«Irgendwo wird es sicher eine zweite Erde geben»

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Marc Horat leitet das Planetarium im Verkehrshaus Luzern – der Mond und die Reisen dorthin faszinierten den Astrophysiker schon als Zwölfjähriger. (Bild: Philippe Pfister)
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Zum Mars fliegen möchte Horat nicht unbedingt: «Die Erde ist der Ort, der dafür geschaffen ist, dass wir Menschen hier leben können», sagt er. (pp)
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(zVg)

Herr Horat, im Sommer gibt es doch kaum etwas Schöneres als unter dem klaren Nachthimmel zu liegen und die Sterne zu beobachten. Warum soll man also zu Ihnen ins Planetarium kommen?

Marc Horat: Ich gebe Ihnen recht: Der echte Sternenhimmel ist immer ein unvergessliches Erlebnis. Aber in unserem Planetarium ist er noch ein bisschen spezieller: Wir können hier Dinge zeigen, die man unter dem normalen Sternenhimmel gar nicht sieht. Wir können beispielsweise Sternbilder einfacher zeigen als dies unter dem Nachthimmel möglich ist. Und wir können sogar Ausflüge ins Weltall unternehmen.

Am nächsten Freitag ist etwas ganz Besonderes am Nachthimmel zu sehen.

Ja, wir werden eine totale Mondfinsternis erleben dürfen. Dabei fliegt der Mond durch den Erdschatten. Er wird also verfinstert, allerdings wird er nicht schwarz, sondern rot.

Warum rot?

Das Sonnenlicht wird durch unsere Lufthülle, die Erdatmosphäre, abgelenkt. Auf der Oberfläche des Mondes kommt nur noch das rote Licht an, deshalb verfärbt er sich rot, und man spricht umgangssprachlich auch vom Blutmond.

Und wie gut wird man diesen Blutmond beobachten können?

Die Schweiz ist nicht ein idealer Ort, um diese Mondfinsternis wirklich gut beobachten zu können. Der Mond wird schon voll verfinstert aufgehen, man wird ihn also am Himmel nicht so einfach finden. Zudem ist es Sommer, es ist also lange hell, auch deshalb wird es nicht so einfach sein, den verdunkelten Mond zu sehen. Das Ende der Finsternis wird man aber gut beobachten können.

Was passiert hier im Planetarium während der Mondfinsternis?

Ein Teil des Verkehrshauses und das Planetarium sind an diesem Abend geöffnet. Wir werden hier die Finsternis erleben, wie man sie am Sternenhimmel sonst nicht zu sehen bekommt. Auch die astronomische Gesellschaft Luzern ist beteiligt; sie wird das Ereignis mit Fernrohren beobachten. Im Filmtheater werden wir Filme zum Thema zeigen. Speziell ist auch, dass der Mars an diesem Abend so gut zu sehen sein wird wie seit 14 Jahren nicht mehr – auch dazu werden Inhalte im Verkehrshaus gezeigt.

Das heisst, wer die Mondfinsternis auch bei schlechtem Wetter verfolgen will, kann das im Planetarium tun?

Genau, falls das Wetter nicht mitspielt, ist das Planetarium einer der wenigen Orte in der Schweiz, wo man die Finsternis trotzdem sieht. Wir können die Wolken einfach ausschalten.

Der Mond übt auf die Menschen seit Jahrtausenden eine grosse Faszination aus. Was ist das Geheimnis dahinter?

Der Mond ist das astronomische Objekt, das uns am nächsten liegt, und neben der Sonne das hellste. Schon deshalb hatte der Mond immer eine grosse Bedeutung, auch in den alten Kulturen. Er ist so etwas wie der am nächsten gelegene und prominenteste Zugang zum unendlich grossen Weltall.

Der Mond soll einen grossen Einfluss auf uns Menschen ausüben, beispielsweise sollen Geburten in Vollmond-Nächten häufiger sein und die Haare bei zunehmendem Mond schneller wachsen. Wie beurteilen Sie als Astrophysiker diese Dinge?

