«Beim Sport ist das Mass entscheidend»

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Dr. Eric Reiss hat vor allem mit schwerwiegenden Sportverletzungen zu tun. (Bild: Michael Wyss)

Haben Sie sich auch schon beim Sport verletzt?

Eric Reiss: Sicher. Jeder, der regelmässig Sport treibt, wird sich dann und wann verletzen. Das tut uns Ärzten aber auch ganz gut, wenn wir sehen, wie man mit Verletzungen leben muss. Man lernt mit den Jahren, damit umzugehen und dass es körperliche Grenzen gibt. Das muss man auch in die sportlichen Vorhaben einflechten und man muss lernen, sich adäquat zu seinem Potenzial zu belasten.

Wieso haben Sie die Sportmedizin gewählt?

Das kam, weil ich mit Sport gross geworden bin. Schon durch das Studium haben mich eigener Sport und Sportverletzungen begleitet. Irgendwann während der Ausbildung zum Orthopäden ist es immer mehr in den Fokus gerückt. Es war ein inneres Bedürfnis.

Hat ein in der Sportmedizin tätiger Arzt eine spezielle Ausbildung hinter sich?

Die Sportmedizin, wie wir sie betreiben, ist eine Zusatzqualifikation. Nebst der Facharztqualifikation der Orthopädischen Chirurgie und Traumatologie kann man sich weiter zum Sportmediziner qualifizieren.

Was war die komplizierteste Verletzung, die Sie behandeln mussten?

Diese Frage kann man schnell beantworten: 5. März 2013, die schwere Verletzung von Ronnie Keller im Eishockeyspiel des EHC Olten gegen den SC Langenthal. Die hohe Querschnittverletzung war sicher die grösste Herausforderung in all meinen Jahren.

Sie sind beim EHCO seit 2005 für die medizinische Betreuung verantwortlich. Wie gross ist der Aufwand?

In den letzten Jahren ist der Aufwand kontinuierlich gewachsen, weil auch die Ambitionen gewachsen sind. Der Betreuerstab wurde professionalisiert mit Physiotherapeuten und Sporttherapeuten im Hintergrund. Die engmaschige Zusammenarbeit findet in irgendeiner Form eigentlich täglich statt.

Das muss Ihnen als Arzt weh tun, wenn Sie sehen, wie die Eishockeyaner teilweise aufeinander losgehen.

Schon. Aber im Handball beispielsweise ist die Verletzungsgefahr noch grösser. Die Eishockeyspieler sind gut gepolstert und geschützt. Wenn sie sich an die Regeln halten, passiert relativ wenig. Unsere grösste Sorge im Hockeysport sind die Gehirnerschütterungen und weniger die klassischen Sportverletzungen. Diese sind handelbar.

Welche Verletzungen müssen Sie am meisten behandeln?

Ich bin in den letzten Jahren knie- und schulterlastig geworden. Ich habe viel mit Kreuzband- und Knorpelverletzungen zu tun. Das hat auch damit zu tun, dass im mittleren Alter weiter Sport getrieben wird und diese Knorpelverletzungen immer mehr ins Zentrum rücken. Der 50-Jährige akzeptiert es heute nicht mehr, wenn man ihm sagt, dass er kürzer treten sollte. Stattdessen fragt er: «Was kannst du mir bieten, damit ich den Sport weiter ausüben kann.» Das kann ich verstehen und ich weiss, dass das eine Zukunftsaufgabe sein wird.

Wird die Vorbereitung mit dem Alter immer wichtiger?

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass je älter man wird, umso mehr Aufwand betrieben werden muss, um das Level einigermassen halten zu können.

Wie bereitet man sich am besten für ein Training oder einen Wettkampf vor?

Grundsätzlich ist es wichtig, dass man sich früh damit auseinandersetzt, wenn man eine Zielsetzung wie beispielsweise einen Powerman hat. Man sollte sich frühzeitig einen Zeitplan machen und dann regelmässig darauf hinarbeiten. Man muss auch Dinge tun, die man vielleicht nicht so gerne macht wie Dehnen, Auslaufen und Entspannen. Auch die Ruhephasen müssen eingehalten werden. Wir sehen selbst im Profibereich, dass diese Dinge sehr wichtig sind, um mehr Leistung abrufen zu können.

Wie wichtig sind der Aufbau und die Pflege der Rumpfmuskulatur?

Die zentrale Rumpfstabilisation steht mehr und mehr im Zentrum. Deshalb ist in vielen Sportarten das Thema Yoga immer wichtiger geworden. Du siehst im Eishockey auch Spieler, vor allem diejenigen aus Nordamerika, die nach dem Match und dem Auslaufen ihre Stabilisationsübungen machen.

