eine ebenso gute Qualität erreichen. Das war eine grosse Herausforderung. Ausserdem spreche ich kein Chinesisch. Ich bin hundertprozentig auf den Dolmetscher, der vom Chinesischen ins Englische übersetzt, angewiesen. Die Chinesen sprechen nicht so gut Englisch, aber auch nicht so gern über Negatives. Wenn ich etwas kritisiere, kommt das oft nicht so hinüber wie es sollte, die Kritik wird abgeschwächt. Auch das war eine grosse Herausforderung.

Sie waren für dieses Projekt rund 20 Mal für rund eine Woche in China. Was hat Sie besonders beeindruckt?

Ich habe gelernt, wie man schneller bauen kann. In der Schweiz bauen wir gut, aber die Chinesen stehen uns punkto Qualität in nichts nach. Und sie arbeiten effizienter. Die Planung der Brücke für 18 Milliarden Dollar nahm dreieinhalb Jahre in Anspruch, vier Jahre dauerte die Umsetzung. Wenn es ein Problem gab, traf man sich an einem grossen Tisch. Teilstäbe erörterten das Problem zwei Stunden lang und schlugen anschliessend Lösungen vor. Das Gremium wählte dann die beste Lösung aus – und man arbeitete weiter. Der Entscheid wurde sofort von allen akzeptiert. In der Schweiz brauchen wir Wochen, um ähnliche Probleme zu lösen. Die Chinesen funktionieren nach ähnlichen Regeln, wie ich sie bei uns im Militär kennen gelernt habe. Es gibt eine klare Zielorientierung und es ist klar, wer was zu sagen hat. Das sorgte auch für viel Sicherheit auf der Baustelle: Während der ganzen Zeit habe ich ein einziges Mal eine Ambulanz gesehen. Die Unfall- und Krankenquote ist unter einem Prozent.

Mit militärischer Organisation haben Sie Erfahrung, Sie haben selbst eine militärische Karriere gemacht, zuletzt als Kommandant eines Genie Regiments. Wie wichtig war diese Erfahrung für Sie?

Ohne die militärische Ausbildung hätte ich ein solches Projekt wie in China nicht abwickeln können. Im Studium jedenfalls lernt man das nicht. Ohne die militärische Ausbildung hätte ich wohl auch nicht so viel Erfolg als Unternehmer gehabt.

Sie haben mit chinesischen Arbeitern den Einbau des Belags geübt. Weshalb war das notwendig?

Chinesen wollen Erfolg haben. Wenn sie auf einer Brücke bauen, darf es keine Panne geben. Also hat man den Belagseinbau geübt. Dazu wurde eine 750 Meter lange Trainingsstrecke aus Beton gebaut. Dort hat man dein Einbau sechs Monate lange geprobt, solange, bis klar war, dass auf der Brücke alles pannenfrei ablaufen würde.

Wie war die Zusammenarbeit mit den chinesischen Brückenbauern?

Immer sehr angenehm, ich erlebe die Chinesen als ausgesprochen fair. Was mich faszinierte ist die Tatsache, dass die chinesischen Arbeiter von «unserer Brücke» sprachen. Abends sagt sich der chinesische Arbeiter: «Das, was ich heute gemacht habe, ist gut. Was ich morgen mache, muss besser sein.» Die Chinesen versuchen sich tagtäglich in Leistung und Qualität zu steigern.

Was können wir von den Chinesen sonst noch lernen?

Wenn ich abends aus dem Hotel komme und am Strand spazieren gehe, dann treffe ich dort auf turnende Gruppen. Sie rufen mich und wollen, dass ich mitmache. Sie sind sehr offen und sehr, sehr hilfsbereit und suchen Kontakt mit den «Westlern».

Ihr zweites Standbein ist die Kunst. Sie fertigen Skulpturen, Plastiken und Kompositionen aus Metall, Asphalt oder Stein. Wie schaffen Sie sich die Oasen der Zeit, um sich um die Kunst zu kümmern?

Ich versuche, mich möglichst gut zu organisieren. Ich spiele weder Golf noch Tennis, sondern nutze die Zeit für das kreative Kunstschaffen. Skulpturen bis 150 Zentimeter mache selbst, was grösser ist, lasse ich ausführen und begleite die Arbeiten, welche mit Schweissautomaten ausgeführt werden. Anders wäre es nicht möglich gewesen, so viele Skulpturen anzufertigen.

Das machen Sie, seit Sie zehn Jahre alt sind.

Ja, ich erhalte auch immer wieder Support von ehemaligen Studenten. (Aeschlimann bezieht sich sein «Artist in Residence Program», mit dem er Nachwuchskünstler unterstützt, Anmerkung der Redaktion). Gerade war wieder ein amerikanischer Professor bei mir, schon zum sechsten Mal. Mit ihm habe ich drei grosse Skulpturen gefertigt.

Was ist für Sie wichtiger: Die Kunst oder das Business?