Die Wissenschaft ist sich nicht einig, ob der Mond wirklich solche Effekte auf uns hat. Es gibt mehrere Studien darüber, manche haben leichte Einflüsse gefunden, vor allem auf das Schlafverhalten – das ist der einzige Zusammenhang, der einigermassen plausibel ist. Andere Studien dagegen haben solche Zusammenhänge nicht bestätigen können. Das Einzige, was solche Auswirkungen erklären kann, ist das Licht: Bei Vollmond es viel heller als in einer Nacht, in der kein Mond am Himmel zu sehen ist. Aber selbst dies ist in unserer modernen Zivilisation eher eine Nebensächlichkeit, denken Sie nur an die ganze Lichtverschmutzung, die überall herrscht. Wirklich dunkle Nächte gibt es kaum mehr. In jeder Nacht leuchtet mehr künstliches Licht als der Mond je beitragen könnte. Sie sehen, ich bin also eher skeptisch.

Die Verschwörungstheorien, die behaupten, die Amerikaner seien nie auf dem Mond gewesen und die Landung sei nur ein inszenierter Fake, halten sich hartnäckig. Was sagen Sie zu solchen Behauptungen?

Die erste Mondlandung liegt nun bald 50 Jahre zurück. Damals stand die Technik, so etwas zu faken, noch gar nicht zur Verfügung. Wissenschaftlich und praktisch gesehen ist es nicht realistisch, dass die Landung nicht stattgefunden hat. Die ersten, die sich zu Wort gemeldet hätten, wären die Russen gewesen. Die haben jede Bewegung, die die Amerikaner gemacht haben, sehr, sehr genau verfolgt. Die Amerikaner haben ausserdem Dinge auf der Mondoberfläche zurückgelassen, Laserpunkte beispielsweise, die man heute noch messen kann und Mondgestein zurückgebracht. Ausserdem gibt es inzwischen hochauflösende Bilder, auf denen die Landestellen und sogar die Laufspuren der Astronauten zu sehen sind.

Die Schweiz war ja mit einem Experiment ebenfalls auf dem Mond vertreten. Können Sie uns das näher erläutern?

Es handelte sich um ein Sonnenwind-Experiment; es ging darum, die Strahlung der Sonne zu messen. Es war tatsächlich ein Schweizer Experiment aus Bern, das mit Apollo 11 mitflog. Es wurde noch vor der amerikanischen Flagge aufgestellt: Das erste Ding, das auf dem Mond eingesteckt wurde, war also nicht die US-Fahne, sondern ein Experiment aus der Schweiz.

Haben Sie schon als kleiner Junge die Sterne beobachtet?

Angefangen hat es mit einem Besuch in der Sternwarte Hubelmatt in Luzern, das war ungefähr mit zwölf Jahren. Seither hat mich das Thema nicht mehr losgelassen, und mein Weg war klar.

Und schon mit zwölf wollten Sie Astrophysiker werden?

Das hat sich entwickelt. Ich habe angefangen mir Gedanken zu machen, wie ich an dem Thema dranbleiben und mich darin beruflich entwickeln kann. Jetzt habe ich hier im Planetarium den absoluten Traumjob. Hier kann ich die Faszination für mein Fachgebiet auch weitergeben, das ist extrem spannend.

Was macht es so faszinierend, die unendlichen Weiten des Weltalls zu erforschen?

Es sind genau diese unendlichen Weiten, das Ganze ist für uns irgendwie nicht fassbar. Es sind Dimensionen, die wir uns gar nicht mehr vorstellen können. Allein in unserer Milchstrasse, die wir als helles Band am Himmel sehen, gibt es mehrere hundert Milliarden Sterne, die Milchstrasse ist aber nur eine von mehreren hundert Milliarden Galaxien im Universum.

Das ist tatsächlich für niemandem mehr fassbar ...

... und genau das, was die Faszination ausmacht – definitiv nicht mehr von dieser Welt. Es reicht schon der Blick in den Sternenhimmel, um diese Faszination zu wecken – all das und noch viel mehr ist dort draussen!