Gibt es allgemein gültige Ratschläge, die vor Verletzungen besser schützen würden?

Auf jeden Fall. Die Älteren erinnern sich noch an die Skigymnastik zur Vorbereitung im Wintersport. Das ist heute fast ausgestorben. Die Leute gehen aus dem Büro ins Auto und dann auf die Skipiste. Die Verletzungsrisiken steigen einfach. Es gibt aus Genf gute Unfallzahlen aus dem Wintersport, die zeigen, dass die Kreuzband-, die Schulter- und die Kopfverletzungen zunehmen. Das liegt an vielen Dingen, im Wintersport beispielsweise am Kunstschnee, aber eben auch daran, dass die Leute weniger vorbereitet sind. Wenn man sich ein Ziel ordentlich setzt und die Erwartungen realistisch platziert, muss man sich auch darauf vorbereiten.

Wird in der Schweiz genug unternommen, um Verletzungen vorzubeugen?

Ich sehe die Menschen in der Schweiz als sehr gesundheitsbewusst und -orientiert. Viele kennen sich sportlich sehr gut aus. Ich sehe auch in den Vereinen der Region mehr und mehr das Bedürfnis, mit uns hin und wieder Rücksprache zu nehmen. Ich habe oft Kontakt mit Trainern, die bereits in der Jugendarbeit versuchen zu sensibilisieren und es gibt auch Eltern, die sehr engagiert sind. Wir haben hier eine sehr gesundheits- und sportbewusste Bevölkerung.

Ist Sport für den Menschen überhaupt gesund?

Ja. Das kennen wir von den alten Griechen: Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Das spiegelt sich gerade in dieser Zeit wieder, in der sich die Aktivität in der Altersschiene immer weiter nach hinten verschiebt. Aktive Menschen im Alter haben selbst mit Kunstgelenk ein viel besseres Körpergefühl und sind gesünder. Auch sind die Verletzungsrisiken und Folgeprobleme deutlich kleiner. Auf jeden Fall empfehlen wir Sport im gesunden Mass. Es ist wie überall im Leben: Das Mass ist entscheidend.

Wie wichtig ist die Sportmedizin, um Erfolg zu haben?

Die Sportmedizin ist ein Teil des Ganzen. Es sind das Training, der Trainer, die Therapeuten, der Plan und die Sportmedizin, die hilft, Verletzungen zu vermeiden und wenn sie da sind zu behandeln. Oder auch in der Leistungsdiagnostik anhand von soliden Daten Empfehlungen bezüglich Ernährung und Training abzugeben.

Ohne geht es heute also nicht mehr?

Dem ist so. Alle Spitzensportler haben heute einen Stab um sich herum mit sportmedizinbehafteten Menschen, sei es in der Ernährung oder in der Leistungsdiagnostik. An der Fussball-WM hat man gesehen, was da während den Spielen an Staff auf der Bank sitzt. Früher sass da einer, heute sind es zehn Ärzte oder Therapeuten.

Wie unterscheidet sich die Sportmedizin vom Profi- zum Amateurbereich?

Die Verfügbarkeit der Ressourcen ist eine ganz andere. Im Amateurbereich sehen wir viele, die die Begleitung suchen und finden und es gibt viele, die in Eigenregie handeln. Das macht es für uns manchmal schwierig, gute Ratschläge zu geben. Es ist natürlich auch so, dass die Profisportler das Zeitfenster und die Möglichkeit haben, schneller zu rehabilitieren. Die Ressourcen sind wesentlich mehr gegeben.

Wer ist einfacher zu behandeln?

Ich glaube, es ist eher sportartenspezifisch. Wir im Eishockey haben zum Beispiel sehr viel Glück, dass wir viel Einfluss nehmen können und das auch wahrgenommen wird. In anderen Sportarten ist sehr viel kritisches Verhalten vorhanden. Der Profi hat oft das Verständnis für die Notwendigkeit, aber wenig Verständnis für die Zeit, die es braucht. Die besten Beispiele dafür sind etwa der deutsche Fussball-Nationaltorwart Manuel Neuer oder die Skirennfahrerin Lindsey Vonn. Da sind so viele Partikularinteressen hintendran, dass es manchmal schwierig wird, jemandem eine Pause zu verordnen. Bei den Amateuren ist eher die Frage, wie er das umsetzt, was du ihm sagst.

Wie hat sich die Sportmedizin in den letzten zehn, fünfzehn Jahren entwickelt?