Beides ist gleich wichtig. Ohne die Kunst wäre ich kein guter Unternehmer geworden, und ohne das Unternehmen hätte ich keine Kunst machen können. Das dritte Element ist die klassische Musik, vor allem jene von Franz Liszt; sie ist auf mich zugeschnitten, sie löst in mir gewaltige Kräfte aus, und ich habe schon einige Skulpturen zu Werken von Liszt geschaffen. Was er in der Musik auszudrücken versucht, versuche in der Skulptur zum Ausdruck zu bringen. Ich freue mich natürlich, dass in seinem Geburtsort in Raiding im österreichischen Burgenland eine dreieinhalb Meter grosse Skulptur von mir steht, und zwar neben seinem Geburtshaus.

In einer Monografie kann man über Sie lesen, dass Sie im Atelier wie besessen arbeiten können, von einem kreativen Rausch ist die Rede. Stimmt das?

Im Unternehmen musste ich als junger Bauingenieur lernen, dass man immer wieder aneckt, oder es belasten einem Dinge, bei denen man auch Unrecht erfährt. Ende Woche gab es für mich oft nur noch die Flucht ins Atelier, ohne Essen, nur mit ein paar Flaschen Mineralwasser. Irgendwann habe ich das Atelier wieder verlassen, manchmal am Samstagabend, manchmal auch erst am Sonntag. Das Zeitgefühl ging verloren, ich war wie in Trance. Danach fühlte ich mich wieder zufrieden und aufgestellt, ohne dass ich geschlafen hatte.

Was hat ihr Umfeld jeweils zu dieser Art Rückzug gesagt?

Ich bin sehr gerne mit guten Freunden zusammen, mit denen man interessante Diskussionen führen kann, die nachhaltig sind. Der Typ für an den Biertisch war ich nie, da ist mir die Zeit zu schade. Von manchen wurde ich wohl schon etwas als gestört wahrgenommen. Aber damit kann ich gut leben. Wichtig ist mir, anders zu sein als die anderen, und dazu stehe ich auch.

Sie absolvieren regelmässig Fahrtrainings auf Rennstrecken. Was fasziniert Sie an der Geschwindigkeit?

Ich bin sehr viel auf der Strasse unterwegs, auch im Ausland. Die Trainings sind vor allem wichtig für die Sicherheit: Ich schule die Reaktionsfähigkeit. Ich finde es auch fantastisch, bei solchen Trainings bei jeder Runde eine Sekunde schneller zu sein. Man setzt das um, was man vom Instruktor gelernt hat. Es ist also ein Kampf gegen sich selbst, nicht gegen einen anderen Fahrer.

Andere in Ihrem Alter geniessen vor allem den Golfplatz, davon kann bei Ihnen nicht die Rede sein, oder?

Ich mag allen ihr gutes Handicap auf dem Golfplatz gönnen. Ich habe andere Pläne. Ich bin Mitorganisator eines internationalen Kongresses in der chinesischen Millionenstadt Chongqing. Dort kommen im Oktober Brückeningenieure aus allen Teilen der Welt zusammen. Das wird viele Impulse für weitere Projekte geben. Zwei weitere Brücken in China sind in Vorbereitung, bei denen ich mich im Asphalt-Engineering-Bereich für ein paar Jahre verpflichtet habe. Zudem laufen drei Brücken-Projekte in Polen an.

Alles, was Sie im Leben angepackt haben, war sehr erfolgreich. Gibt es ein Erfolgsgeheimnis?

Wer Erfolg hat, muss auch lernen, Misserfolge zu bewältigen. Ich hatte sehr viele Misserfolge, das gehört dazu. Je mehr Misserfolge man bewältigen muss, desto eher kommt man durch diese Erfahrung auch zu Erfolgen. Ich habe immer versucht, meine Lehren zu ziehen. Die eigenen Fehler zu akzeptieren, aber nach Möglichkeit einen Fehler immer nur einmal zu machen. Und nie zurückblicken, immer nur nach vorne.

ZUR PERSON

Er war 64 Jahre alt, als der in Strengelbach geborene Heinz Aeschlimann 2010 nochmals richtig durchstartete: Damals verkaufte er sein Unternehmen, die Zofinger Aeschlimann AG, an ein anderes Schweizer Familienunternehmen. 31 Jahre lang hatte er die Firma als CEO geführt, während 28 Jahren war er Verwaltungsratspräsident. «Das Asphalt Engineering, der internationale Teil, führe ich weiter», sagt er. Heinz Aeschlimann ist zudem ein sehr produktiver und erfolgreicher Skulpturenkünstler. Seine Werke sind in internationalen Metropolen zu sehen. Zusammen mit seiner Frau Gertrud hat er das Kunstzentrum «art-st-urban» aufgebaut. Dort organisiert er Ausstellungen fördert mit dem «Artist in Residence Program» Nachwuchskünstlerinnen und -künstler.

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Heinz Aeschlimann am letzten Dienstag im ZT-Medienhaus. Die farbige Skulptur im Hintergrund stammt von ihm. PP
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