Was man natürlich gerne wissen möchte: Sind wir die einzigen intelligenten Lebewesen im All?

Rein statistisch sicher nicht. Wahrscheinlich besitzt jeder Stern, den wir am Himmel sehen Planeten. Allein schon in der Milchstrasse gibt es somit hunderte Milliarden Möglichkeiten, wo sich etwas Ähnliches wie auf der Erde hat entwickeln können. Wenn wir ins Universum schauen, gibt es noch praktisch unendlich viel mehr Chancen dazu. Irgendwo wird es sicher eine zweite Erde geben, das ist keine Frage. Ob wir aber je Kontakt mit anderen intelligenten Lebewesen haben werden – das ist eine andere Geschichte.

Wie gross schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass man in den nächsten Jahrzehnten einen harten Beweis finden wird, ob wir die einzigen sind oder nicht?

Seit ungefähr 20 Jahren ist die Suche nach Antworten auf diese Frage das Boom-Gebiet innerhalb der Astronomie. Inzwischen hat man schon 2500 Sterne gefunden, die von Planeten umkreist werden. Es werden immer bessere Fernrohre gebaut, um weitere Planeten zu finden. Das ultimative Ziel ist es, einen Ort wie den unseren aufzuspüren, auf dem es Leben geben kann. Ich glaube, in den nächsten Jahrzehnten wird auf diesem Forschungsgebiet einiges passieren. Ich bin daher relativ zuversichtlich, dass wir innerhalb dieses Zeitraums Gewissheit erlangen werden, ob wir die einzigen sind oder nicht.

Auf dem Mars hat man trotz jahrelanger Suche noch keinen definitiven Beweis für Leben gefunden, trotzdem träumen die Menschen von einer Reise dahin. Ist eine bewohnte Kolonie auf dem Mars möglich?

Möglich sicher, aber nicht ganz simpel. Der Mars macht es uns alles andere als einfach, um dort zu leben. Die Atmosphäre ist sehr dünn, den Sauerstoff, den wir brauchen, gibt es nicht. Die Sonneneinstrahlung ist heftig, von Wasser gar nicht zu reden, das gibt es nur in Spuren unter der Oberfläche. Für uns ist es also schwierig, da zu leben, und es wird sehr anspruchsvoll sein, eine bleibende Kolonie zu etablieren.

Werden wir das machen, werden wir bald eine solche Kolonie sehen?

Ich denke schon, die Frage ist nur, ob es permanent sein wird. Der Aufwand für eine permanente Kolonie ist sehr, sehr gross. Das wirft auch eine politische Frage auf: Können wir das, wollen wir uns das leisten? Aber sicher werden die Menschen versuchen, auf dem Mars zu landen. Ob wir wirklich ständig da leben werden, ist aber eine andere Frage.

Wenn Sie selbst bei einer Mars-Mission mitfliegen und längere Zeit auf dem Roten Planeten leben könnten – würden Sie tun wollen?

Nein. Die Erde ist der Ort, der dafür geschaffen ist, dass wir Menschen hier leben können. Leider tragen wir zu unserer Heimat nicht allzu viel Sorge. Wir sollten uns mehr bewusst werden, dass die Erde der einzige bekannte Ort ist, auf dem wir leben können. Ich denke nicht, dass das Leben auf dem Mars wirklich schön wäre, eher ein Kampf ums Überleben. Und wenn dort irgendetwas schiefgeht – ja, dann ist Feierabend.

ZUR PERSON

Marc Horat (33) studierte in Basel und Utrecht Physik mit Schwerpunkt Astrophysik. Er war als Lehrer und IT-Spezialist tätig, bevor er im Sommer 2014 die Leitung des Planetariums im Verkehrshaus Luzern übernahm. Als Kurator hat er die Gesamtverantwortung für sämtliche Inhalte, die im Planetarium gezeigt werden. Horat tauscht sich auf nationaler und internationaler Ebene intensiv mit anderen Planetarien und Fachleuten. Aus. Er wohnt in Kriens LU und ist Vater von drei Kindern.

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