Wir sehen eine rasante Entwicklung in allen sportmedizinisch beteiligten Gebieten, sei es die Innere Medizin, die Physiologie oder die Sportverletzungsbehandlung bei uns Orthopäden. Vor zehn, fünfzehn Jahren bedeutete eine Knorpelverletzung am Knie oder an der Hüfte oft das Ende der Karriere. Heute können wir Knorpelzellen züchten. Wir können Hand bieten, um ein Gelenk in den «Nahe-Urzustand» zurückzubringen. Diese Entwicklung ist in den letzten Jahren schnell gegangen, hat sehr viel gebracht und sorgt bei den Sportlern wieder für mehr Lebensqualität.

In welche Richtung wird sich die Sportmedizin noch entwickeln? Und wo gibt es noch Nachholbedarf?

Nachholbedarf gibt es in der Prävention und im Erfassen von Verletzungsmustern und -ursachen. Ein Beispiel kann ich spontan nennen: Weshalb reissen Kreuzbänder wieder? Da hat die Fifa sehr viel getan. Es gibt in London ein Institut, das sich nur mit dieser Fragestellung auseinandergesetzt und festgestellt hat, dass wir uns in den Rehabilitationsfragen sehr lange nur aufs Knie fokussiert haben, dass wir aber sehr viele Probleme in der zentralen Stabilisierung haben, dass wir sehr viele Probleme in den Hüftstabilisatoren haben. Man hat feststellen können, dass gewisse Hüftmuskeln sehr wichtig sind für die Stabilität im Knie. Diese Dinge aufzuarbeiten und zu analysieren, ist eine grosse Herausforderung für die Zukunft. Das auch umzusetzen und zu implementieren in die Trainingsprogramme und bis zur Basis herunterzubringen, ist die Schwierigkeit. Man muss die Jugend dahinbringen, dass sie anerkennt, dass es auch Dehnungs- und Kräftigungsübungen, Yoga und alternative Sportarten braucht. Das birgt viel Potenzial für die Zukunft.

Gibt es Verletzungen, die früher häufiger vorkamen und solche, die heute häufiger sind?

In den Ausdauersportarten ist sicher eine Überbelastungsproblematik von Gelenken, Sehnenansätzen und Muskulaturen häufiger. Im Eishockey sehen wir weniger Bruchverletzungen, weil die Schutzmassnahmen greifen. Die Versicherungen, Vereine und Trainer verstehen, dass es flankierende Massnahmen braucht. Es braucht die geschützten Schuhe und geht hin bis zu den Strümpfen, die kevlarverstärkt sind. Auch das Verständnis bezüglich Gehirnerschütterungen nimmt jedes Jahr zu. Wir haben ein exzellentes Institut in Zürich, das sich hauptsächlich mit Gehirnerschütterungen auseinandersetzt und wovon wir sehr viel Wissen transportiert bekommen. Wir sehen viele Verletzungen, die zurückgehen, sehen aber auch welche, die wieder kommen. Die älteren Skifahrer kennen noch den Knöchelbruch, weil die Schuhe auf Knöchelhöhe zu Ende waren. Das gibt es heute so gut wie nicht mehr. Wir sehen heute dafür mehr Kreuzbandverletzungen, weil der Skischuh fast bis zum Knie hochgeht. Und gerade durch den Kunstschnee haben wir eine extreme Zunahme an Wirbelsäulenverletzungen. Der Helm beim Skifahren ist wichtig, aber mindestens so wichtig ist der Rückenpanzer.

Sind heute bereits jüngere Sportlerinnen und Sportler von schweren Verletzungen betroffen?

Ich sehe zum Glück selten richtig schwere Verletzungen bei jungen Sportlern. Wenn man sie sorgsam fördert und aufbaut, kann man viel Präventionsarbeit leisten. Wenn man 12-, 13-, 14-Jährige hat mit Gelenkverletzungen am Knie durch Trampolin, Turnen, Abstürze oder Eishockey sind das zum Teil Beschwerden, die karrierelimitierend sein können. Die Jungen haben zwar ein hohes Regenerationspotenzial, aber die Verletzungen können auch richtungsweisend für eine Verschlimmerung in der Zukunft sein. Da braucht es viel Kraft auch von den Familien, dass man einen guten Weg findet.

Wie gehen Sie mit Schicksalsschlägen um, die Ihre Patienten erleiden?

Es gibt Schicksale, die begleiten einem auf dem Weg. Wenn man ähnliche Verletzungsmuster sieht, ist dieses eine Ereignis sofort wieder da. Das lernt einem, dankbar und demütig zu sein. Arbeit hilft, Familie hilft und der eigene Sport hilft, um abzuschalten. 

 

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