Gurtenfestival verzichtet auf Tabakwerbung - die anderen Open Airs denken nicht dran

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77000 Festivalgänger feierten vergangenes Wochenende auf dem Berner Hausberg. KEYSTONE

Die Debatte um die Zukunft der Tabak-Werbung bewegt die Schweizer Open Airs. Als erste Grossveranstaltung ihrer Art verzichtete das Berner Gurtenfestival am vergangenen Wochenende ganz auf Sponsoring-Gelder der Zigarettenbranche. Den Veranstaltern sind so laut eigenen Angaben mehrere hunderttausend Franken entgangen, die der Hersteller British American Tobacco bisher ans Budget beisteuerte. Für die vornehmlich jungen 77 000 Besucherinnen und Besucher änderte sich wenig: Es gab wie in früheren Jahren mehrere Partyzelte, einfach ohne Werbung für die Zigarettenmarke «Parisienne».

Gurten-Sprecher Simon Haldemann sagt, der Entscheid zum Verzicht auf Geldgeber aus dem Bereich Tabak und Spirituosen sei über einen Zeitraum von vier Jahren gefallen. «Wir sind einerseits sehr stark auf das Geld von Sponsoren angewiesen. Andererseits wollten wir den Tabakherstellern nicht mehr einen riesigen Auftritt ermöglichen wie bisher. Auch die Verteilung von Gratismustern und Werbegeschenken hat uns widerstrebt.»

Inzwischen hat das Festival Sponsoren gefunden, die den weggefallenen Betrag zu einem grossen Teil kompensieren – das Spektrum reicht von «Schweizer Fleisch» bis zum Elektrizitätsanbieter «ewb». Das öffentliche Feedback sei sehr positiv ausgefallen, sagt Haldemann, wenn auch mit einer Ausnahme. «Andere Festivals hatten nicht unbedingt Freude an unserem Entscheid, weil sie sich unter Zugzwang gesetzt fühlen.»

«Tabak gehört zum Festival»
Tatsächlich: Bei der Konkurrenz des Gurtenfestivals herrscht derzeit wenig Interesse, auf das Geld der Tabakmultis zu verzichten. Mit ein Grund sind jährlich steigende Gagenforderungen der Musiker, die den finanziellen Spielraum der Veranstalter einschränken. «Zigaretten und Alkohol gehören zu unserem Festival», betont die Sprecherin des Open Airs St. Gallen auf Anfrage. Nachdem Philip Morris beim Ostschweizer Festival vor Kurzem als Sponsor ausgestiegen war, fand sich schnell ein neuer Zigarettenhersteller, der in die Bresche sprang: Ende Juni rührte statt Philip Morris mit der Marke Chesterfield der Hersteller Japan Tobacco International mit der Marke Winston die Werbetrommel im Sittertobel.

Gerade auch kleinere Veranstalter warnen vor höheren Ticketpreisen beim Verzicht auf Tabak-Sponsoren und zweifeln am präventiven Nutzen von weniger Zigarettenwerbung. Christoph Bill, Leiter des Heitere-Festivals in Zofingen, sagte dieser Zeitung im vergangenen Herbst: «Ich habe nicht das Gefühl, dass wir die Welt verbessern, wenn das Eichhof-Eichhörnchen und der Winston-Adler nicht mehr sichtbar sind.»

Anders sieht dies der Präsident des Berufsverbandes der Haus- und Kinderärzte, Philippe Luchsinger. «Die Zigarettenhersteller sprechen an den Open Airs gezielt ein junges Publikum an. Das ist problematisch.» Der oberste Hausarzt der Schweiz zeigt sich überzeugt, die Festivals könnten auch ohne Zigarettenwerbung überleben. «Ich frage mich, ob sich die Veranstalter genügend bemüht haben, andere Sponsoren zu finden. Ich kann mir vorstellen, dass es einfach bequemer ist, wenn das Geld von den Tabakherstellern kommt.»

Druck auf das Parlament
Luchsinger gehört zu den Mitinitianten der kürzlich lancierten Volksinitiative «Ja zum Schutz der Kinder und Jugendlichen vor Tabakwerbung», welche «jede Art von Werbung für Tabakprodukte» verbieten will, «die Kinder und Jugendliche erreicht». Unter das von der Initiative vorgesehene Werbeverbot würde auch das Sponsoring an Schweizer Open-Air-Festivals fallen. Zur Trägerschaft gehören unter anderem die Ärzteverbindung FMH sowie die Krebsliga Schweiz.

Die Initianten wollen die notwendigen 100 000 Unterschriften bis Ende Jahr beisammen haben. Noch vor Beginn der parlamentarischen Debatte zum Tabakproduktegesetz: So wollen sie den Druck auf National- und Ständerat erhöhen, schärfere Werbeeinschränkungen vorzusehen, als dies bisher geplant ist. Ob das gelingt, ist eine andere Frage. Eine Mehrheit des Parlaments zeigte bisher wenig Interesse daran, Tabakwerbung einzuschränken.

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